Frage: Karl-Heinz Riedle, mit welchen Empfindungen wechselten Sie 1997 von Borussia Dortmund zum FC Liverpool?
Riedle: Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Kenny Dalglish, Graeme Souness, Kevin Keegan, Ian Rush - das waren Helden meiner Jugend. Das Rot des Clubs hatte für mich seit jeher eine magische Anziehungskraft.
Frage: Hatten Sie keine Sorgen, dass es für einen Deutschen schwer werden könnte?
Riedle: Die Sorge wurde beim ersten Pub-Besuch ausgeräumt. Ich wollte mit einem Freund in den Tagen der Vertragsunterzeichnung etwas trinken gehen. Wir standen an einem Tisch, da kam ein Engländer daher, stellte uns zwei Bier hin und wir waren im Gespräch: "Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier?" Der kannte mich überhaupt nicht. Da wusste ich: "Hier bist du richtig!"
Frage: Erfüllte der Club Ihre Erwartungen?
Riedle: Peter Robinson war damals noch Sportdirektor. Ein Edelmann in jeder Hinsicht. Die Vertragsgespräche fanden in seinem kleinen Büro statt. Alles in Rot gehalten, mit Holz verkleidet und mit schweren Ledermöbeln eingerichtet. Wie alle Verantwortlichen begegnete er mir mit großem Respekt aufgrund meiner sportlichen Erfolge, er kannte alle Details meiner Karriere.
Frage: War es in England noch üblich, dass die Jungen den Oldies die Tasche nachtrugen?
Riedle: Die A-Jugendlichen putzten unsere Schuhe. Michael Owen hat meine in den ersten Wochen noch für mich gesäubert. Als er dann fest bei den Profis war, musste er das aber nicht mehr machen.
Frage: Michael Ballack musste bei seinem Einstand beim FC Chelsea ein Lied auf Deutsch singen: "Du entschuldige, i kenn di" von Peter Cornelius. Wie war das bei Ihnen?
Riedle: In Liverpool war es Tradition, das Einstandslied nicht am Anfang, sondern bei der sagenumwobenen "Christmas Party" zu singen. Ich habe mir also an Weihnachten eine Lederhose angezogen und irgendein Lied in dieser Richtung, was weiß ich, "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" oder so, angestimmt.
Frage: Sie können sich nicht mehr erinnern?
Riedle: Das liegt daran, dass mein Vortrag offenbar so schlecht war, dass schon nach zehn Sekunden zahllose Biergläser über meinem Kopf ausgeleert wurden. Die Taufe setzte meinem Gesang ein Ende.
Frage: Deutsche Trainer wie Ewald Lienen verbieten ihren Spielern sogar, Cola zu trinken.
Riedle: Ein Coach, der in England solche Ansagen gemacht hätte, wäre ausgelacht worden. Wenn wir nach einem siegreichen Spiel in Liverpool in den Bus einstiegen, standen dort schon die gekühlten Kisten Bier. In Fulham in der zweiten Liga sind die Spieler fast jeden Tag nach dem Training in den Pub gegangen. Und was soll ich sagen? Die sind trotzdem in jedem Match neunzig Minuten gerannt.
Frage: Ihr erstes Spiel in der Premier League absolvierten Sie gegen den FC Wimbledon. Ihr Gegenspieler hieß Vinnie Jones.
Riedle: Ich kannte den nur vom Namen und wusste nicht, welchen Stellenwert er in England genoss. Ihm eilte der Ruf als "Schlächter" voraus. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich einen Fuß von ihm im Gesicht hatte.
Frage: In der 71. Minute foulte Jones sie erneut, der Schiedsrichter gab Elfmeter, den Michael Owen zum 1:1-Endstand versenkte.
Riedle: Vorher gab es noch eine andere Strafraumsituation, als der Ball nach innen kam, ein Verteidiger grätschte dazwischen, und ich flog spektakulär über ihn drüber.
Frage: Sie wollten einen Elfmeter schinden.
Riedle: So in der Art. Ich lag also als sterbender Schwan am Boden und wartete ab, als mich plötzlich mein Teamkollege Steve McManaman packte, mich hochzog und anschnauzte: "Junge, das kannst du in fucking Germany machen!" In England schreiten sogar die eigenen Leute ein, wenn einer eine Schwalbe versucht.
Das Interview führte Tim Jürgens
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