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Ausgabe 44/2015

Vergabe der WM 2006: "Der Franz hat gesagt..."

Ein Kommentar von

"Der Franz hat gesagt, dass alles sauber war": Franz Beckenbauer (Archiv) Zur Großansicht
REUTERS

"Der Franz hat gesagt, dass alles sauber war": Franz Beckenbauer (Archiv)

Wahrheit und Dichtung auf dem Planeten Fußball.

Es gab einmal einen Fußball, der roh, ungestüm und romantisch war. Schon damals, das wissen wir heute, war das Spiel nicht besser als das Leben: Es wurde gewettet, auch schon gedopt, und Schiedsrichter wurden gekauft. Aber damals, als wir Kinder waren, fühlte sich Fußball mit seinen Zuspitzungen und Zufällen leidenschaftlicher und manchmal sogar wirklicher als die Wirklichkeit an. Fußball ist heute ein großartiges Spiel, technisch besser denn je und rasant, doch faltenfrei poliert und entseelt und korrupt, denn das Spiel ist in der Hand einer Clique, die es ausschlachtet. Was ist passiert?

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Einige wenige Geschäftemacher, erstens, haben sich den Fußball früh einverleibt. Das begann mit Robert Schwan in München und Horst Dassler bei Adidas, setzte sich fort mit Leo Kirch und Rupert Murdoch, jenen Männern also, die eher als andere das wirtschaftliche Potenzial des schönen Spiels verstanden.

Einige Funktionäre, zweitens, wurden dann in ihre Ämter geweht und waren den Wandlungen nicht gewachsen. Die Fernseh- und Sponsorenmilliarden und mit ihnen die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit erreichten den Planeten Fußball in den Neunzigerjahren mit solcher Wucht und solcher Helligkeit, dass dieser sich nicht vorbereiten und später kaum mehr anpassen konnte oder wollte.

In der Politik wäre ein Mann wie Blatter unwählbar

Und jetzt ist es, drittens, auf diesem Planeten so, wie es eben ist: Jeder, der Mitglied der Clique ist, profitiert davon, und jeder, der das System hinterfragt, gilt als Feind und wird abgestoßen. In anderen Welten, beispielsweise in der Politik, wäre Joseph Blatter unwählbar und Wolfgang Niersbach nicht gut genug, und Herren wie Alfred Draxler, Chefredakteur von "Sport Bild" und zugleich Franz Beckenbauers Förderer und Schützling, oder auch Helmut Markwort, "Focus"-Herausgeber und bis ins hohe Alter Verwaltungsbeirat des FC Bayern, würden dort als Fans und Handlanger der Regierenden entlarvt werden.

"Unser Sommermärchen", "der Franz hat gesagt, dass alles sauber war" - so etwas hört man nur in der Fußballwelt. Nur hier kommen so unglaublich viel Geld und so amateurhafte Strukturen zusammen. Und, natürlich, nur mit Fußball ist das Volk so leicht zu verführen: Ein Tor, bitte schießt endlich dieses eine verdammte Tor - und dann schießen sie's, und alles ist verziehen.

Alles? Gesetze gelten auch für den Sport, und der Wettstreit innerhalb eines Regelwerks ist die Idee des Sports. Falls ein Märchen mit schwarzen Kassen zustande kommt, bleibt es davon nicht unberührt; es ist dann leider keines mehr. Der Zweck heiligt nur in Diktaturen, aber in keiner Demokratie, in keiner internationalen Organisation und nicht einmal auf dem Planeten Fußball die Mittel: Schwarze Kassen oder Korruption höhlen jedes System aus, und hinterher ist es leider nur noch Hülle.

Der Fußball und auch der Deutsche Fußball-Bund müssten eigentlich die Kraft haben, sich zu verändern. Das viele Geld sollte für die professionelle Erneuerung ausreichen, für bezahlte und obendrein kompetente Manager (und nicht mit Rententricks versorgte Ehrenamtliche) sowie für Kontrolleure, die den Namen verdienen. Wenn sie die Chance nutzte, könnte sich sogar die Fifa Strukturen geben, die ihrer Macht entsprächen. Und Leidenschaft und Kritik sind ja auch keine Gegensätze: Niemand zwingt Spieler, Sportjournalisten und Zuschauer, den Verstand vor der Arena auszuschalten.

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Klaus Brinkbäumer ist Chefredakteur des SPIEGEL.

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insgesamt 133 Beiträge
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1. Dichtung schwarz auf weiss
c218605 25.10.2015
Frage mich wie eigentlich die perfekte Aussage sein muesste, damit nicht jeder Spinner daraus ein neues Gestaendnis konstruierte. Denn ein Schweigen der "mutmasslichen" Protagonisten hilft auch nicht, fuehrt eher zu noch wuesteren Unterstellungen. Mittlerweilen reicht schon die Namensnennung aus, um einen Beissreflex auszuloesen. Dafuer mache ich aber nicht den Plebs sondern die Redakteure SPON verantwortlich. Es ginge auch anders. Kurt Tucholsky war frueher mal eine Art Pflichtlektuere fuer Journalisten.
2. Diese Schlacht wird
tommit 25.10.2015
unter den Fans ausgetragen werden.. indem man in die eigenen Ebenen tritt.. denn sind wir ehrlich, nach oben treten setzt Rückgrat voraus.. das sieht man an dem jetzigen Hühnerhaufen.. keiner weiss mehr wem er was glauben soll, selbst in der Clique.. Blatter Beckenbauer Baltter Platini Niersbach Twanziger und dann noch dazwischen die 'übersehbaren' Toten von Katar...
3. Bitterstoffe
windpillow 25.10.2015
In der Politik wäre ein Mann wie Blatter unwählbar? Zahlreiche Gegenbeispiele zeigen uns genau das Gegenteil, besonders in Deutschland
4. Lieber SPIEGEL - ihr hattet eure Schlagzeilen, ok?
renfield_ 25.10.2015
man kann auch den Oberbesserwisser raushängen lassen. Falls der DFB schmierte, hat er es gut gemacht. Die WM war in D - optimal, finde ich. Wendet euch echten politischen Themen zu, dort ist Engagement besser aufgehoben.
5. Schädelbrummen
klingsor68 25.10.2015
Der Fußball ist also, anders ausgedrückt, zu sehr marktkonform und zu wenig demokratiekonform. Andrerseits ist es ja alternativlos, dass die Demokratie zunehmend marktkonform wird, eine Formulierung, in der die Prioritäten ja eindeutig gestzt sind. Jetzt jammert man über die Folgen von Gier und Kommerz, wobei Gier und Kommerz jahrzehntelang als alternativlos gepriesen worden sind. Man kann jetzt erschrecken über die klaffenden Lücken, die sich gesellschaftsweit, von VW über die Deutsche Bank, von einer Klimaschutz gegen Parteispenden verkaufenden Politik bis zum DFB, zwischen unserem Selbstbild und der Realität klaffen. Man kann sich aber auch schon im Voraus ekeln über die konsequente Heuchelei, in der das weitergehen wird. SPIEGEL inklusive.
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