Kasachstan-Kicker Schmidtgal Ein Deutscher will die Deutschen ärgern

Eigentlich spielt er in der Zweiten Bundesliga - am Dienstag aber in der EM-Qualifikation für Kasachstan gegen Deutschland. Die Geschichte des Underdogs Heinrich Schmidtgal, der zwei Pässe hat und nur eines will: eine Chance ganz oben.

dpa

Von


Hamburg - In Oberhausen läuft gerade "Malocherschicht die IV." - unter dieses Motto hat der Zweitligist Rot-Weiß aus der früheren Bergbau-Stadt die aktuelle Spielzeit gestellt. "Das müssen dann natürlich auch die Spieler auf dem Platz vorleben", sagt Heinrich Schmidtgal. Der 24-Jährige geht mit gutem Beispiel voran: Als engagiert, schnell und zweikampfstark wird er in Oberhausen beschrieben. Seit kurzem ist Schmidtgal nach Ersatztorwart Stephan Loboué (Elfenbeinküste) der zweite Nationalspieler im derzeitigen RWO-Kader.

Wenn Kasachstan am Dienstag (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) Deutschlands Nationalelf empfängt, dann dürfte auch Schmidtgal auf dem Kunstrasen der Hauptstadt Astana stehen. Er ist in der früheren Sowjetrepublik geboren, aufgewachsen ist er hingegen in Ostwestfalen. Neben der kasachischen besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Bernd Storck, der deutsche Trainer Kasachstans, hat Schmidtgal im Sommer in die Landesauswahl berufen. Sein Debüt feierte der Mittelfeldakteur beim 0:3 im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei. Gegen Belgien am vergangenen Freitag war er "einer meiner Besten", sagte Storck. "Ich bin froh, dass er sich für Kasachstan entschieden hat."

Über Verl und Bochum nach Oberhausen

Für Schmidtgal war der Flug ins rund 4000 Kilometer entfernte Astana auch eine Reise ins Ungewisse: "In der Hauptstadt wurde vieles neu aufgebaut, teils sehr modern. Allerdings gibt es auch viele arme Leute, diese Diskrepanzen kannte ich so noch nicht." Als er zwei Jahre alt war, zog seine Familie nach Deutschland. Schmidtgal verbrachte Kindheit und Jugend im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock, spielte ab der C-Jugend für den SC Verl, machte sein Abitur und studierte vier Semester Sport und Maschinentechnik.

Den Sprung in den Profifußball schaffte Schmidtgal nicht auf Anhieb. Fast wäre der Traum sogar geplatzt, ehe er richtig begonnen hatte. Marcel Koller, damals Trainer des Bundesligisten VfL Bochum, machte sich im September 2006 seinetwegen auf nach Verl und beobachtete den damals 20-Jährigen bei einer Oberligapartie gegen Westfalia Herne. "Ich war in dem Spiel wirklich nicht gut", sagte Schmidtgal später der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Er bekam schließlich doch noch einen Vertrag beim VfL. Die Bochumer zeigten sich von den Leistungen des 1,74 Meter großen Mittelfeldspielers beeindruckt, der den SC Verl zum Aufstieg in die Regionalliga geführt hatte.

Unter der Woche Training mit dem Profi-Team, am Wochenende Einsätze in der zweiten Mannschaft des VfL: So sah Schmidtgals Alltag zwölf Monate lang aus. Doch dann schickte ihn Koller auch zum Training zu den Amateuren. "Das war wie ein Schlag ins Gesicht", sagte Schmidtgal, der auch nach zwei Jahren in Bochum immer noch kein Spiel im Profibereich auf dem Konto hatte.

"Mit Abstand bester und vor allem konstantester Feldspieler"

Das sollte sich zur Saison 2009/10 ändern. Schmidtgal wechselte zu RWO - und startete durch. Er begann als linker Verteidiger, rückte dank seiner Offensivqualitäten aber rasch eine Position nach vorn und verpasste von den 34 Ligaspielen lediglich eins. Besonders bei Freistößen und Flankenläufen sorgte Schmidtgal für Gefahr in den gegnerischen Abwehrreihen. Fünf Treffer erzielte er selbst, zehn weitere bereitete er vor. Die Zeitschrift "Reviersport" kürte ihn nach seiner ersten Profisaison zum "mit Abstand besten und vor allem konstantesten Feldspieler" der Oberhausener.

Die Belohnung für seine Leistungen folgte kurz darauf mit der Nominierung für die kasachische Nationalmannschaft. "Ich hab das mit der Familie und Freunden diskutiert. Alle haben sich für mich gefreut und mir zugeraten. Ich freue mich auf die Erfahrungen", hatte Schmidtgal vor seinem internationalen Debüt erzählt. Von seiner Mannschaft wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht viel, nur "dass zwei Jungs in Russland spielen, der Rest wohl in Kasachstan".

Nationaltrainer Storck sieht den kasachischen Fußball zwar auf dem Weg zu mehr Professionalität, hält die Nummer 126 der Fifa-Weltrangliste aber derzeit noch für ein fußballerisches Entwicklungsland.

"Für uns geht es nur darum zu lernen"

Die Bilanz der drei bisherigen Quali-Spiele für die EM 2012 ist denn auch ernüchternd: drei Niederlagen, null Tore. Schmidtgal freut sich trotzdem "richtig auf die Partie gegen Deutschland". Das Spiel sei "der Knaller schlechthin. Ich versuche, mein Bestes zu geben und es zu genießen". Schließlich gibt es statt Liga-Alltag gegen Augsburg oder Aue ein Duell mit dem WM-Dritten. Der linke Mittelfeldmann dürfte sich auf seiner Seite mit Bayern-Verteidiger Philipp Lahm messen. Schmidtgal würde den DFB-Kapitän mit schnellen Offensivaktionen gern ein wenig ärgern. Sollte Deutschland am Ende allerdings nicht deutlich gewinnen, wäre es für ihn "eine große Überraschung".

Auch Storck räumt Kasachstan keine Chance ein. "Für uns geht es nur darum zu lernen. Das ist eine wunderbare Möglichkeit für meine Spieler, sich weiterzuentwickeln. Wir bekommen Anschauungsunterricht auf höchstem Nivau." Die Position als krasser Außenseiter ist Schmidtgal auch aus Oberhausen vertraut, sie wird dort regelrecht kultiviert. Das RWO-Maskottchen hört auf den Namen "Underdog".

Schmidtgal betont in Interviews stets, wie wohl er sich in Oberhausen fühlt, wie begeistert er von der familiären Atmosphäre im Club ist. Doch seine starken Auftritte sollen bereits das Interesse einiger Erstligisten geweckt haben. Und Schmidtgal ist ehrlich genug, um zu sagen, dass es selbstverständlich sein Ziel sei, irgendwann mal in der Ersten Bundesliga zu spielen. Dann könnte sich der Malocher häufiger mit Lahm und Co. messen.



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ichbinsleid, 11.10.2010
1. ...
Na, da sind wir mal gespannt, ob der wohl bei jedem Ballbesitz von den Deutschen ausgepfiffen wird?
Umberto, 11.10.2010
2. +++
Zitat von IchbinsleidNa, da sind wir mal gespannt, ob der wohl bei jedem Ballbesitz von den Deutschen ausgepfiffen wird?
Von welchen Deutschen denn? Gibt's davon so viele in Astana?
dynamotor 11.10.2010
3.
Zitat von IchbinsleidNa, da sind wir mal gespannt, ob der wohl bei jedem Ballbesitz von den Deutschen ausgepfiffen wird?
Von wem? Von den 50 Allesfahrern und Groundhoppern?
Arthi, 11.10.2010
4. .
Zitat von sysopEigentlich spielt er in der Zweiten Bundesliga - an diesem Dienstag aber in der EM-Qualifikation*für Kasachstan gegen Deutschland. Die Geschichte des Underdogs Heinrich Schmidtgal, der zwei Pässe hat und nur eines will: eine Chance ganz oben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,722309,00.html
Schön das die Beispiele für misslungene Integration gezeigt werden. Ihm sollte der deutsche Pass entzogen werden, anscheinend bevorzugt er ja Kasachstan.
torsten79 11.10.2010
5. Nur konsequent...!
Zitat von ArthiSchön das die Beispiele für misslungene Integration gezeigt werden. Ihm sollte der deutsche Pass entzogen werden, anscheinend bevorzugt er ja Kasachstan.
Ihre Reaktion kann ich nicht nachvollziehen. Wollen Sie allen Ernstes behaupten, Özil sei wegen seiner Wahl für die deutsche Nationalmannschaft ein gelungenes, Schmidtgal jedoch ein misslungenes Beispiel für Integration...? Einmal abgesehen davon, dass ich bezweifle Integrationserfolge bzw. -misserfolge an Einzelpersonen (und dann auch noch erfolgreichen) festzumachen, so sucht Schmidtgal doch - ebenso wie Özil - letztlich nur für sich selbst die beste Perspektive. Während Özil mit seinem Anspruch als "Weltstar" bessere Chancen für sich in der Deutschen Nationalelf sah und sieht, so sieht Schmidtgal diese eben in der kasachischen. Aber doch nicht, weil sein Herz nun besonders für Kasachstan schlägt, sondern weil er - das würde er sicher auch zugeben - in Deutschland aufgrund mangelnder Qualitäten wohl nicht ohne Weiteres die Chance haben würde für die Nationalelf zu spielen. Ich denke, dass in der gesamten Debatte ein wenig mehr Pragmatismus und weniger Patriotismus gefordert ist. Denn das Beispiel Özil zeigt doch sehr schön wie groß der innerliche Konflikt ist. Während die deutsche Nationalhymne ertönt, betet Özil den Koran (ja, eine Religion ist keine Frage der Staatszugehörigkeit und doch ist die Zugehörigkeit zum Islam dem deutschen nicht "typisch"), bei seinem Tor zum 2:0 gegen die Türkei blieb der Jubel aus...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.