Boatengs Wechsel zum FC Barcelona Ein Kantiger für die Künstler

Beim FC Barcelona soll Kevin-Prince Boateng nicht nur den Angriff entlasten, seine mentale Stärke soll dem Team guttun. Der 31-Jährige hat eine ungewöhnliche Karriere gemacht.

Getty Images

Von Florian Haupt, Barcelona


Kevin-Prince Boateng ist herumgekommen in der Welt des Fußballs, und so betritt er an diesem Januarmittag nicht zum ersten Mal das riesige Camp Nou, das Fußballstadion in der spanischen Millionenstadt Barcelona. Mit dem AC Mailand war er mal zur Champions League da, zuletzt mit der UD Las Palmas zur spanischen Liga. Im Januar 2017 setzte es ein 0:5. Doch wie das Leben so spielt: dass Boateng nun im Stadion unter dem Tagesmotto "Enjoy Prince" als neuer Profi des FC Barcelona präsentiert wird, hat auch mit jenem Tag zu tun.

Noch vor seinem starken Jahr in Frankfurt erwiesen sich die Kanaren damals als Jungbrunnen für eine Karriere, über deren Ende er nach der Vertragsauflösung auf Schalke schon nachgedacht hatte. In der spanischen Liga, "der besten, wichtigsten und der mit dem schönsten Fußball", wie er sagt, machte er sich als hängende Spitze oder Außenstürmer schnell einen Namen. Bei der Partie in Barcelona zeigte er sich dann in neuer Rolle. Trainer Quique Setién hatte ihn erstmals als Mittelstürmer aufgeboten.

Munir geht, wer kommt?

Es ist Januar 2019 - und Barça sucht dringend einen Mittelstürmer. Das Thema füllt die Sportpresse, seit Munir El Haddadi angekündigt hat, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, darüber von Trainer Ernesto Valverde aus den Aufgeboten verbannt und schließlich zum FC Sevilla verkauft wurde.

Es geht nur um den Ersatzmann für Luis Suárez, einerseits. Andererseits hat niemand die Umstände von Barças traumatischster Niederlage der vergangenen Jahre vergessen. Champions-League-Viertelfinale 2018, Rückspiel beim AS Rom, 0:3. Suárez war müde, und wenn Suárez müde ist, fehlen Gift und Galle bei Barça. Später sagte der Uruguayer, er hätte unbedingt im Ligaspiel zuvor pausieren sollen.

Boateng ein "Musterprofi"

Nun gingen Barças Kaderplaner ihre Scoutinglisten durch. Nachdem bevorzugte Optionen wie Álvaro Morata (Chelsea) oder Cristhian Stuani (Girona) aus Kostengründen gestrichen wurden, legten sie Valverde irgendwann den Namen Boateng vor. Der Trainer hatte Zweifel. Darauf soll das Telefon auf laut geschaltet und die Nummer von Quique Setién gewählt worden sein. Der in Barcelona wegen seiner Liebe zum Passfußball nach Cruyffscher Prägung hoch angesehene Übungsleiter, derzeit bei Betis Sevilla unter Vertrag, lobt Boateng als verlässlichen Musterprofi.

Noch am selben Wochenende wird der Transfer eingefädelt, der ein Novum bei Barça darstellt: Er überraschte alle. Wo die Zeitungen sonst jedem noch so entfernten Kandidaten schon Monate vorher extensive Analysen und Titelseiten widmen, hatte den Namen des 31-Jährigen niemand auf dem Zettel. In Madrid lästerte die Presse erwartungsgemäß. Selbst die Leser von "Sport" aus Barcelona zeigten sich am Montag in einer Umfrage zu drei Vierteln spontan "nicht überzeugt".

Im Video: Gekommen, um zu bleiben

Getty Images

Auch Boateng selbst musste sich wohl erst mal zwicken. Im Camp Nou spielte er mir Kindern aus dem Barça-Nachwuchs zunächst eine vereinstypische Passspielübung, dann erklärt er bei der Antrittspressekonferenz: "Als ich von der Anfrage erfuhr, war das wie ein Traum. Allein die Anfrage. Dass es dann offiziell wurde, ist unglaublich." Selbst für die Maßstäbe seiner ereignisreichen Karriere. Berlin, London (Tottenham), Dortmund, Portsmouth, Mailand, Schalke, Las Palmas, Frankfurt, Sassuolo - Barcelona.

"Messi ist der beste Spieler dieser Welt und aller Welten."

"Ich bin Realist, aber wenn man Träume hat, kann man die Wirklichkeit verändern", sagt Boateng, der immer noch staunt, aber sich schon wieder gewohnt lässig gibt. Dass er früher immer von Real Madrid und dessen Aushängeschild Cristiano Ronaldo schwärmte? So lautete die letzte Frage. "Ich bin Barça-Spieler, Messi ist der beste Spieler dieser Welt und aller Welten. Danke. Bis bald."

Dann ging er und hinterließ Zuhörer, die er für sich gewonnen hat. Ähnliches sollte ihm bei den neuen Teamkollegen gelingen, mit denen er am Nachmittag gleich trainierte und am Mittwoch im Pokalviertelfinal-Hinspiel beim FC Sevilla antrat. Nicht zuletzt wegen seines "Charakters" habe man ihn verpflichtet, sagte Barças Teammanager und Ex-Verteidiger Eric Abidal.

Eine Frage des Charakters

Von seinem Charakter wünscht man sich bei Barça so einiges: dass er auf dem Platz vielleicht etwas riskiert, wenn es darauf ankommt. Dass er seinen Charakter in einer Kabine auslebt, wo manchmal die harten Typen fehlen. Dass er seine späte Reife behält und den Realismus, den er sich an diesem Dienstag nicht nur zubilligte, sondern auch praktizierte. Boateng weiß, "dass ich hier nicht als Stammspieler komme. Ich bin hier, um mit meiner Erfahrung zu helfen".



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kaiservondeutschland 23.01.2019
1. KPB als Gesamtkunstwerk
KPB mischte in seiner Präsentation bei Barça spanisch, Italienisch und Berliner Schnauze. Allein das war schon eine gelungene Aktion. Vor der UNO hat er auch schon gesprochen. Wir werden von ihm noch hören. Auf Fußballspielen ist er nicht beschränkt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.