BVB-Trainer Klopp Schlecht im Verlieren

Jürgen Klopps TV-Auftritt nach dem Spiel in Madrid war fast aufregender als die Partie zuvor. Immer öfter legt sich der dünnhäutige BVB-Coach mit Journalisten an - dabei hat er das Spiel mit den Medien selbst geprägt.

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Eigentlich müsste sich Jürgen Klopp nachträglich noch bei ZDF-Moderator Jochen Breyer bedanken. Dessen boulevardesk-naiver Fragestil hat dem Dortmunder Trainer am Ende eines sportlich bitteren Abends für sein Team doch noch einen großen Moment beschert. Breyer zum Schluss wie einen kleinen Schulbuben aussehen und stehen zu lassen: Damit rettete sich Klopp aus einem Abend, der ihn nach dem hochverdienten 0:3 bei Real Madrid ansonsten als wenig souveränen Verlierer wirken ließ. Wieder einmal.

Klopp und das ZDF - das scheint sich zu einer größeren Geschichte auszuwachsen. Mit Redakteurin Claudia Neumann kam es nach dem Spiel gegen Mönchengladbach zum Schlagabtausch; dem als Champions-League-Experten engagierten Oliver Kahn machte er sein Nicht-Verhältnis deutlich; jetzt war Breyer an der Reihe. Ausgerechnet das ZDF, für das Klopp lange Jahre selbst als TV-Analyst tätig war, mit dem er in seiner Mainzer Zeit eine überaus familiäre Kuschelbeziehung gepflegt hatte, wird zum Störsender.

Klopp ist ein Medienmensch, er ist es immer gewesen. Eloquent, charmant, wenn er entsprechend aufgelegt ist, schlagfertig, klug, die gängigen Fußballerphrasen und Trainerstanzen weitgehend umschiffend. Im Siegfall ist Jürgen Klopp der wahrscheinlich unterhaltsamste und angenehmste Gesprächspartner, den sich ein Fernsehsender wünschen kann.

Klopp-Pressekonferenzen können unangenehm werden

Zunehmend jedoch rücken in der öffentlichen Wahrnehmung die anderen Seiten des Trainers in den Blick: seine Reizbarkeit, seine Dünnhäutigkeit gegenüber geäußerter Kritik, gepaart mit einer gewissen Überheblichkeit, wenn er einen Gesprächspartner für inkompetent und intellektuell unterlegen hält. Pressekonferenzen in Dortmund mit Klopp können sehr unangenehm werden. Klopp kanzelt Journalisten öffentlich ab, Fragen nach einem möglichen Zusammenhang zwischen der hohen Verletzungsrate im Team und dem laufintensiven Spiel, das Klopp predigt, sollte man ihm lieber nicht stellen.

Der Erfolg, der ihn nach Dortmund brachte und ihn in internationale Sphären führte, die auch ihm bis dahin unbekannt waren, hat den Medienmenschen Klopp verändert. Spätestens seit dem Vorjahr, als der BVB seinen Siegeszug durch Europa antrat bis ins Champions-League-Finale nach Wembley, hängen vor allem die britischen Journalisten an seinen Lippen. Im "Guardian" wurden ihm Kränze geflochten, auf der Insel gilt er als einer, der Tradition und Moderne in idealtypischer Weise zu vereinen versteht.

Der neue Uli Hoeneß

In dieser Spielzeit läuft es - nach drei Jahren des kontinuierlichen Erfolgs - sportlich nicht mehr so rund, die kritischen Fragen häufen sich. Und Klopp muss auf ein Niveau, das er bereits hinter sich gelassen wähnte, auch medial wieder heruntersteigen. Das nervt ihn. Es nervt ihn sogar kolossal. Und er lässt es diejenigen spüren, von denen er glaubt, dass sie jenes niedrigere Niveau verkörpern.

Dass er als alter ZDF-Profi und Fernseh-Fahrensmann aber noch erwartet, beim Instant-Interview nach dem Spiel sei die tiefschürfende Analyse möglich, überrascht doch. Da geht es um ein paar nette Sprüche, das Einspielen der Torszenen, einen Kurzkommentar - und das war es. Dass Klopp jetzt schon wiederholt dieses Schema durchbricht und das Mitmachen verweigert, könnte ihn ehren. Es lässt ihn allerdings vielmehr als jemanden aussehen, der sich gerade nach Niederlagen nicht unter Kontrolle hat.

Mittlerweile wird fast jede Äußerung des 46-Jährigen diskutiert, skandalisiert, hochgejazzt, zum Mega-Zoff erhoben. Das ist auch ein Spiel, ein Spiel, das vor allem den Medien nutzt, aber Klopp hat das lange Zeit selbst mitgespielt, befeuert, provoziert und genutzt - so lange es gut für ihn lief. Jetzt, wo es sich auch mal gegen ihn zu wenden beginnt, wirkt er zuweilen, als sei er von den Mechanismen und Ritualen der Öffentlichkeit abgestoßen. Er war, er ist allerdings maßgeblicher Teil davon.

Für das ZDF, die Breyers, Welkes und Kahns, ist das letztlich der Hauptgewinn. Jedes Klopp-Interview wird jetzt schon im Vorfeld zum Ereignis. Was wird er heute sagen? Wird er wieder ausrasten? Eine Rolle, die über Jahre für Uli Hoeneß reserviert war. Medial ist Klopp der neue Hoeneß.

Das ZDF feiert als Highlight seiner Sportberichterstattung gerne und immer wieder ein lange zurückliegendes Interview aus dem "Aktuellen Sportstudio", als der Boxer Norbert Grupe auf Fragen des Moderators Rainer Günzler ausschließlich geschwiegen hat. Vielleicht sollte Klopp das einmal versuchen.

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insgesamt 255 Beiträge
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ambulans 03.04.2014
1. kompliment,
herr ahrens - treffender und kluger kommentar! mfg
Rattenpudel 03.04.2014
2. Die Medien sind sauer
wenn einer auf debile Fragen keine debilen Antworten gibt. Dabei könnte alles so schön sein und der Zuschauer sich an den immergleichen Gesprächen erfreuen.
Hippolais 03.04.2014
3. Wie denn ?
Wie sollen sich denn kluge Menschen angesichts dämlicher und dümmlich süffisanter Journalisten sonst verhalten ?
kork22 03.04.2014
4. Der neue Hoeneß?
Oder eher der neue Daum?
hansibert 03.04.2014
5.
Ich muss sagen, ich war gestern auf Klopps Seite. Breyer's Inkompetenz spiegelt sich total in seinen Fragen wieder. Er stellt Fragen von Reportern, die Spielern vor eine Minute genau dasgleiche gefragt haben. Außerdem einen Trainer nach einem 3:0 zu fragen, ob die Sache "durch" ist, ist alles andere als guter Journalismus. Was sollte Klopp da sagen?
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