Klassenkampf der Borussen Zu gut für den Abstieg?

Zum Saisonende klopfen einige Traditionsclubs ans Tor zur zweiten Liga. Sollten die Borussen aus Mönchengladbach und aus Dortmund absteigen, ist das auch eine Folge mangelnden Kampfes. Nur: Kampf ist nicht bloß eine Frage des Willens, sondern auch des Könnens.

Von Christoph Biermann


Noch hatte die Rückrunde nicht begonnen, noch war Jupp Heynckes der Trainer von Borussia Mönchengladbach und noch lag die Mannschaft nur zwei Punkte hinter einem rettenden Platz, da sagte ein Insider des Clubs mit besorgtem Gesicht: "Wir haben nicht die richtigen Spieler für den Abstiegskampf." Das hörte sich seltsam an, erwies sich jedoch als richtige Ahnung. Möglicherweise gab es zur gleichen Zeit in Dortmund ein ähnlich mulmiges Gefühl, denn auch die Borussen aus dem Ruhrgebiet hatten den Abstiegskampf für diese Saison nicht auf dem Plan und ihre Mannschaft entsprechend besetzt. Am Tabellenende angekommen, fehlt es beiden an der Sorte Spieler, die man für den Kampf ums Überleben in der Bundesliga braucht.

Dortmunder Degen (l.), Saka: Blinder Eifer schadet nur
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Dortmunder Degen (l.), Saka: Blinder Eifer schadet nur

Nun wird jeder Fan einwenden, dass es doch das Mindeste und auch das Einfachste sein müsste, möglichst viel zu rennen und sich entschlossen in die Zweikämpfe zu stürzen. Das ist auch wahr, aber es gibt eben Spieler, denen das deutlich schwerer fällt als anderen. Darüber mag man schimpfen, es ändert aber nichts an dem Umstand. Früher galten etwa die Kicker aus dem Ruhrgebiet als geborene Kämpfer, und das waren viele von ihnen auch wirklich. Sie wurden nämlich in Lebensverhältnisse hineingeboren, in denen ihnen von Beginn an klar gemacht wurde, dass sie nur mit viel Maloche etwas würden erreichen können.

Bei Borussia Dortmund und bei Borussia Mönchengladbach stehen solche Spieler derzeit kaum im Team. Die meisten versuchen ihre Aufgaben auf dem Platz eher spielerisch zu lösen. Die Mannschaft von Jos Luhukay steht sogar auf Rang zwei der Fairnesstabelle, was bei allem Lob des Fair Play für einen Abstiegskandidaten doch die gänzlich falsche Tabelle ist, um dort Teil der Spitzengruppe zu sein.

Ein anderes Problem beim Kämpfen ist es heutzutage zudem, dass Fußball ein stark gemeinschaftlich organisiertes Spiel geworden ist. Verliert also einer den Kopf und gibt in wildem Schwung seine Position auf dem Platz auf, darf sich der Gegner über solche Lücken freuen, die den Weg zu Gegentoren öffnen können. Am schlimmsten sind solche Erscheinungen im Mittelfeld, weshalb tolle Kämpfer, wenn sie in ihrem Eifer blind sind, ihren Mannschaften fast noch mehr schaden als irgendwelche Lethargiker, die zumindest gemächlich ihren Job machen.

Die Kunst besteht darin, Hitze und Kälte zu kombinieren, also glühende Entschlossenheit mit Konzentration oder Kampfeswillen mit Organisation. Die Mannschaft, die das in dieser Saison am besten gemacht hat, wird dafür bestimmt keine Auszeichnung für Ästhetik bekommen. Aber es sieht ganz so aus, als würde Energie Cottbus mit dem Klassenerhalt belohnt. Dabei gibt es in der Mannschaft von Petrik Sander keinen Spieler von der Klasse des Dortmunders Tinga oder des Gladbachers Frederico Insua.

31 Spieler haben die Trainer in Mönchengladbach in dieser Saison schon eingesetzt, so viele wie kein anderer Bundesligist. Aber bis heute haben sie nicht die Spieler gefunden, an denen sich die anderen festhalten und aufrichten können. Leidenschaft hat die Mannschaft durchaus gezeigt, aber dann fehlte es ihr an den guten Nerven. In Dortmund trugen bislang nur 22 Spieler das Trikot der Borussia, aber dort sind die Protagonisten zu jung (Sahin, Kruska, Brzenska, Saka) oder haben zu viel mit sich selbst zu tun (Metzelder, Wörns, Valdez), um Orientierung in schwerer Zeit zu geben. Die Leistung am vergangenen Freitag in Bielefeld war das Musterbeispiel für eine Mannschaft, die bestimmt gerne gekämpft hätte, das aber nicht konnte.

Vielleicht würden Spieler wie Insua oder der Südafrikaner Steven Pienaar bei anderen Clubs unter anderen Bedingungen groß aufspielen. Und hätten die beiden Borussias zwei oder drei Spieler im Kader, die mit heißem Herzen und guten Nerven zu kämpfen verstehen, wären sie wohlmöglich sogar Kandidaten für die erste Tabellenhälfte. Weil aber diese Konjunktive im Moment überhaupt keine Rolle spielen, sieht es fast so aus, als ob sich beide Mannschaften zu den vielen Absteigern gesellen, die für einen Abstieg eigentlich "zu gut" waren.



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