Leverkusens Bellarabi Löws neues Flügel-Ass

Noch vor Wochen galt er als zu schlecht für Leverkusens Startelf. Jetzt steht Karim Bellarabi erstmals im Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft. Wer ist der Mann, den Bundestrainer Löw berufen hat?

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Aus Leverkusen berichtet


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Ein dünner Schweißfilm lag auf den Wangen von Karim Bellarabi, als er am Mittwochabend kurz vor Mitternacht aus der Kabine trat. Beim Leverkusener 3:1-Sieg gegen Benfica Lissabon hatte der Fußballprofi der Stunde wieder einmal zahllose Kontrahenten getunnelt, umspielt und ins Leere laufen lassen, nun stand eine letzte, ungleich schwerere Herausforderung bevor: Er musste die Wahrheit umdribbeln.

Denn natürlich vermuteten alle Anwesenden, dass Bellarabi längst wusste, was am Donnerstag offiziell bekannt gegeben wurde: Joachim Löw berief ihn für die Länderspiele in Polen und gegen Irland in den Kader der deutschen Nationalmannschaft. Der designierte Debütant durfte aber nichts preisgeben; dem Bundestrainer zuvorzukommen, wäre kein guter Start in die Nationalmannschaftskarriere gewesen. "Dazu kann ich im Moment nur sagen, dass ich mich über den Sieg freue. Was auf mich zukommt, werde ich sehen", erklärte er professionell lächelnd.

Ganz wohl schien Bellarabi sich nicht zu fühlen, seine schwarze Kappe hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er mag solche Spielchen offenbar nicht, was ihn sehr sympathisch macht. Der 24-Jährige ist ein offener Typ, und wie geplant gelangte die Nachricht von der Nominierung dann am Donnerstag über die vorgesehenen Wege an die Öffentlichkeit. Löw begründete die Berufung Bellarabis mit dessen Stärken im Eins-gegen-eins, er sei "eine hervorragende Alternative in unserer Offensive".

Die Nominierung hat weitreichende Folgen für den Außenstürmer, der als Sohn einer marokkanischen Mutter und eines deutschen Vaters auf die Welt kam und später auch noch mit einem ghanaischen Stiefvater zusammenlebte. Außer dem Deutschen Fußball-Bund, wo Bellarabi für die U20 und die U21 spielte, bemühen sich nämlich auch Marokko und Ghana schon länger um Bellarabis Dienste. Wenn der Umworbene aber jetzt in einem der beiden bevorstehenden Pflichtspiele für Deutschland zum Einsatz kommt, darf er für keine andere Nation mehr auflaufen. Dieser Umstand gehörte in Löws Überlegungen sicher zu den Argumenten für eine schnelle Nominierung des Leverkuseners.

In Leverkusen galt er als Wechselkandidat

Für Bellarabi wäre es einfacher gewesen, in Afrika regelmäßig Länderspiele zu absolvieren, aber er hat sich für den komplizierten Weg entschieden. In der DFB-Elf konkurriert er mit Stars wie André Schürrle, Thomas Müller, Marco Reus oder Mesut Özil um zwei Startelfplätze auf den offensiven Außenbahnen. Aber diese Herausforderung fürchtet Bellarabi nicht, er hat gelernt, sich gegen Skeptiker durchzusetzen. Vor der Saison wurde ihm nicht mal zugetraut, den hochgerüsteten Kader von Bayer Leverkusen zu verstärken.

Als Trainer Roger Schmidt nach seiner Vertragsunterschrift beim Werksklub im Frühjahr erste Gespräche mit Bayer-Sportdirektor Rudi Völler über seinen künftigen Kader führte, hatte er zunächst kein großes Interesse an dem Fußballer, der damals an Eintracht Braunschweig ausgeliehen war. Schmidt kannte den ebenso schnellen wie technisch beschlagenen Profi kaum. Beim Trainingsauftakt in Leverkusen galt Bellarabi noch als Kandidat für einen Transfer oder eine erneute Ausleihe.

Ein Wechsel hatte sich aber schnell erledigt, denn mit Schmidt und Bellarabi haben sich zwei Fußballbesessene gefunden, die bestens zueinander passen. "Ich fühle mich sehr wohl im System von Roger Schmidt. Deswegen denke ich, dass es sehr gut zu mir passt", hatte Bellarabi am Mittwochabend noch gesagt, bevor er sich in seine letzte Nacht als Nicht-Nationalspieler hinausbegab.

"Karim gehört in die Stammelf der Nationalmannschaft"

Bellarabi habe seine Spielweise "von Anfang an verinnerlicht", sagte Schmidt kürzlich: "Er hat aus unserer Spielidee seine Spielidee gemacht und hat gemerkt, dass er nicht nur mit Ball schnell ist, sondern auch gegen den Ball. Dadurch macht er noch einmal einen richtigen Sprung."

Und dieser Entwicklungsschritt hat noch einen weiteren Grund: Der in Bremens sozialem Brennpunkt Huchting aufgewachsene Fußballer hat seinen Durchbruch gezielt geplant. "Ich wollte dieses Jahr noch mal alles herausholen, deshalb habe ich mich privat schon lange vor dem Trainingsauftakt vorbereitet", sagte er.

Sein Aufstieg bis ins Nationalteam überrascht dann auch nicht alle. Hakan Calhanoglu, Bellarabis Kumpel aus dem Leverkusener Mittelfeld, glaubt, dass es noch viel höher hinausgeht. "Karim hat sich unglaublich entwickelt, er ist ein außergewöhnlicher Spieler, in meinen Augen gehört er in die Stammelf der Nationalmannschaft." Er klang dabei mächtig beeindruckt.

DFB-Kader gegen Polen und Irland
  • DPA
    Tor: Manuel Neuer (Bayern München), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

    Abwehr: Jérôme Boateng (Bayern München), Erik Durm (Borussia Dortmund), Matthias Ginter (Borussia Dortmund), Mats Hummels (Borussia Dortmund), Shkodran Mustafi (FC Valencia), Antonio Rüdiger (VfB Stuttgart), Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim)

    Mittelfeld: Karim Bellarabi (Bayer Leverkusen), Julian Draxler (Schalke 04), Christoph Kramer (Borussia Mönchengladbach), Toni Kroos (Real Madrid), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (FC Arsenal), André Schürrle (FC Chelsea)

    Sturm: Mario Götze (Bayern München), Max Kruse (Borussia Mönchengladbach)

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