Klinsmann-Konzept Mit Rangnick gegen die alte Riege

Mit klaren Vorstellungen reist Jürgen Klinsmann zu den Verhandlungen in die DFB-Zentrale an diesem Wochenende. Der designierte Nachfolger von Teamchef Rudi Völler will ein ähnlich engagiertes Umfeld wie im amerikanischen Profisport. Auch über Personalien wird diskutiert werden. Dem DFB stünde ein echter Neuanfang bevor.


Jürgen Klinsmann: "Die Bedingungen müssen super sein"
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Jürgen Klinsmann: "Die Bedingungen müssen super sein"

Frankfurt am Main - Klinsmann, der am Wochenende aus den USA nach Deutschland zu Gesprächen mit der Trainerfindungskommission einfliegen wird, hat bereits weitreichende Reformen angekündigt. Mit einer Entscheidung über die Nachfolge des vor vier Wochen zurückgetretenen Rudi Völler ist deshalb erst Mitte kommender Woche zu rechnen, zumal man laut Klinsmann erst noch mit Leuten sprechen will, "die noch nicht genannt wurden". Der Name Ralf Rangnick, der künftig den Nachwuchsbereich koordinieren soll, ist jedoch schon ins Spiel gebracht worden. Der ehemalige Bundesliga-Coach von Hannover 96 und VfB Stuttgart ist derzeit ohne Verein.

"Über Namen sprechen wir nur intern. Wir sind mitten in den Diskussionen, wie man Stück für Stück neue Strukturen rund um die Nationalmannschaft aufbauen kann. Es geht nicht nur um die drei Posten, es kann sich auch sonst noch einiges ändern", sagte der ehemalige DFB-Kapitän, der mit seinen geplanten Neuerungen DFB-intern bereits für Unruhe sorgt. Frühestens Mitte nächster Woche werde der DFB neue Köpfe und Konzepte bei einer Pressekonferenz offiziell präsentieren, kündigte Pressesprecher Harald Stenger am Freitagabend an

Manko Schnelligkeit

Erstmals in der DFB-Historie soll ein für Öffentlichkeitsarbeit zuständiger Manager (Oliver Bierhoff) den Sportlichen Leiter unterstützen und zudem Kontakt zu Bundesliga-Trainern und -Managern halten. Neben dem für die Trainingsarbeit zuständigen Co-Trainer (Holger Osieck) soll auch ein Mentalcoach beim DFB beschäftigt werden. Als Vorbilder nennt Klinsmann die US-Football- und Basketball-Profiliga. Nötig sei wie bei NBA- oder NFL- Mannschaften "ein erweiterter Expertenstab, wo Spezialisten im psychologischen, Schnelligkeits- oder Sprungkraftbereich arbeiten".

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Teamchef Klinsmann

Wieder einmal soll es ein verdienter Nationalspieler richten und "den deutschen Fußball retten". Und wie bei Rudi Völler hofft man offenbar auch bei Jürgen Klinsmann auf den "Beckenbauer-Effekt". Was halten Sie von der Praxis des DFB, bekannte, aber unerfahrene Namen als Nationaltrainer zu verpflichten?

"Wenn ich einen Fulltime-Job annehme, muss ich mich so wohl fühlen und müssen die Bedingungen so super sein wie bei den Los Angeles Galaxy", umschrieb Klinsmann seine Ansprüche. Beim Club der MLS (Major League of Soccer) ist Klinsmann technischer Direktor und fast täglich beim Training dabei.

Was das Bild der deutschen Nationalmannschaft angeht, hat Klinsmann ebenfalls klare Vorstellungen. "Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug", sagte er der "Bild"-Zeitung, "da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss."

"Man muss alles genau abklopfen"

Da es laut Klinsmann noch viele offene Fragen gäbe, wird es am Wochenende zu keiner Entscheidung kommen. "Wohl wissend, dass ganz Deutschland erwartet, dass man endlich den Deckel draufmacht, müssen die Leute noch Geduld haben. Die WM 2006 ist das größte Sportereignis der Welt, so etwas kommt die nächsten 30, 40 Jahre nicht mehr. Deshalb muss man alles genau abklopfen, um diese Chance zu nutzen", sagte Klinsmann und ergänzte: "Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Es ist schwer vorstellbar, dass alles bis Sonntag entschieden ist."

Zumindest hat der frühere Torjäger, der 1998 seine Karriere beendete und seitdem mit Frau Debbie und seinen beiden Kindern Jonathan, 7, und Leila, 3, in Kalifornien lebt, bereits klare Vorstellungen von seiner künftigen Tätigkeit: "Wir müssen eine offene Kommunikation führen und auch die Bundesliga mit einbinden." Vor allem aber müsse man sich im deutschen Fußball grundsätzlich öffnen und "auch über die Grenzen schauen. Die Franzosen haben es uns vorgemacht, wie man Strukturen aufbaut. Sie haben viele Talente entwickelt. Wir haben ähnliche Möglichkeiten."

Die Förderung von Talenten gilt als Hauptanliegen von Klinsmann. Schon seit Jahren unterstützt er das Nachwuchsprojekt "FD21". Deshalb hat die "Süddeutsche Zeitung" am Freitag bereits spekuliert, dass beim DFB "die wenig inspirierte, unbewegliche und überalterte Riege der Jugendtrainer weiter entmachtet und ihr Ralf Rangnick vor die Nase gesetzt wird".

Berti Vogts gab den Tipp

Der DFB wollte weitere Personalien am Freitag nicht kommentieren. "An irgendwelchen Spekulationen, die jetzt natürlich aufkommen, werden wir uns nicht beteiligen. Wir haben erklärt, dass wir die Gespräche mit den drei Kandidaten aufgenommen haben. Wir werden uns nur noch äußern, wenn es eine Entscheidung gibt", sagte DFB-Pressesprecher Harald Stenger. Am Donnerstagabend hatte der DFB verkündet, dass Osieck vom Weltverband Fifa die Freigabe erhalten werde, falls sich der 55-Jährige mit dem DFB einige. Bierhoff hatte DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder bei der ersten Kontaktaufnahme am Donnerstagabend per Telefon seine grundsätzliche Bereitschaft zur Mithilfe signalisiert.

Derweil wurde bestätigt, dass ausgerechnet Berti Vogts dem DFB den Tipp mit Klinsmann gegeben hat. Der Europameister-Coach von 1996, der inzwischen die schottische Auswahl betreut, hatte sich vor einer Woche in Los Angeles zum Abendessen mit seinem einstigen Kapitän getroffen. Als Klinsmann dabei seine Ambition auf den Bundestrainer-Posten bekundete, meldete Vogts dies bei seiner Rückkehr in die DFB-Zentrale. Die Trainerfindungskommission (TFK) rief daraufhin in Los Angeles bei Jürgen Klinsmann an.



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