Rummenigge attackiert DFB "Durchsetzt von Amateuren"

Eigentlich sollte in München nur eine Ausstellung zu Ehren von Jupp Heynckes eröffnet werden. Doch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge holte zum großen Rundumschlag gegen den DFB aus - und gab eine Personalempfehlung ab.

Von Florian Kinast, München


Jupp Heynckes griff zum Taschentuch, vor ihm auf einer Leinwand lief ein Kurzfilm über sein Leben und seine Erfolge. Und als zum Schluss Szenen seiner finalen Verabschiedung von den Mitarbeitern an der Säbener Straße im Mai liefen, kamen ihm die Tränen.

Es war zunächst ein rührseliger, aber wenig aufregender Termin am Freitag in München. Heynckes war anlässlich der Eröffnung einer Sonderausstellung zu seinen Ehren in die Allianz Arena zurückgekehrt. In gläsernen Vitrinen sind dort nun persönliche Exponate wie der Anzug aus dem Champions-League-Finale 2013, Gartenhandschuhe von seinem Bauernhof am Niederrhein, eine Biografie von Nelson Mandela und eine CD von Michael Jackson zu sehen.

Die Vernissage neigte sich nach vielen blumigen und huldvollen Worten von Karl-Heinz Rummenigge bereits dem Ende entgegen, als es mit der friedlichen Stimmung plötzlich vorbei war. Denn dann legte der Vorstandsboss des FC Bayern los und attackierte den DFB inklusive Präsident Reinhard Grindel mit harten Worten und bezeichnete die Führungsspitze - kompakt zusammengefasst - als inkompetente Dilettanten.

Jupp Heynckes, Karl-Heinz Rummenigge
DPA

Jupp Heynckes, Karl-Heinz Rummenigge

Nach Elogen zu Heynckes und erwartungsgemäß nichtssagenden Antworten zu möglichen Transfers wie Ante Rebic oder Benjamin Pavard schien Rummenigge, so wie er sich danach in Rage redete, nur auf eine Frage zu seiner Einschätzung des WM-Debakels und den Folgen gewartet zu haben. "Ich bin irritiert und erstaunt, was man beim DFB als Krisenbewältigung betreibt, mir fehlt da ein bisschen die Fußballkompetenz", hob Bayerns Klub-Boss an und erinnerte an das Debakel bei der EM 2000, als Deutschland ebenfalls in der Gruppenphase ausgeschieden war.

"Damals gab es einen Profi an der Spitze des DFB, Gerhard Mayer-Vorfelder, der sich mit den verantwortlichen Leuten der Klubs zusammengesetzt hat und danach mit klugen Schachzügen die Kurve gekriegt hat. 2002 wurde Deutschland Vizeweltmeister, vor allem hat man Nachwuchszentren in jedem Klub obligatorisch installiert, aus denen dann die Neuers, Müllers, Schweinsteigers und Lahms hervorgingen." Ein klarer Angriff auf Grindel, der in Rummenigges Augen demnach kein Profi ist.

Amateure, Landesfürsten, Valium

Doch damit war Rummenigge noch lang nicht fertig, er legte nach, als habe sich in der Sommerpause bis zu seinem ersten Auftritt am Freitag eine Wut aufgestaut, der er sich nun Luft verschaffen musste. So sagte er über das Treffen der Landesverbände in der DFB-Zentrale am Donnerstag: "Mir fehlt die professionelle Handhabung der Krisenbewältigung. Es wundert mich auch nicht, denn der DFB ist durchsetzt von Amateuren. Das haben sie auch gestern wieder gezeigt, in dem sie die Landesfürsten eingeladen und mit viel Valium beruhigt haben. Aber das ist nicht der Ansatz, der ihnen helfen wird, um eine Krise zu bewältigen." Amateure, Landesfürsten, Valium: Rummenigge war in Fahrt wie lange nicht mehr: "Ich bin nicht überzeugt, dass am Ende des Tages mit diesen Leuten die richtigen Ansätze gefunden werden."

Bundestrainer Joachim Löw nahm er dabei ausdrücklich in Schutz, sein Verbleib im Amt sei verständlich. "Dass Fehler gemacht wurden, liegt auf der Hand. Trotzdem sollte man Löw die Chance geben." Angesichts der Erfolge in den vergangenen zwölf Jahren und des WM-Titels 2014: "Bei solch einem Mann ist man auch zu einem Stück Dankbarkeit verpflichtet." Sprach's, um dann nochmal seine Angriffe gegen Grindel zu untermauern. Einen Rücktritt fordere er nicht, sagte Rummenigge. "Ich stelle nur fest, dass beim DFB komplett nur Amateure das Geschehen übernommen haben. Da spielen natürlich Leute wie Koch (Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbandes, d. Red.) und andere Landesfürsten eine Rolle."

"Philipp und seinen Berater halte ich für perfekt passend"

Als Beispiel führte Rummenigge noch den Videobeweis an, mit dem es in der Bundesliga in seiner ganzen ersten Saison immer wieder gehakt habe. "Bei der WM ging das ohne Vorbereitung sechs Wochen ohne Probleme. Vieles läuft einfach nicht in die richtige Richtung, und das hat mit den handelnden Personen zu tun."

Weshalb er plötzlich gleich einen Namen ins Spiel brachte, der seiner Ansicht nach ins DFB-Präsidium gehört: Philipp Lahm. "Philipp und seinen Berater Roman Grill halte ich für perfekt passend für den DFB. Philipp hat diese Qualität, für einen Verband zu arbeiten. Vielleicht wäre das eine interessante Lösung, bei den nächsten Wahlen Lahm als Vizepräsident zu installieren, um dem Präsidium mehr Professionalität zu geben."

Rummenigge verurteilte auch noch das Krisenmanagement in der Sache des Erdogan-Fotos und den Umgang mit Mesut Özil: "Drei Wochen nach dem Ausscheiden Mesut als exklusiven Sündenbock zu sehen, das ist überzogen."

Dann war Rummenigge fertig, er verschwand und passierte noch die Vitrine mit dem Gesellenzeugnis von Jupp Heynckes von seiner Lehrzeit als Stuckateur im März 1962, darin vermerkt dreimal ein "Gut". Die Noten, die Rummenigge am Freitag dem DFB aussprach, waren allesamt ungenügend.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 20.07.2018
1. Kein Zufall
Philipp entwickelt sich seit einiger Zeit doch zusehends schon vom Auftreten her ins gesetzt "Präsidiale". Finde ich ok.
xxzxcuzx me 20.07.2018
2. In der Form hart, in der Sache richtig
So eine Geschichte würde es in keinem anderen Verband der Welt geben, da wünscht man sich fast Gerhard Mayer Vorfelder zurück. Der DFB hat viele Baustelle, die Aufarbeitung der WM ist eine. Ein "Betriebsfremder" würde dem DFB nicht nur gut tun, sondern ist eigentlich zwingend notwending.
dreizugdenker 20.07.2018
3. Mal wieder keine Ahnung
Herr Rummenigge! Ein Amateur ist jemand, der einer Beschäftigung aus Begeisterung nachgeht, wogegen ein Profi zuallererst und oft genug zuletzt mal an seinen Profit denkt. Das Problem ist also: zu viel Gedanken an Geld, zu wenig Liebe zum Fußball. Glauben Sie mir: Profis gibts beim DFB schon zu viele.
peter-11 20.07.2018
4. richtig
Das musste wohl mal deutlich gesagt werden. Was Herrn Rummenige angeht, bin ich eher ein recht kritischer Mensch, aber hier trifft er den Nagel auf den Kopf.
isnogood444 20.07.2018
5. Der Uhren Kalle
In der Sache hat er ja nicht unrecht, vielleicht sollte er sich aber um seinen Verein kümmern.
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