Aus Sicht der Dortmunder schien alles bereit zu sein für einen großen Fußballabend, damals im Frühjahr 1998 im Bernabéu-Stadion von Madrid. In wenigen Minuten sollte das Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen die Königlichen von Real beginnen, Kapitän Stefan Reuter führte die Dortmunder aus der Kabine, nach ihm trat Torwart Stefan Klos aus dem Tunnel zum Spielfeld. Dann Manfred Binz, Stéphane Chapuisat, dann Mittelfeldspieler Knut Reinhardt, damals 29 Jahre alt. Das Flutlicht schien hell, 85.000 Fans füllten das Stadion. Die Bühne war bereitet für ein Spektakel.
Doch während sich die Mannschaften vor der Haupttribüne aufstellten und die Hymne der Königsklasse durch die Arena dröhnte, rüttelten die Fans von Real so heftig an einem Zaun, dass eines der beiden Tore zusammenbrach. Und so wurde aus diesem Halbfinale ein gewaltiger Scherz. Passend zum Datum: Es war der 1. April.
Im Interview erinnert sich Reinhardt an diesen Abend, der in die Fußball-Geschichtsbücher einging.
SPIEGEL ONLINE: Herr Reinhardt, was haben Sie gedacht, als das Tor fiel?
Reinhardt: Das habe ich gar nicht mitbekommen. Aus der Entfernung war das schwer zu sehen. Erst als uns der Schiedsrichter wieder in die Kabine geschickt hat, wurde mir klar, was passiert war.
SPIEGEL ONLINE: Wie war die Stimmung in der Kabine?
Reinhardt: Jeder Spieler ist mit der Situation anders umgegangen. Einige haben ein paar Dehnübungen in der Dusche gemacht, andere haben ihr Trikot ausgezogen oder saßen einfach nur da und hatten die Augen geschlossen. Natürlich, einige haben geredet, andere waren still.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht?
Reinhardt: Ich weiß noch, dass ich einer derjenigen war, die sich gedehnt haben. Und irgendwann kamen Hungergefühle. In der Kabine gab es nur Bananen. Ich habe also zwischendurch ein paar Bananen gegessen, aber irgendwann waren auch davon keine mehr da.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie sicher, dass das Spiel noch angepfiffen würde?
Reinhardt: Nein, alles war ungewiss. Immer wieder kamen die Betreuer oder unser Präsident Dr. Niebaum mit neuen Hiobsbotschaften rein: Das Spiel findet statt! Das Spiel findet nicht statt! Und ich dachte nur: Wir sind hier bei Real Madrid, dem reichsten Verein der Welt. Und hier gibt es nirgends ein Ersatztor? Das kann doch nicht sein. In Dortmund hätte ich sofort gewusst, wo Ersatztore stehen.
Trainer des BVB war damals Nevio Scala. Nach dem ersten und bisher einzigen Dortmunder Champions-League-Triumph im Vorjahr durch das 3:1 im Finale gegen Juventus Turin hatte er die Mannschaft übernommen, um den Umbruch zu moderieren. Die Liga sollte der BVB in dieser Saison nur als Zehnter beenden. Die Hoffnungen lagen deshalb auf dem Spiel gegen Real.
Doch der spanische Hauptstadtclub war damals mit Roberto Carlos, Clarence Seedorf, Raúl, Predrag Mijatovic und Fernando Morientes vielleicht noch besser besetzt als heute. Als die Mannschaften nach über 70 Minuten wieder auf den Rasen gebeten wurden, sprach Scala seinen Spielern Mut zu: Vergesst, was war. Ihr seid Profis. So erzählt das Knut Reinhardt.
SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie sich mit Anpfiff wirklich auf das Spiel konzentrieren?
Reinhardt: Ich konnte die Situation ausblenden. Aber ein normales Spiel war es dennoch nicht. Das Tor war nicht regelkonform, die Latte fiel bestimmt zehn bis 20 Zentimeter ab.
SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie überprüft?
Reinhardt: Da musste man nicht genau hinschauen. Jeder Laie konnte sehen, dass das kein regelgerechtes Tor war. Es sah aus, wie von einem schlechten Handwerker zusammengezimmert.
SPIEGEL ONLINE: Dank der Kommentierung von Marcel Reif und Günther Jauch hat der Torfall Fernsehgeschichte geschrieben. Wann haben Sie davon mitbekommen?
Reinhardt: Am nächsten Tag, als wir zurück in Dortmund waren. Da stand schon in den Zeitungen, was für tolle Sprüche die gerissen haben. "Ein Tor würde dem Spiel gut tun" - darauf muss man erstmal kommen.
Fußballgeschichte schreiben konnte der BVB an diesem 1. April 1998 nicht. 0:2 ging das Spiel verloren. Ein 0:0 im Rückspiel besiegelte das Aus im Halbfinale und damit das Ende einer großen Dortmunder Mannschaft. Trainer Scala durfte gleich wieder gehen.
Die Dortmunder Elf des Jahres 2013 hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Da ist sich Knut Reinhardt sicher. Zwar hält er den Profifußball auf Distanz. Der heute 45-Jährige arbeitet als Lehrer. Doch beim BVB sitzt er regelmäßig auf der Tribüne. Der 4:1-Erfolg im Hinspiel gegen Real war eines der besten Dortmunder Spiele, die er erlebt hat.
SPIEGEL ONLINE: Denken Sie manchmal daran, wie es wäre, in der aktuellen Mannschaft zu spielen? Mit Mario Götze, Marco Reus und Robert Lewandowski unter Trainer Jürgen Klopp?
Reinhardt: Ich würde gerne noch mal in Madrid spielen. Aber auf der linken Seite spielt der Schmelzer. Und der macht seine Sache ganz gut. Nein, im Ernst: Ich hatte auch meine 15 Jahre Spitzenfußball, hatte tolle Erfolge und habe mit tollen Trainern zusammengearbeitet. Aber die aktuelle Mannschaft macht mir sehr viel Freude.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem 4:1 im Hinspiel dürfte in Madrid nichts mehr schiefgehen, oder?
Reinhardt: Die Sache ist noch nicht durch. Trotzdem: Das Finale sollte drin sein. Ich habe schon davon geträumt, wie der BVB das Endspiel gegen den FC Bayern gewinnt: im Elfmeterschießen, Mario Götze macht das entscheidende Tor. Dann verzeihen ihm die Leute auch seinen Wechsel nach München.
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