Kaufrausch in Hoffenheim: Turbodünger auf Streuobstwiesen

Von Christoph Biermann

Rund 20 Millionen für neue Spieler? Ein Zweitliga-Aufsteiger hat damit kein Problem. Doch Hoffenheim ist ab sofort nicht mehr Ort für ein kuscheliges Experiment zur Neuerfindung des Fußballs. Es hat vielmehr gezeigt, dass es aus dem Stand ein Big Player werden kann.

Man kann den SAP-Mitbegründer und Milliardär Dietmar Hopp politisch zwar nicht bei den Grünen ansiedeln, aber wenn es um die von ihm gehegte TSG Hoffenheim ging, hörte es sich immer ein wenig so an, als würde über Streuobstwiesen und nachhaltiges Wirtschaften gesprochen. Statt sich einfach eine Mannschaft zusammenzukaufen, setzte Hopp nämlich auf innovatives Fußballmanagement.

Neuzugang Eduardo: Neun Millionen Euro für ein großes Talent
DPA

Neuzugang Eduardo: Neun Millionen Euro für ein großes Talent

Der 67-Jährige stellte vergangenes Jahr mit Trainer Ralf Rangnick, dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters, Klinsmanns Psychologen Hans-Dieter Hermann und weiteren Spezialisten ein Team zusammen, das den Fußball nicht neu erfinden, aber ihn zumindest nach modernsten Gesichtspunkten erarbeiten sollte. Das klang interessant, war es auch und wurde in diesem Sommer mit dem Zweitliga-Aufstieg belohnt.

Den Plan vom smarten Umgang mit Fußball mag es immer noch geben, aber seit den Millionen-Transfers der vergangenen zehn Tage macht es den Eindruck, als hätte Hoffenheim plötzlich auf die Benutzung von Düngemitteln und den Einsatz von Gen-Manipulation umgestellt. Spektakuläre 20 Millionen Euro investierte der Club aus dem Kraichgau nach eigenen Angaben in die Zugänge, fast so viel wie der Rest der zweiten Liga zusammen. Und mehr als alle Bundesligisten, abgesehen vom FC Bayern.

Dafür kam eines der angeblich größten Talente des brasilianischen Fußballs. Carlos Eduardo, für den sich auch etliche europäische Spitzenclubs interessiert hatten, wechselte für geschätzte neun Millionen Euro vom brasilianischen Erstligisten Gremio Porto Alegre nach Hoffenheim. Dazu kamen ein senegalesischer und ein nigerianischer Nationalstürmer. Der Saisonetat des Zweitligaaufsteigers wurde mal eben multipliziert, denn zunächst war Hoffenheim mit zwölf Millionen Euro in die Saison gegangen. "Unser Ziel ist die Bundesliga. Leider haben die ersten Spiele in der zweiten Liga gezeigt, dass wir Verstärkungen brauchen", begründet Hopp in der "Rhein-Neckar-Zeitung" die "Investitionen für die Zukunft".

Man kann allerdings sagen, dass Hoffenheim nicht ganz vom Weg abgekommen ist. Die konservative Variante wäre es gewesen, auf die erprobte Qualität einiger Ex-Nationalspieler zu setzen, die sich auf der Zielgeraden ihrer Karriere befinden. Arminia Bielefeld etwa hatte das Mitte der neunziger Jahre so gemacht, als sie Thomas von Heesen als Spieler vom Hamburger SV nach Ostwestfalen holten und mit ihm den direkten Durchmarsch aus der dritten Liga in die erste schafften.

Hoffenheim hat sich zwar gegen den geduldigen Aufbau mit Nachwuchs aus der Region entschieden, setzt dafür aber nun auf einen Welt-Talentschuppen. Keiner der drei neuen Spieler ist älter als 22 Jahre. Das bedeutet, dass sie noch weiter ausgebildet werden müssen, dadurch aber auch wertvoller werden. Weil jedoch keiner von ihnen den deutschen Fußball kennt, und der Brasilianer Eduardo nicht einmal Europa, wird das Trio die Hoffenheimer nicht automatisch zu einem Favoriten auf den Aufstieg machen, wie viele jetzt schon meinen.

Innerhalb weniger Tage ist jedoch klar geworden, wozu Hopps Club in der Lage ist. Hoffenheim ist nicht mehr der Ort (oder war es nie) für ein kuscheliges Experiment zur Neuerfindung des Fußballs, sondern hat nun gezeigt, aus dem Stand ein Big Player werden zu können.

Das ist ein wenig erstaunlich, weil Hopp früher immerhin so geduldig war, vier Jahre in der Oberliga und sogar sechs in der Regionalliga auszuhalten. Vielleicht muss es jetzt aber schneller gehen, weil 2008 das neue Stadion fertig sein soll. Dann müssen nicht mehr 6350 Plätze gefüllt werden, sondern 30.000.

Der Club wird durch die Transfercoups ab sofort ernster genommen, aber ernster sind auch die Einwände gegen ihn. Die Umbenennung der TSG Hoffenheim in 1899 Hoffenheim konnte die Abwesenheit von Tradition schon nicht kaschieren. Auch wenn der Club mehr als hundert Jahre alt ist, war er doch die meiste Zeit davon ein unbedeutender Dorfverein. Überdies fehlen Fans, und es fehlt eine Aura, die der Verein sich durch behutsame Fortschritte unter interessanten Bedingungen hätte verschaffen können.

Das nun eingeleitete Turbowachstum wird etwaige Sympathien dämpfen. Zuvor konnte man vielleicht noch das Gefühl haben, dass Hoffenheim vielleicht ein SC Freiburg mit anderen Mitteln wäre, doch nun erscheint es eher wie ein weiterer VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen. Und der Bedarf danach ist doch schon gedeckt.

P.S.: Ich bin erst einmal auf einer längeren Recherche. Deshalb erscheint meine nächste Kolumne am Freitag, dem 28. September.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Fast alles über Fußball
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback