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Kommentar: Ein salomonisches Fehlurteil

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Torsten Frings muss im WM-Halbfinale aussetzen, der deutsche Nationalspieler wurde von der Fifa für eine Tätlichkeit in der Partie gegen Argentinien gesperrt. Das Urteil ist inkonsequent und deshalb falsch - der Weltverband war sich seiner Sache wohl selbst nicht sicher.

Die Welt der Fifa ist eine aus festen Begrifflichkeiten, und meistens ist das auch gut so. Alles ist definiert, für die unschönen Nebenwirkungen der schönsten Nebensache der Welt hat sich der Verband extra ein sehr dickes Disziplinarreglement gegeben. Auf 89 Seiten stehen lauter Handlungsanweisungen für Vergehen wie die "missbräuchliche Verwendung von Urkunden" (Artikel 58) oder die "Annullierung von Verwarnungen" (Artikel 38). Der Katalog hat auf alles eine Antwort - jedenfalls dachte man das bis heute. Dann kam der Fall Frings.

Nationalspieler Frings: Pause gegen Italien
AFP

Nationalspieler Frings: Pause gegen Italien

"Der Spieler der deutschen Nationalmannschaft, Torsten Frings, ist heute von der Fifa-Disziplinarkommission für zwei Spiele gesperrt worden", hieß es im Urteil, aber auch, dass "auf Grund einer zuvor erfolgten gegnerischen Provokation" die Sperre für das zweite Spiel auf sechs Monate zur Bewährung ausgesetzt werde. Frings habe dem argentinischen Spieler Julio Cruz einen Faustschlag versetzt, "diesen Vorgang qualifizierte die Kommission als Tätlichkeit".

Weiter führte die Kommission aus: "Für eine Verurteilung Frings' sprachen die eindeutigen TV-Bilder, die seine Tätlichkeit gegenüber Cruz dokumentierten. Diese objektiven Beweismittel konnten vom DFB und vom Spieler nicht entkräftet werden."

Wir fassen zusammen: Frings hat nach Ansicht der Fifa in Folge einer Provokation eine Tätlichkeit begangen, wofür man ihn zwei Spiele sperrt - aber eigentlich doch nur eins, denn in einem möglichen Endspiel dürfte der Mittelfeldspieler wieder mitmachen.

Ja was denn nun? Laut Kapitel 2, Abschnitt 1 (Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit), Artikel 48 des Fifa-Disziplinarreglements wird ein Spieler, "der vorsätzlich eine Tätlichkeit an einer anderen Person begeht, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge hat, für mindestens zwei Spiele gesperrt." Raum für "Bewährung" lässt dieser Paragraf nicht, und genau das ist auch das Problem. Frings hat - expressis verbis - eine Tätlichkeit begangen, und zwar am Spieler Cruz, der alles andere tat als den DFB-Kicker zu provozieren. Dafür gehörte er zwei Spiele gesperrt, oder gar nicht.

Mit ihrem Weichspüler-Urteil hat die Fifa stattdessen eine lex frings geschaffen, sie hat ihn bestraft, aber nicht so hart, wie er es per definitionem eigentlich müsste. Nun muss sich der Weltverband Fragen gefallen lassen. Was taugen Paragrafen, wenn man sich nicht an sie hält? Warum wurde Cruz nicht zu den Vorwürfen gehört? Wird der WM-Gastgeber bevorzugt? Oder wollte die Fifa es am Ende nur allen recht machen? Man kann sich die Reaktionen der Italiener vorstellen, wäre Frings gegen sie im Halbfinale aufgelaufen. Und die Reaktion des DFB wäre im Fall einer Zwei-Spiele-Sperre wohl deutlich härter ausgefallen als Teammanager Oliver Bierhoffs "wir sind enttäuscht, aber akzeptieren die Entscheidung".

Vielleicht war sich der Weltverband seiner Sache am Ende aber auch nur nicht sicher. In diesem Fall hätte jedoch eines der ältesten Rechtsprinzipien zur Anwendung kommen müssen. Im Zweifel für den Angeklagten.

Anmerkung der Redaktion: Die These unseres Kommentars basiert auf einer falschen Annahme. Laut Artikel 33 des Fifa-Disziplinarreglements ist es möglich, dass Strafen von bis zu sechs Spielen zum Teil zur Bewährung ausgesetzt werden können. Dies ist laut Fifa allerdings nur dann möglich, wenn "alle relevanten Faktoren" dafür sprechen, "insbesondere die Vorgeschichte der bestraften Person". Die Hälfte der Strafe muss auf jeden Fall verbüßt werden.

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