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Ex-Nationalspieler in Moskau: Kuranyi sagt Doswidanja

Von , Moskau

Kevin Kuranyi verlässt Dynamo Moskau nach fünf Jahren. Der Winter setze seiner Familie zu, sagt der ehemalige Nationalstürmer. Insider vermuten: Der russische Rubel spielte bei seiner Entscheidung die größere Rolle.

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REUTERS

Drei Meter hoher Granit trennt das Universum von Dynamo Moskau von der russischen Außenwelt. Hinter der Mauer liegt das - von bewaffneter Security - gesicherte Trainingsgelände: drei Fußballfelder, zwei Saunas, ein 150-Betten-Hotel. Es gibt eine Bibliothek, einen mit dunklem Holz vertäfelten Raum. Ein elektrischer Kamin flackert in der Ecke. Die Tür schwingt auf, herein kommt federnd ein Exemplar einer aussterbenden Art: ein klassischer deutscher Mittelstürmer mit Nationalmannschaftserfahrung.

Kevin Kuranyi ist jetzt 33 Jahre alt. Er hat die letzten fünf Jahre hier in Moskau verbracht, in der Peripherie des europäischen Fußballs. Aber er wirkt ausgelassen, fast sorglos. Er schwärmt für Klub, Stadt, Land, Teamkollegen, gerade so, als sei er erst zu Dynamo gewechselt. Das Gegenteil ist richtig: Im Sommer wird Kuranyi Russland verlassen. Weil er selbst nicht mehr wollte, sagt Kuranyi. Weil der Klub ihm das Gehalt zusammenstreichen will, sagen Beobachter.

Als Kevin Kuranyi 2010 nach Moskau wechselte, war das auch eine Flucht. Kuranyi hatte in der Saison für Schalke 18 Tore geschossen, in der Nationalmannschaft aber kam er auf keinen grünen Zweig. Bundestrainer Joachim Löw demontierte Kuranyi später sogar öffentlich. Der Auslöser war die "Flucht" Kuranyis von der Tribüne während der Halbzeitpause eines Länderspiels.

Kuranyi hoffte auf die Champions League

Kuranyi wählte damals die russische Hauptstadt, um anzugreifen. Er wollte Löws Aufmerksamkeit gewinnen, mit Toren und mit internationalen Erfolgen. Dynamo schien ihm die richtige Adresse. Die Russen waren elf Mal Sowjetmeister. Sie lockten mit Geld und dem Versprechen, ein Top-Team zu formen mit Champions-League-Format.

Richtig aufgegangen ist der Plan in keinem der fünf Jahre. Kuranyi ist drei Mal Vierter geworden, einmal Siebter. Er hat 14 Europa-League-Spiele bestritten, in fünf Jahren ist das nicht viel. Zum Ende der laufenden Saison rangiert der Klub wieder mal auf Rang vier. Er habe sich aber immer wohlgefühlt, erzählt Kuranyi. Dass er so lange in Russland bleiben würde, habe er nie gedacht. "Aber es hat mir in Moskau gefallen, meine Familie hat sich hier gut eingelebt. Der Verein hat eine gute Entwicklung genommen, und deswegen habe ich auch verlängert."

Dynamos Ambitionen zielten freilich auf Größeres, die Investitionen auch. In fünf Jahren hat der Verein 130 Millionen Euro in neue Spieler investiert. 2013 übernahm der Klub die Konkursmasse des gescheiterten Oligarchen-Vereins Anschi Machatschkala: Sechs Spieler für 67 Millionen Euro. Das Geld dafür stammte unter anderem von der russischen Großbank VTB. Sie gehört dem russischen Staat.

Auch wenn Kuranyi heute das Gegenteil behauptet: Er wäre wohl gern noch eine Saison lang für Dynamo aufgelaufen. Vor einem Monat hatte er den Wunsch zu bleiben noch bekräftigt. Nach einem Treffen mit dem Klub-Chef und Putin-Vertrauten Boris Rotenberg war es vorbei. "Ich höre auf wegen meiner Familie", sagt Kuranyi jetzt. "Der Winter hier setzt einem schon ordentlich zu. Für mich ist das schwierig, aber für meine Familie noch schwieriger, weil ich dann Trainingslager im Ausland habe. Sie müssen den ganzen Winter hier ohne mich verbringen."

Bislang der zweitteuerste Spieler der Liga

Russische Fußball-Experten haben eine andere Erklärung für den Abschied. Der Sportjournalist Alexander Bubnow vermutet, Kuranyis Entscheidung habe weniger mit dem russischen Winter zu tun als mit dem russischen Rubel. Der Verein habe ihm nur noch zwei Millionen Euro geboten. Bislang seien es knapp sechs gewesen. "Das war ein Schlag ins Gesicht", sagt Bubnow. Auf der Liste der bestbezahlten Kicker hatte Kuranyi bislang weit vorn gelegen, auf Platz zwei hinter dem Brasilianer Hulk von Meister Zenit Sankt Petersburg.

Dynamo hat vor kurzem allerdings angekündigt, Jahresgehälter bei Neuverträgen und Vertragsverlängerungen auf zwei Millionen Euro zu kappen, wegen finanzieller Schwierigkeiten. Dynamo-Sponsor VTB kämpft schwer mit den Sanktionen des Westens. Oligarch und Klubpräsident Rotenberg steht auf den Sanktionslisten von EU und USA, wegen seiner Unterstützung der Krim-Annexion. Über Politik will Kuranyi nicht sprechen. "Ein Fußballer muss sich auf den Sport konzentrieren."

Bei Dynamo finden sie nur lobende Worte für den Deutschen. "Wir schätzen seine Verdienste für das Team und respektieren seine Entscheidung", sagte Dynamo-Trainer Stanislaw Tschertschessow. "Er war einer der ersten Top-Spieler in der russischen Liga", lobt Ex-Trainer Sergej Silkin. Aber Kuranyis beste Jahre seien halt vorbei.

Die Zukunft, sagen sie bei Dynamo, soll einem Jüngeren gehören. Alexander Kokorin ist 24, Nationalspieler und Russlands größtes Sturmtalent. "Kokorin ist wie ein kleiner Bruder für mich", sagt Kuranyi. "Wir haben viel voneinander gelernt. Er wollte, dass ich bleibe." Im April nahm Kuranyi Kokorin vor Kritikern in Schutz. Seit fünf Monaten hat der 24-Jährige kein einziges Tor für Dynamo geschossen. "Er wird Dynamo aber in die Zukunft führen", sagt Kuranyi.

Und wie es bei ihm selbst weitergeht? Kuranyi berichtet, er habe ein paar Angebote. "Noch ist nichts entschieden", sagt Kuranyi. Er würde gern noch mal Bundesliga spielen, die Atmosphäre hat er vermisst in Russland, wo sich nur ein paar Tausend in den Stadien verlieren. Vielleicht geht er auch in die USA. Alles scheint offen. Nur ein Kapitel ist laut Kuranyi definitiv abgeschlossen: "Die Nationalmannschaft ist für mich kein Thema mehr."

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