Klose und Podolski Das Dreamteam

Sie waren die Stars des Abends: Die Stürmer Klose und Podolski feuerten Deutschland ins Viertelfinale, ihr perfektes Zusammenspiel irritierte die Schweden und begeisterte die Fans. Sorgen bereitet nur der Kapitän.

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München - Es ist eine der ältesten Weisheiten im Fußball, dass Stürmer an Toren gemessen werden. Man hätte deshalb meinen können, dass Lukas Podolski einen perfekten Job gemacht hatte gegen Schweden mit seinen beiden Treffern. Doch die Fifa hat es nicht so mit alten Weisheiten, weshalb sie einen Stürmer zum Spieler des Spiels wählte, der beide Tore vorbereitet hatte: Miroslav Klose. Der kennt das, im abschließenden Gruppenspiel gegen Ecuador hatte er selbst zweimal getroffen - "Man of the Match" wurde aber der torlose Michael Ballack.

Es sind wirklich kleine Probleme, mit denen sich die deutsche Mannschaft und ihre Angreifer derzeit plagen, bei der WM stehen sie nach dem souveränen 2:0 (2:0)-Erfolg gegen Schweden schon im Viertelfinale, und auf dem Platz hat insbesondere das Verständnis von Klose und Podolski eine herausragende Qualität erreicht. "Für mich war es wichtig heute, den Lukas von Anfang an zu führen", sagte Klose nach dem Spiel, und der Geführte bedankte sich artig: "Er hat die Tore super vorbereitet, wir verstehen und auf dem Feld und daneben immer besser."

Gegen Schweden traf Podolski schon nach vier Minuten, sein Sturmpartner hatte einen Pass von Ballack aufgenommen, sich an seinem Bewacher Teddy Lucic vorbei in den Strafraum gestürzt und war dort nur von Andreas Isaksson zu stoppen. Der schwedische Torhüter wischte den Ball jedoch ausgerechnet vor die Füße von Podolski, der mit links zum 1:0 traf. Es war eine der wenigen Szenen, in denen sich Klose in der zentralen Gefahrenzone aufhielt, ansonsten gab er meist den Flügelstürmer, bot sich auf der rechten Seite an, ließ Bälle prallen oder leitete sie direkt weiter. "Ich habe versucht, oft in den Raum zu gehen und so viele Gegner wie möglich zu binden", erklärte Klose, "um dann den Pass zu spielen."

Mittlerweile zählt man diesen Klose schon zu den weltbesten Angreifern, aus dem schnellen Kopfballungeheuer von vor vier Jahren ist ein spielender Stürmer geworden, einen "kompletten Spieler" nennt ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Von dessen Vorlagen profitiert Podolski, von der Abwehrarbeit Kloses die gesamte Mannschaft. Auch gegen Schweden sprintete der 28-Jährige nach jedem Ballverlust dem Gegner hinterher, als gäbe es kein Morgen. "Er ist jetzt im besten Alter, und das kann seine WM werden", orakelt Klinsmann. Sieben von zehn deutschen Turniertoren gehen nun auf das Konto Podolskis (drei) und Kloses.

Doch man würde dieser Mannschaft Unrecht tun, wenn man nur die Stürmer lobte. Von Beginn an wirkte das gesamte Team hochkonzentriert, und begünstigt durch die frühe Führung konnten sich die Klinsmann-Kicker auch spielerisch entfalten. Ob Doppelpässe an den Außen, Kombinationen zentral oder Distanzschüsse - die deutsche Überlegenheit in dieser Phase ließ es durchaus möglich erscheinen, dass die Schweden die zweite Halbzeit freiwillig nicht mehr antreten würden. Zählbares kam aber nur durch Podolskis zweiten Treffer zustande. Klose spazierte am Strafraum entlang und legte dann überraschend quer auf den 21-Jährigen, der erneut mit links traf (12.). "Ich kann mich nicht erinnern, dass eine deutsche Mannschaft jemals so gut gespielt hat wie wir heute in den ersten dreißig Minuten", sagte Klinsmann.

Es war dem nie zufriedenen Pedanten Klinsmann in diesem Moment jedoch anzumerken, dass die restliche Stunde des Spiels nicht zu seiner Zufriedenheit verlaufen war. Immer wieder hatte er an der Außenlinie mit seinen Armen gefuchtelt und das Team nach vorn getrieben, das irgendwie gebremst wirkte. "Ausgerechnet der Platzverweis für die Schweden hat uns aus dem Konzept gebracht", erklärte der Bundestrainer. Lucic war schon nach 39 Minuten zum Duschen geschickt worden, nachdem er Klose zweimal im Mittelfeld gefoult hatte, und in der Folge fiel es dem Gastgeber schwer, die Überzahl zu nutzen. Wenig durchdacht wirkten die Aktionen, einzig Fernschüsse jenseits 25 Metern durch Ballack brachten Gefahr.

Die Skandinavier, eben noch vollzählig und verunsichert, wurden ihrerseits sicherer - und wären sieben Minuten nach Beginn der zweiten Hälfte fast zum Anschlusstreffer gekommen. Zlatan Ibrahimovic konnte auf der linken Seite ungehindert von Arne Friedrich in den Strafraum passen und Larsson wurde von Christoph Metzelder zu Fall gebracht. Den fälligen Elfmeter jagte Larsson jedoch in die Wolken. Wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn der Barcelona-Profi getroffen hätte.

Doch für Hypothesen ist in K.o.-Spielen kein Platz, die Fakten sprachen nachher eindeutig für das DFB-Team. 63 Prozent Ballbesitz standen am Ende für die Deutschen auf dem Spielberichtsbogen und auch, dass allein Ballack fast doppelt so oft auf das Tor der Schweden geschossen hatte (neunmal) wie die Gelben auf das der Deutschen (fünf). Nur getroffen hat der Kapitän erneut nicht, bei dieser WM wartet der Mann mit dem Prädikat "torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt" immer noch auf sein erstes Erfolgserlebnis. Das kann keine gute Nachricht sein für Jürgen Klinsmann, schon im Viertelfinale gegen Argentinien oder Mexiko muss sich daran etwas ändern. Auf Fifa-Ehrungen wird Ballack dann auch gern verzichten.

Deutschland - Schweden 2:0 (0:0)
1:0 Podolski (4.)
2:0 Podolski (12.)
Deutschland: 1 Lehmann - 3 Friedrich, 17 Mertesacker, 21 Metzelder, 16 Lahm - 19 Schneider, 8 Frings (85. Kehl), 13 Ballack, 7 Schweinsteiger - 11 Klose, 20 Podolski (74 Neuville).
Schweden: 1 Isaksson - 7 Alexandersson, 3 Mellberg, 4 Lucic, 5 Edman - 6 Linderoth, 18 Jonson (52. Wilhelmsson), 16 Källström (39. Hansson), 9 Ljungberg - 10 Ibrahimovic, 11 Larsson.
Schiedsrichter: Simon (Brasilien)
Zuschauer: 66.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Frings / Jonson, Allbäck
Gelb-Rote Karte: Lucic (34.)
Bes. Vorkommnis: Larsson schießt Foulelfmeter über das Tor (53.)

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