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Beckenbauer-Interview über WM-Affäre: Die Unterschreibmaschine

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Franz Beckenbauer hat sich erstmals öffentlich zur WM-Affäre geäußert. Jetzt weiß man, dass der Kaiser unter alles seine Unterschrift setzte, was man ihm hinlegte. Und dass er kein Interesse hat, für Aufklärung in dem Skandal zu sorgen.

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DPA

Drei Stunden hat Franz Beckenbauer mit der "Süddeutschen Zeitung" gesprochen, es ist seine erste längere persönliche Äußerung in der WM-Affäre. Und nach dem Interview ist jetzt auch vieles klarer.

Man weiß zum Beispiel, dass Franz Beckenbauer, diese Ikone der fußballerischen Lässigkeit, vor allem ein nachlässiger Mensch ist. Wenn man ihm glaubt, hat der "Kaiser" in seiner Funktionärslaufbahn so ungefähr alles wahllos unterschrieben, was man ihm so hingelegt hat. "Tausende von Briefen, Tausende von Erklärungen, Tausende Vereinbarungen" will er signiert haben, Beckenbauer, die Unterschreibmaschine. Und wo man sich schon die Frage stellt, wie er das in einem Leben alles hinbekommen haben oder vor lauter Unterschreiben noch andere Sachen gemacht haben will, da folgt auch schon die einzig logische Erklärung: Beckenbauer hat dabei halt aufs Lesen verzichtet und stattdessen blind unterschrieben. "Wenn ich das anders gemacht hätte, tät ich heut' noch lesen."

Man weiß jetzt auch, dass Franz Beckenbauer ansonsten nicht viel weiß. Er will bis heute nicht wissen, dass er einen Schuldschein unterschrieben hat, damals, für Robert Louis-Dreyfus, den Adidas-Impresario, der dem deutschen Bewerbungskomitee für die WM 2006 nach Lage der Dinge zehn Millionen Franken geliehen hatte. Er weiß auch nicht, warum die Fifa-Finanzkommission die zehn Millionen Franken als Voraussetzung für einen WM-Zuschuss von 250 Millionen Franken haben wollte, und er wollte es nicht wissen. Und natürlich weiß er auch nicht, wo die zehn Millionen Franken schließlich gelandet sind. Eins weiß Beckenbauer aber ganz genau: Dass die WM nicht gekauft war, er kann das sogar "kategorisch ausschließen".

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Franz Beckenbauer: Ein Leben als Kaiser
Drei Stunden hat Franz Beckenbauer mit der "Süddeutschen Zeitung" gesprochen, aber in Wahrheit ist jetzt nur eins klar: Franz Beckenbauer will offenbar, dass im vielleicht größten Skandal des deutschen Fußballs nichts klarer wird.

Sein Interview folgt dabei dem Muster einer anderen öffentlichen Äußerung in dieser Affäre, die danach ein ebenso ungläubiges Kopfschütteln erntete wie dieses Interview: Wolfgang Niersbach saß auf einer Pressekonferenz, er war da noch DFB-Präsident und schwer unter Druck. Niersbach erzählte eine Version von Bekanntem und Belegtem, berief sich bei kritischen Punkten auf Erinnerungslücken und war trotzdem sicher: alles sauber gelaufen damals.

So ist er halt, der Franz

Beckenbauer macht das jetzt genauso. Aber er steht nicht unter Druck dabei, er hat kein Amt zu verlieren, er hat Wochen verstreichen lassen bis zu diesem Interview und wahrscheinlich hat er auch die besseren Anwälte. Beckenbauers Nichtssagen ist im Gegensatz zur chaotischen Verteidigung Niersbachs bestens vorbereitet. Am Ende des Gesprächs soll Beckenbauer wie ein älterer Herr wirken, der sich an vieles nicht mehr erinnern kann, aber offenbar alles unterschrieben hat und dabei immer nur das Beste wollte. So kann man sogar Sachen einräumen, die noch gar nicht passiert sind. Dokumente, die auftauchen könnten. Unterschrieben. Vergessen. Und die Wohlmeinenden werden nach diesem Interview vielleicht sogar sagen: So ist er halt, der Franz.

Für alle anderen ist es eine einzige Desillusionierung. Franz Beckenbauer wird kein Licht ins Dunkel der WM-Affäre bringen, das hat er sehr deutlich gemacht.

Sonst würde er ein Interesse haben zu erfahren, was Mohammed Bin Hammam, so er sie bekam, mit den zehn Millionen Franken gemacht hat. Aber das habe ihn damals nicht interessiert, "und heute interessiert's mich schon zweimal nicht". Und sonst würde er dem DFB auch weiterhin uneingeschränkt für Auskünfte zur Verfügung stehen. Wird er aber nicht. Sondern: "Wann und wie, das entscheide ich in aller Ruhe und Rücksprache mit meinen Anwälten", sagte Beckenbauer. Er habe schließlich den Redakteuren der Zeitung "Rede und Antwort gestanden."

Aber hat er das wirklich? Unterschreiben würde das wohl nur einer.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Gödecke ist Sportchef von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Goedecke@spiegel.de

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1.
gegenpressing 21.11.2015
Das Interview ist ja fast so peinlich wie die PK von Niersbach. Unglaublich, also entweder Herr Beckenbauer ist einer der dümmsten Personen, die jemals diesen Planeten bewohnt haben, oder er will uns für dumm verkaufen. So so, er hat einfach alles unterschrieben und sich nichts durchgelesen... Ja Franz, woher willst Du denn dann wissen, dass keine Stimmen gekauft wurden?! Du weißt ja noch nicht mal, dass Du einen Schuldschein über 10 Mio SFr unterschrieben hast! Eines weiß man jetzt aber auf jeden Fall, so denn stimmt, was der Franz erzählt: Er hat die WM ganz sicher nicht nach D geholt. Laut eigener Aussage konnte er sich 2000 ja offenbar noch nicht mal selbst nen Klempner rufen...
2. Überschätzt
poetnix 21.11.2015
Dieser Mann ist, weil er ein guter Balltreter war, immer überschätzt worden! Allerdings wird man auch sagen können, dass in dem abgehobenen und korrupten Umfeld der Fußballfunktionare ein kontrollierendes Hinschauen das Ende einer gut dotierten Funktionärskarriere bedeutet hätte.
3. Hmm...
ge1234 21.11.2015
... warum nur habe ich das Gefühl, dass der anfänglich vom Spiegel postulierte "Skandal", nachdem er eh schon zum Skandälchen geschrumpft war, sich nach und nach in Luft auflöst. Der Kommentar ist ein weiterer Beleg dafür, wie seitens des Spiegels krampfhaft versucht wird, trotzdem das Thema hochzuhalten, um der eigenen Blamage zu entgehen.
4.
flotalo 21.11.2015
Das katholische Gesamtkunstwerk Franz Becken bauer könnt ihr verbiesterten und geifernden Protestanten nicht vom Thron stoßen. Franz verkörpert eine gewisse Lebensfreude und Leichtigkeit, ihr Journalisten unweit des Polarkreises esst doch euern Grünkohl bei Miesepeterwetter und trinkt bitte hinterher reichlich Schnaps, damit euch ein bischen warm ums herz wird. PS. Der naive Uwe Seeler kann den Franz niemals ersetzen.
5.
senta1958 21.11.2015
Zitat von gegenpressingDas Interview ist ja fast so peinlich wie die PK von Niersbach. Unglaublich, also entweder Herr Beckenbauer ist einer der dümmsten Personen, die jemals diesen Planeten bewohnt haben, oder er will uns für dumm verkaufen. So so, er hat einfach alles unterschrieben und sich nichts durchgelesen... Ja Franz, woher willst Du denn dann wissen, dass keine Stimmen gekauft wurden?! Du weißt ja noch nicht mal, dass Du einen Schuldschein über 10 Mio SFr unterschrieben hast! Eines weiß man jetzt aber auf jeden Fall, so denn stimmt, was der Franz erzählt: Er hat die WM ganz sicher nicht nach D geholt. Laut eigener Aussage konnte er sich 2000 ja offenbar noch nicht mal selbst nen Klempner rufen...
Wenn ich mich umschaue und feststelle, wieviele Leute Verträge unterschreiben, ohne die Inhalte gelesen zu haben, halte ich es für sogar recht glaubwürdig, was Herr Beckenbauer hier sagt. Er hatte die Aufgabe, in der Welt herum zu reisen und mit seinem Bekanntheitsgrad und seinem Namen Stimmen zu werben. Insoweit finde ich es nicht so abwegig, dass er die Dinge, die man ihm zur Unterschrift vorlegte, ohne zu lesen, unterschrieb. Sie werden es kaum glauben: Es gibt tatsächlich noch Vertrauen zu Menschen, die man seit vielen Jahren kennt. Früher, vor Ihrer Zeit?, war es üblich, sich auf das Wort eines anderen zu verlassen und Geschäfte auf Zusagen abzuwickeln. Mit peinlich und dumm hat das absolut nichts zu tun. Aus heutiger Sicht höchstens mit ein wenig Naivität.
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