Bayern-Niederlage gegen Chelsea: Das Spiel des Lebens - und wie man es verspielt

Ein Kommentar von Klaus Brinkbäumer

Nach der Finalniederlage gegen Chelsea sprachen Profis, Trainer und Offizielle, selbst Journalisten, von Pech. Dabei fehlten den Bayern der Esprit und der Mut, aus den gewohnten Abläufen auszubrechen.

Bayern-Profi Robben: Verschossener Elfmeter im Champions-League-Finale Zur Großansicht
Getty Images

Bayern-Profi Robben: Verschossener Elfmeter im Champions-League-Finale

Seltsam, wie Sat.1, die Bayern-Spieler, der Trainer und der alt gewordene Franz Beckenbauer immer wieder sagten, dass es ausschließlich Pech gewesen sei. "Es sollte nicht sein." Schicksal. "Nicht erklärbar." 125 Minuten lang redete der Kommentator Wolff-Christoph Fuss vor sich hin und sagte doch nur, dieses Spiel sei nicht zu verstehen.

Das war Pech, ja klar. Die bessere Mannschaft hat das Champions-League-Finale im Elfmeterschießen verloren. Das ist gemein. Aber die bessere Mannschaft hat sich nicht gut bewegt, war eher langsam oder jedenfalls stets im selben Tempo unterwegs und überraschte niemanden.

Was hätte das Borussia Dortmund der Rückrunde mit diesem zaghaften FC Chelsea gemacht? Das funktioniert nicht, wenn sechs Spieler stehen. Die bessere Mannschaft hatte am Samstag zwar meistens den Ball, aber vor dem Tor ging sie ungenau mit ihm um. Dass Chelsea so atemberaubend verteidigt habe, ist nicht wahr; es hielten sich nur viele Verteidiger im Strafraum auf. Wie viele Torchancen haben die Bayern herausgespielt?

Und die bessere Mannschaft hat schlecht ausgewechselt. Thomas Müller geht, Daniel van Buyten kommt, fünf Minuten vor Schluss, das ist ein Bundesliga-Wechsel, für eine mögliche Verlängerung war er entsetzlich. Wer sollte in der Verlängerung das Spiel gewinnen? Und selbst eine bessere Mannschaft darf einem Mann wie Arjen Robben an solch einem Tag nicht jeden ruhenden Ball überlassen.

Robben konnte nichts damit anfangen. Und wenn man das sieht, muss man entweder reagieren - oder man verschwendet 13, 15, 17 Ecken, jede Menge Freistöße, letztlich einen Elfmeter. Die Bayern haben zu vieles nicht gewagt: etwas zu verändern; oder Robben zu sagen: "Nein, tut uns leid, diesen, den wichtigsten Elfmeter unserer Vereinsgeschichte schießt einer ohne Nerven"; und damit eine Hierarchie, die Gewohnheiten und die Sicherheit dieses "Das macht Robben, das machen wir nämlich immer so" umzuwerfen und etwas zu riskieren.

Dass man Chancen nutzen sollte und sich nicht so gleichmütig verhalten darf, als werde es schon irgendwie irgendwann und jedenfalls automatisch gut gehen, ist im Sport nun wirklich keine neue Erkenntnis. Ein schreckliches Wort: Killer-Instinkt. Besser: Wagemut. Auf Englisch: Take it now - it might not come back.

Chelsea wusste, auf welche Weise es dieses Spiel gewinnen konnte. Didier Drogba wollte die eine Ecke, diesen einen Kopfball, diesen letzten Elfmeter haben wie nichts anderes auf der Welt. Das ist das wirklich Traurige für Jupp Heynckes, Bastian Schweinsteiger und die Münchner: dass sie's verschenkt haben.

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insgesamt 255 Beiträge
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1. Ahnungslosigkeit
FrankDr 20.05.2012
"So siegte das Team mit dem größeren Siegeswillen, kommentiert Klaus Brinkbäumer." Da habe ich aufgehört zu lesen. Wo war bei Chelsea denn Siegeswillen? Die haben quasi jeden Zweikampf der 120 Minuten verloren, weil die Bayern aggressiver, engagierter und läuferisch wie spielerisch absolut überlegen waren. Chelsea WOLLTE gar NICHT gewinnen, sondern sich lediglich auf einen (eingetretenen) Glücksmoment von Drogba verlassen oder sich irgendwie ins Elferschießen retten. Das scheinen sie geübt zu haben, denn die Elfer waren zugegebenermaßen erste Sahne.
2.
reinhardkoehler 20.05.2012
leider ist es so.
3. Es gewinnt immer die Mannschaft, die mehr Tore schiesst.
atherom 20.05.2012
War Barcelona im Halbfinale schlechter, als Chelsea? Nein, besser, wesentlich besser, als Bayern gegen Chelsea. Und verlor, weil es weniger Tore schoß. Im Übrigen hat kein Kommentator -ausser Beckenbauer- gefragt, ab es ein regulärer Straftstoss war. Beckenbauer sagte, dass nein. Bayern braucht wirklich nicht in Selbstmitleid zu verfallen.
4. Josef Heynckes
Oepen 20.05.2012
Korrekt analysiert. Glück oder Pech sind hier irrelevante Komponenten. Chelsea wollte und konnte, Heynckes signalisierte mit dem Wechsel Müller/van Buyten, dass er nicht den Mumm hatte weiter auf Sieg zu spielen. Fatal, fatal. Josef H. hatte kurz vor Schluss keine Eier mehr.
5. Bayern + CL
dr.schmockbach 20.05.2012
Zitat von sysop"Es sollte nicht sein": Nach der Finalpleite gegen Chelsea sprachen Profis, Trainer und Offizielle, selbst Journalisten, von Pech. Dabei fehlte den Bayern Esprit und der Mut, aus den gewohnten Abläufen auszubrechen. So siegte das Team mit dem größeren Siegeswillen, kommentiert Klaus Brinkbäumer. Kommentar von Klaus Brinkbäumer zur Bayern-Pleite im CL-Finale - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,834054,00.html)
Bayerns Stars haben versagt !! ganz klar Verstärkung muss her. Boateng hat einen Halbbruder... guter Mann Farfan von Schalke.... guter Mann usw. usf. was sagen die Scouts ? Kroos ist ein guter Handwerker, aber ihm fehlt die internationale Klasse. Wann kommt Özil ? oder, oder ??
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    Klaus Brinkbäumer, 46, wechselte 1993 zum SPIEGEL, wo er zunächst als Redakteur und dann als Reporter für die Ressorts Sport, Deutschland, Ausland und Gesellschaft arbeitete. Er gewann u.a. den Egon-Erwin-Kisch-Preis, den Henri-Nannen-Preis und den Deutschen Reporterpreis. Nachdem er vier Jahre lang als Korrespondent aus New York berichtet hatte, wurde Brinkbäumer im Januar 2011 als Textchef Mitglied der Chefredaktion. Seit 1. September 2011 ist er neben Martin Doerry stellvertretender Chefredakteur.

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