Kevin-Prince Boateng bei der Uno: Vom Ballack-Treter zum Tugend-Apostel

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Er galt als schwererziehbarer Rüpel, als derjenige, der Michael Ballacks WM-Traum zerstörte: Kevin-Prince Boateng. Nun spricht der einstige Skandalkicker vor der Uno über Rassismus im Sport und lässt sich zur Galionsfigur im Kampf gegen Fremdenhass stilisieren.

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Fußballer Boateng: "Es gibt den neuen Prince"

Hamburg - 15. Mai 2010, FC Chelsea gegen den FC Portsmouth, 35. Minute: Michael Ballack hat den Ball gerade nach rechtsvorne gepasst, als er hart von der Seite getroffen wird. Mit schmerzverzerrtem Gesicht windet sich der damalige Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft auf dem Rasen, er merkt nicht, wer ihm auf die Schulter tippt, um um Entschuldigung zu bitten. Kevin-Prince Boateng. Für Ballack bedeutet das Foul das Aus für die Weltmeisterschaft, das Aus als Kapitän der Nationalmannschaft, es läutet den Niedergang seiner Karriere ein. Boateng, dieser "böse Junge" aus dem Berliner Ghetto, der nachts aus Spaß Autospiegel abgetreten haben soll, wird für all das verantwortlich gemacht. Eine Gruppe auf Facebook nennt sich stellvertretend für Deutschland "82.000.000 gegen Boateng".

Am Donnerstag spricht Kevin-Prince Boateng vor den Vereinten Nationen, eingeladen aufgrund seiner moralischen Tugenden.

Angeblich ist es ein anderer Boateng, der nun nach Genf reist, einer der sich selbst als geläutert bezeichnet. "Es gibt den neuen Prince. Ich habe eine neue Karriere gestartet und bin erwachsen geworden", sagt der 26-Jährige. Das Foul an Ballack, der anschließende Hass auf ihn: Der 15. Mai habe ihn verändert. Boateng spielt seit jenem Jahr beim AC Mailand, er ist mittlerweile einer derjenigen im Team, auf die es ankommt. Und seit wenigen Monaten ist er noch mehr.

Boateng als Botschafter gegen Diskriminierung

Im Januar verließ Boateng bei einem Freundschaftsspiel gegen den Viertligisten Pro Patria den Platz, nachdem er und andere dunkelhäutige Mitspieler von Milan von Zuschauern beleidigt worden waren. "Immer wenn ich den Ball bekam, gab es Schmährufe und Affenlaute gegen mich", sagte Boateng kürzlich vor einem italienischen Gericht aus. "Ich wurde verspottet, weil ich dunkelhäutig bin." Für seine Aktion erhielt Boateng Zuspruch und Anerkennung - und eine Einladung für die UN-Gesprächsrunde am Anti-Rassismus-Tag.

Kevin-Prince Boateng als Botschafter gegen Diskriminierung: Er selbst scheint sich zu gefallen in dieser Rolle, sie macht sich gut zu seinem neuen Image. "Nicht verpassen!", twitterte er zwei Tage vor Beginn der Veranstaltung. Er gefällt aber auch vielen anderen in dieser Rolle, jenen, deren Aufgabe es ist, Rassismus im Sport zu bekämpfen. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, Joseph Blatter, brauchte ein paar Tage nach der Aktion, um sich das einzugestehen. Doch als er merkte, wie praktisch sich Boatengs Verhalten für seine Zwecke einsetzen lässt, änderte Blatter seine Meinung. Er wird Boateng sogar am Freitag in Zürich empfangen, ein offizielles Treffen scheint eine passende Ergänzung zur derzeitigen Sitzung der Fifa-Exekutive, auf deren Tagesordnung auch die neue Anti-Rassismus-Task-Force steht.

Blatter legt Wert auf Symbolik

Vorsitzender dieser Einheit ist Jeffrey Webb, Präsident des nord- und mittelamerikanischen Fußball-Verbandes. Webb ist dunkelhäutig, und auch das fügt sich gut in das Konzept Blatters ein, der Wert auf Symbolik legt. Damit lässt sich womöglich sein Umschwenken im Fall Boateng erklären, denn der Symbolcharakter seiner Figur steht außer Frage: ein dunkelhäutiger Spieler mit schwierigem sozialen Hintergrund, dessen charakterliche Neuentwicklung in einer vorbildhaften und couragierten Aktion mündet.

Kevin-Prince Boatengs Reaktion auf die persönlichen Beleidigungen gegen ihn war mutig und konsequent, auch sein Auftreten vor den Vereinten Nationen verdient Respekt. Er nimmt seine ihm zugedachte Aufgabe als Vorbild im Kampf gegen Rassismus an. Doch zugleich macht er es den Verantwortlichen leicht. Durch die Individualisierung seines Falls und die Strahlkraft Boatengs kann von der mühsamen Arbeit an den Wurzeln des Rassismusproblems vorübergehend abgelenkt werden, emotionale Betroffenheit funktioniert.

"Wir haben den Spieler eingeladen, weil der von ihm provozierte Spielabbruch ein Schlüsselerlebnis war", sagt Rupert Colville von der Uno. Er ist Mitorganisator der Veranstaltung. Neben Boateng nimmt auch Patrick Vieira an dem Gespräch teil, vormals Spieler der französischen Nationalmannschaft und ebenfalls dunkelhäutig. 14 bis 15 Fernsehteams werden die Bilder der Diskussionsrunde auf der ganzen Welt verbreiten.

Dass auch Symbolbilder ihren Platz im Kampf gegen Diskriminierung haben, zeigte vor knapp drei Jahren das Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Kabine der Fußball-Nationalmannschaft. Ein offizieller Regierungsfotograf hielt damals fest, wie Merkel dem Deutschtürken Mesut Özil nach dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei die Hand schüttelte. Özil wurde fortan als Integrationsbeauftragter des deutschen Fußballs bemüht, ein Aufgabe, die ihn überforderte.

Boateng hat sich seine Rolle nicht selbst ausgesucht, aber er spielt mit. In Genf darf er sich beweisen.

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insgesamt 69 Beiträge
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1.
poprekorder 21.03.2013
Ein Artikel über Rassismus sieht anders aus. KPB stilisiert sich selbst zu gar nichts. Wiederholt wird er in einem äußert schwach erzähltem und herablassenden Artikel von einer wahrscheinlich zweitklassigen Jungredakteurin in ein schlechtes Licht gerückt. Niemand interessiert sich fuer seine Leidenschaft Fußball zu spielen, zu singen, zu tanzen...seine wahren Talente! Er ist und war ein wahnsinnig beliebter junger Mann in seinem Umfeld, an der Schule, im Verein. Aber worüber soll man Schließlich schreiben, wenn man das alles nicht weiß? Achja, über ein Foul! Bravo!
2. merkwürdiger Tonfall
bapon1 21.03.2013
"lässt sich stilisieren", "gefällt sich in der Rolle" Heißt auf Klartext "Der Mann lügt irgendwie". Andererseits verdiene sein Auftritt Respekt. Irgendwie psychologische Mixed Signals ohne richtige Logik.
3. Blatter und Symbolik
rolantik 21.03.2013
Na dann ist ja alles klar, wenn Blatter seine Finger da drin hat. Kaum zu glauben, was alles möglich ist. Fussball ist eben etwas für bestimmte Schichten und wo der Kopf nicht so gefragt ist.
4.
Schlunze 21.03.2013
Da lässt er sich zum Büttel des Blatterschen Selbstmarketings machen...ist das nicht auch eine Art Rassismus?
5. Wehret den Anfängen !
dr.joe.66 21.03.2013
Zitat von sysopAbstoßender Typ...in jeder Hinsicht!
Was meinen Sie mit "in jeder Hinsicht" ? Auch seine Hautfarbe ? Oder habe ich Sie da grundsätzlich missverstanden?
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