Von Christoph Ruf, Augsburg
Um zu verstehen, was am Samstag in Augsburg passiert war, hätte es gereicht, nach dem Schlusspfiff die Mundpartien zweier Hauptakteure zu beobachten. Torwart Michael Rensing, der mit Abstand beste Kölner Spieler in einem mit lustlosen Totalausfällen gespickten Team, presste nach der 1:2-Niederlage fest die Lippen zusammen, als er nach der Leistung seiner Mannschaftskollegen gefragt wurde.
Statt drauflos zu ledern, betonte er demonstrativ, wie gut "das Trainerteam uns auf das Spiel hier eingestellt hat". Keine Frage: Rensing würde gerne mit seinem Trainer Stale Stolbakken weiterarbeiten. Dass er auch mit allen seinen Mitspielern gerne arbeitet, darf bezweifelt werden. Auf die Frage nach dem Berufsethos manches Kollegen gab Rensing die denkbar stilvollste Antwort: Er presste die Lippen zusammen und lächelte entschuldigend.
Der erneut tadellose Torwart zeigte mit seiner Weigerung, einzelne Kollegen in die Pfanne zu hauen, den Charakter, der dem Gros seiner Mitspieler abzugehen scheint. Zwei Beispiele von vielen: Was Angreifer Milivoje Novakovic zeigte, war eine 90 Minuten währende Provokation. Die drei Schritte, die er nach dem Schlusspfiff Richtung Fankurve zurücklegte, stellten fast die größte Laufleistung während des gesamten Nachmittags dar.
Und Pedro Geromel, der beim FC aus an diesem Tag nicht ersichtlichen Gründen die Kapitänsbinde trägt, schlampte in der Abwehr so lange vor sich hin, bis er und alle Augenzeugen in der 76. Minute durch seine Auswechslung erlöst wurden. Beide Außenbahnen waren auf der gesamten Spielfeldlänge sowieso fest in Augsburger Hand. Axel Bellinghausen kam auf der linken Spur öfter zur Grundlinie als im gesamten bisherigen Saisonverlauf.
Podolski: "Es geht um die Existenz"
Weitere Belege für die Kölner Weigerung, wenigstens ein bisschen Fußball zu spielen? Ein einziges Mal hatte der FC im zweiten Durchgang so etwas wie eine Torchance, der Schuss von Christian Clemens verfehlte das Tor deutlich. Im ersten Durchgang hatte es einen Elfmeter gebraucht, um Lukas Podolski zu einem letztlich wertlosen Treffer zu verhelfen. "Es geht um die Existenz", sagte der Nationalspieler pflichtschuldig nach der Partie. In den 90 Minuten zuvor wirkte sein Team, als habe es genau das nicht verstanden.
Aus diesem Grund klingelte während der Pressekonferenz auch Solbakkens Telefon. "Meine Frau", erläuterte der Kölner Trainer, "sie will sicher wissen, ob ich morgen noch Arbeit habe." Vieles spricht dafür, dass das nicht der Fall sein wird. Der Norweger ("Ich trage die Verantwortung") weigerte sich am Samstag, die Spieler offen zu kritisieren, die ihn durch ihre Arbeitsverweigerung jetzt den Job kosten dürften.
"Ich will jetzt nicht die Namen durchgehen, ich werde das direkt mit den Spielern bereden." Dann biss er sich wieder auf die Unterlippe. Und alle im Raum begriffen: Da weiß einer, dass er wohl den Kopf für eine Mannschaft hinhalten muss, der die meisten FC-Fans längst die Solidarität aufgekündigt haben.
Augsburg setzt seinen Aufwärtstrend fort
Nach dem Schlusspfiff ("Wir haben die Schnauze voll") bekundeten sie ein paar Sekunden ihren Unmut, später empfingen rund 50 Vermummte von ihnen den Mannschaftsbus. Der Rest biss sich nicht einmal mehr auf die Unterlippe. "Die sind es nicht wert, dass man sich von ihnen die Laune verderben lässt", sagte ein FC-Fan am Augsburger Bahnhof. Sein Gesicht drückte dabei vieles aus. Nur keine gute Laune.
Ganz anders die Stimmungslage bei der Anhängerschaft des FCA. Im Schwäbischen haben ja selbst die Fans der eigenen Mannschaft vor der Saison mehrheitlich nichts anderes erwartet als den sofortigen Wiederabstieg. Umso euphorischer feuerten sie ihre Mannschaft in den vergangenen Wochen an, in denen sich ihr Team Schritt für Schritt aus dem Tabellenkeller emporkämpfte und mittlerweile "phasenweise richtig guten Fußball spielt", wie ihr Trainer Jos Luhukay zurecht festgestellt hat.
Dass das Spiel nicht mit einem ähnlich deutlichen Ergebnis endete wie das Kölner 1:6 gegen Dortmund in der Vorwoche, lag einzig und allein an der miserablen Chancenverwertung der Augsburger, die ein knappes Dutzend bester Torgelegenheiten hatten - und nur kümmerliche zwei Treffer zustande brachten. "Das war ein bisschen wenig", gab Kapitän Paul Verhaegh dann auch zu - "dafür, dass das Spiel eigentlich immer nur in einer Hälfte stattgefunden hat."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-Bundesliga | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH