WM-Quali von Kirgisien Vorsicht, hier kommt Weltranglistenplatz 177

Kirgisien ist Fußball-Diaspora. Doch nach den ersten beiden Spielen der Qualifikation hofft das kleine Land plötzlich auf die WM. Vier Deutsche sind daran nicht unschuldig.

WM-Traum: Die Nationalelf von Kirgisien vor dem Spiel gegen Australien
Getty Images

WM-Traum: Die Nationalelf von Kirgisien vor dem Spiel gegen Australien

Von Jack Kerr


Ein kleines, armes Land mitten in Zentralasien. Sportliche Erfolge? Keine, ebenso wenig gibt es Fußballer mit besonderen Qualitäten. Eigentlich. Doch plötzlich ist dieses kleine, arme Land eine der ganz großen Überraschungen der asiatischen WM-Qualifikation. Und das auch dank einiger Deutscher.

Es geht um die Nationalmannschaft aus Kirgisien. Nur zwei Siege in zwei Jahren hatte die Auswahl aus Mittelasien vor ihrem ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Bangladesch vor gut einem Monat gefeiert. In der Fifa-Weltrangliste lag sie auf Platz 177, einen Platz vor den Malediven. Sie spielte so selten, dass es keine Informationen darüber gab, wie sie spielte. Das musste auch Bangladeschs Trainer schmerzlich feststellen. Kirgisien gewann 3:1.

Wenige Tage später war sogar die Sensation zum Greifen nahe. In ihrer Hauptstadt Bischkek hatten die Kirgisen den aktuellen Asienmeister Australien am Rande einer Blamage. Auch dem mehrfachen WM-Teilnehmer wurde die schwierige Spielvorbereitung beinahe zum Verhängnis. Die australischen Scouts hatten immerhin ein paar Videos gefunden, aber kaum eines davon war zu gebrauchen. Der Favorit siegte denkbar knapp, 1:2 hieß es am Ende.

Casting in den deutschen Regionalligen

Wer nach den Gründen für den plötzlichen Aufschwung sucht, ist schnell beim neuen Trainer Alexander Krestinin, der die Mannschaft radikal umkrempelte. Und dann ist man auch schon bei den vier Deutschen.

"Wir haben eine neue Mannschaft", sagte Flügelstürmer Edgar Bernhardt nach dem Spiel in Bischkek: "Mit vielen neuen Spielern." Er ist einer davon. Der 29-Jährige wurde in Nowopawlowka geboren, dem Zentrum der Deutsch-Kirgisischen Gemeinschaft. Als Bernhardt vier Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Niedersachsen aus. Dort sollte er später einmal für das Ersatzteam von Eintracht Braunschweig auflaufen, heute steht er beim polnischen Fußballverein Widzew Lodz unter Vertrag.

Es hat nicht viel gefehlt zum Punkt: Kirgisien verliert mit 1:2 gegen Australien
Getty Images

Es hat nicht viel gefehlt zum Punkt: Kirgisien verliert mit 1:2 gegen Australien

Er ist einer von vier Spielern, die in Kirgisien geboren, in Deutschland aufgewachsen sind und jetzt für ihr Geburtsland auflaufen. Die anderen drei, Sergej Evljuskin, Vitalij Lux und Viktor Maier, sind in den deutschen Regionalligen verstreut. Mit ihrer Hilfe dominierten die Kirgisen gegen Australien. Nur ihre Abschlussschwäche verhinderte, dass das Team den frühen Rückstand noch wettmachte.

"Wir laufen, spielen und kicken nicht wie gewöhnliche Mannschaften. Wir spielen Fußball, um unsere Fans mit großartigem Spiel zu begeistern. Ich hoffe, jeder von ihnen kann das genießen", sagt Bernhardt. Tatsächlich genossen die Anhänger es so sehr, dass sie ihrer Mannschaft wie einer Ansammlung von Superhelden huldigte. Viele Fans blieben noch Stunden nach dem Abpfiff im Stadion. Sie sangen, grölten im Chor und hofften, einen der Spieler umarmen zu können.

"Den Sieg verdient gehabt"

"Mit unserem Kampfgeist und der Unterstützung unserer Fans hätten wir den Sieg normalerweise verdient gehabt", findet Maier, dessen Familie nach Deutschland ging, als er 2 Jahre alt war. Als Trainer Krestinin ihn für die Nationalmannschaft berief, zögerte Maier nicht mit seiner Zusage.

Immer wieder waren zuvor die großen Talente des Landes übersehen worden. Trainer Krestinin hat erfolgreich gegraben. Evljuskin, zweimaliger Gewinner der Fritz-Walter-Medaille, der Nachwuchsauszeichnung des DFB, galt lange als einer der hoffnungsvollsten Spieler im deutschen U-Bereich. Er durchlief sämtliche Juniorennationalmannschaften und bestritt mehr als 40 Partien für den DFB. Der Durchbruch im obersten Herrenbereich gelang ihm aber nie. Auch Maier lief zehnmal für die deutsche U17-Mannschaft auf. Lange Zeit stand er sogar auf dem Zettel des VfL Wolfsburg.

Sergej Evljuskin: Heute spielt er bei Hessen Kassel
imago

Sergej Evljuskin: Heute spielt er bei Hessen Kassel

Natürlich sind nicht allein die neuen Spieler für den Aufschwung verantwortlich. Maier schwärmt von einer einzigartigen Leidenschaft im Team, einer positiven Mentalität und der Philosophie des Trainers. Und der ist offenbar ein ganz gewiefter Trickser. Vor dem Australien-Spiel hieß es, Kirgisien bereite sich genau wie der Gegner in den Vereinigten Arabischen Emiraten vor. Der australische Coach schickte seine Scouts los, um den Gegner im Training zu beobachten. Es gelang ihnen nicht. Jetzt sind sie überzeugt, dass der Gegner eigentlich in Kuwait trainiert hatte und die Geschichte nur ein Manöver war, um sie an der Nase herumzuführen.

Auch von den neuen politischen Verhältnisse profitierte die Nationalmannschaft, meint Bektour Iskender, ein Lokaljournalist und Medienunternehmer. "Vor der Revolution im Jahr 2010 bestimmte eine ziemlich alte Generation über den Sport. Die Denkmuster waren völlig veraltet. Das ist noch immer das Erbe der Sowjetunion, als der Staat den Sport komplett kontrollierte. Lange Zeit gab es keine Möglichkeiten, den Sport auch wirtschaftlich zu entwickeln. Für die nationale Fußballliga, aber auch den Sport im ganzen Land, ist das noch heute ein Problem."

Jetzt aber hat ein Generationswechsel stattgefunden. Der Fußballverband wurde im Zuge der Revolution modernisiert und die neuen Entscheider zeigen, wie die Dinge künftig laufen müssen. Fußballspieler werden zurückgeholt, der Verband bemüht sich, mehr Länderspiele auszurichten. Auch wenn Kirgisien nicht viele gewinnen konnte, reichte es aus, um sich für die zweite Runde der asiatischen WM-Quali zu qualifizieren. Und das, schon bevor der vielversprechende Krestinin anheuerte.

"Wenn wir zusammenhalten und gesund bleiben, dann haben wir ein wirklich gutes Team", glaubt Maier. "Wir müssen hart arbeiten, aber dann ist alles möglich. Als nächstes werden wir versuchen, gegen Jordanien zu punkten." Gut spielen reiche nicht aus, findet Bernhardt. "Wir wollen drei Punkte." Da ist er ganz der Deutsche.

Übersetzung aus dem Englischen: Jan Göbel



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mmpuck 13.07.2015
1. Diese Einstellung
zu ihrem Sport wird die Spieler voranbringen und den Fußball im Land stark machen. In unserer vom Kommerz geprägten Sportwelt wäre das nicht mehr möglich. Aber vielleicht ändert sich ja da einiges wenn der Euro sich abschafft und Europa zur Wirtschaftsunion zurückschrumpft. Dann dürften finanziell sicher wieder Zwänge auftreten. Und die könnten dann zu einer Erholung des "Sport"gedankens führen. Wäre gut, denn die jetzigen Millionenspielereien sind in der von Armut und Hunger geprägten Welt wahrhaftig unerträglich.
2469 13.07.2015
2. Das ist das schönste am Fußball
wenn Underdogs auf einmal aus dem nichts emporkommen und einen mit Freude und Leidenschaft begeistern. Siehe Costa Rica, Island, Kirgisistan ...
andromeda793624 13.07.2015
3.
Zitat von 2469wenn Underdogs auf einmal aus dem nichts emporkommen und einen mit Freude und Leidenschaft begeistern. Siehe Costa Rica, Island, Kirgisistan ...
Naja Kirgisistan kann man nicht mit Costa Rica und Island in einem Topf werfen. Die Kirgisen sind eher wie Luxemburg,Färöer oder Malta!
langenscheidt 13.07.2015
4. Gegen FIFA-Ranglistenplatz 169 gewonnen
Bangladesh ist in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 169. Die anderen Gruppengegner von Kirgisistan sind Jordanien (Platz 98) und Tadshikistan (Platz 148). Die vierte Mannschaft in der Gruppe, Australien, ist Ranglistenplatz 59. Übersetzt ins Fußballdeutsch: Kirgisistan kommt keine Runde weiter in der WM-Quali.
alderbabbsack 13.07.2015
5.
Realistischer als die Qualifikation für die Weltmeisterschaft, die am Ende doch wieder wieder die großen asiatischen Nationen (Japan, Nord- und Südkorea, China, Saudi-Arabien, Iran, Irak und Australien) unter sich ausmachen werden, ist für ein Land wie Kirgistan die Qualifikation für den Asien-Cup 2019. Die WM-Qualifikation ist diesmal gleichzeitig die Qualifikation für den Asien-Cup, an dem diesmal 24 statt bisher 16 Teams teilnehmen. Die Gruppensieger und die Gruppenzweiten von Runde 2 der WM-Qualifikation nehmen automatisch am Asien-Cup teil. Der eine oder andere überraschende Sieg gegen Jordanien oder Tadschikistan könnte also schon die Qualifikation bedeuten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.