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Beckenbauer und die WM-Affäre: Dank ab, Kaiser!

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Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer war ein großer Fußballer, ein großer Trainer und immer auch: Sieger, um jeden Preis. In der WM-Affäre glaubte der "Kaiser", er würde schon durchkommen. Daraus wird nichts.

Es war einmal ein deutscher Kaiser. Erst herrschte er über den Ball. Dann herrschte er über den Boulevard. Am Ball lernte er, dass es im Fußball nur ums Gewinnen geht, auf dem Boulevard, dass Wahrheit nur das ist, was man daraus macht. Das waren die beiden Grundregeln im Leben des Franz Beckenbauer: dass es immer nur auf den Sieg ankommt, egal wie, und dass der Sieger die Geschichten schreibt. Weil er aber diesen Machiavellisten mit einer sympathischen Mischung aus Charmeur und Schelm, Libero und Luftikus gab, war er einer der beliebtesten Deutschen. Die Härte, mit der andere Erfolgsmenschen von Sieg zu Sieg eilen und dabei die Zuneigung der weniger Glücklichen, weniger Begnadeten verlieren, war ihm nie anzumerken.

Jetzt aber muss der Kaiser abdanken (lesen Sie hier die Geschichte über Franz Beckenbauer im aktuellen SPIEGEL). Beckenbauer hat die Macht über den Fußball verloren; die Zeit, in der Männer wie er über den Ball regierten, ist vorbei. Stattdessen haben Ermittler übernommen, Männer ohne Charme, dafür mit aller Härte. Und sie haben auch die Macht über die Wahrheit übernommen. Sie stoßen durch das Dickicht an augenzwinkernden Deals, seifigen Männer-Absprachen, A-bisserl-was-geht-immer-G'schichten.

Ohne die Macht über den Fußball und die Macht über die Wahrheit steht der Kaiser jetzt nackt da.

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Franz Beckenbauer: Ein Leben als Kaiser
Beckenbauer hatte geglaubt, davonzukommen, als Idol, Ikone, zur Not als Idiot. Als der SPIEGEL die ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus aufdeckte und danach noch eine Menge anrüchiger Dinge rund um die Vergabe der deutschen WM 2006 ans Licht kamen, hatte Beckenbauer zunächst versucht, sich mit seiner angeblichen Naivität herauszureden. Ach, er habe so vieles unterschrieben, ohne hinzusehen. Ach, er habe sich immer auf andere verlassen, was wisse denn er? Ach, das mit den 6,7 Millionen, darum habe sich sein Manager Robert Schwan gekümmert, oder Fedor Radmann, des Kaisers ewiges Doppel. Er, der Kaiser, habe mit all den Schmuddeldingen im Grunde doch nichts zu tun.

Selbst da, wo Beckenbauer draufstand, sollte also nicht Beckenbauer drin gewesen sein, immer dann nämlich, wenn erstens etwas enthüllt wurde und das zweitens der Aura Beckenbauers geschadet hätte.

Lächerliche Koketterie

Ein Leben lang war das gut gegangen, schon bei seinen Steuergeschichten in den Siebzigern und Achtzigern in der Schweiz, die man anderen nicht so leicht verziehen hatte. Beim Kaiser dagegen lagen Jahressteuerbelastungen von weniger als 20.000 Franken bei einem Millionengehalt im Sympathie-Grenzbereich. In letzter Zeit aber war das "Was weiß denn ich?" schon weniger gut gegangen. In seinem Interview in der "Süddeutschen Zeitung" etwa, als die Koketterie, mit der er seine angebliche Ahnungslosigkeit zur Schau stellte, ins Lächerliche abglitt.

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Der Zahlungsfluss der 6,7 Millionen Euro

Und nun, mit dem Freshfields-Bericht im Auftrag des DFB zum Deutschen Sommermärchen, ist die Zeit der charmanten Ausreden endgültig vorbei. Franz Beckenbauer war die Schlüsselfigur bei der Zahlung von 10 Millionen Schweizer Franken an den zwielichtigen Fifa-Funktionär Mohamed Bin Hammam aus Katar. Keiner kann, und schlimmer, keiner will ihm mehr glauben, dass er keine Ahnung hatte, wohin das Geld am Ende ging. Und wofür. Denn er selbst war zunächst mit sechs Millionen Franken in Vorleistung getreten, und er selbst bekam von den zehn Millionen des Franzosen deshalb sechs Millionen zurück. Auf sein Konto, zu einem Zeitpunkt, als sein Manager Robert Schwan schon tot war. Selbst ein Kaiser, ein sehr vermögender Kaiser, merkt, wenn ihm sechs Millionen Franken zugehen, und es ist völlig lebensfremd, ja absurd, dass er den Hintergrund des Hin und Her im Jahr 2002 nicht gekannt haben soll.

Sein dunkles Geheimnis

Mussten alte Rechnungen beglichen werden aus der Zeit der WM-Vergabe 2000, mussten Wahlmänner für den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter 2002 geschmiert werden? Was auch immer es war, es dürfte illegal gewesen sein. Und es muss so illegal und gleichzeitig für den Kaiser auch so wichtig gewesen sein, dass er alles dafür tat, um die Wahrheit auch in den vergangenen Wochen zu verbergen. Gegenüber Freshfields, gegenüber der Öffentlichkeit.

Es war sein dunkles Geheimnis, es sollte sein dunkles Geheimnis bleiben: Was musste er für seinen Sieg tun, die WM nach Deutschland zu holen? Oder was für den Triumph, ihr finanzielles Gelingen mit einem hart umkämpften Fifa-Zuschuss zu sichern - obwohl nicht nur die WM, sondern auch dieser Zuschuss längst sicher waren, als Beckenbauer und dann Louis-Dreyfus das Geldkarussell in Gang setzten? Was also war so wichtig, dass Beckenbauer so eisern schwieg bis heute?

Wenn aber früher für Beckenbauer galt, dass man für den Sieg auf dem Platz alles tun durfte, dann gilt jetzt, dass er damit nicht mehr davonkommen wird. Die 6,7 Millionen gingen auf sein Konto, ein Teil davon im wahrsten Sinne des Wortes. Die Fifa-Ethikkommission wird das mit aller Konsequenz und Härte verfolgen müssen, Beckenbauer droht eine lebenslange Sperre.

Der Kaiser ist Geschichte. Das ist tragisch, das ist traurig, bei all seinen Verdiensten. Aber auch verdient. Für all seine Fehler.

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Jürgen Dahlkamp

Jürgen Dahlkamp ist SPIEGEL-Redakteur im Deutschland-Ressort.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mein Gott
Wally_K 05.03.2016
Jetzt lasst doch mal den Kaiser in Ruhe - meine Fresse. Hat er gemaggelt, hat er Kohle hin und hergeschoben. Jut. Aber ohne dies - und es steht zu vermuten, dass dies generell appliziert - hätten wir die WM nicht in Deutschland gehabt. Wär's dem werten Kommentator lieber, Beckenbauer hätte brav nach den Regeln gespielt und die WM 2006 hätte nicht in Deutschland stattgefunden. Der Typ (Beckenbauer) hat mehr erreicht und für den deutschen Fußball geleistet, als irgendwer anders - und hat uns die WM abgecheckt. Das schien (leider) nicht zu funktionieren ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Also hört mit dem Quatsch auf. Auch du, lieber Spiegel-Schreiberling. *böse*
2. Ein Kaiser darf alles!
deglaboy 05.03.2016
Außer abdanken. Bedenken sie das, meine Herren. Als Strafe für den Franz hätte ich eine Idee: Ein Jahr bei den nicht-existierenden Arbeitssklaven von Katar. Danach wäre der Mann geheilt, von seinem Größenwahn.
3. Dicker Teppich
wieissesdennnurmoeglich 05.03.2016
Tja, wieso schweigt 'Der Kaiser' immer noch? Weil er ohne seinen Ziehvater Schwan ahnungslos ist, was er wohl gern glauben machen würde, oder weil noch viel mehr zu verschleiern ist? Etwa, wie die hunderte Hoeneß Millionen 'Spielgeld', wie es genannt wurde und noch während des Hoeness-Prozesses unter der Decke gehalten wurde und der wahre Betrag weiter wird, verwendet wurden, wie der Deal, die WM nach Qatar zu vergeben, abgelaufen ist, wer noch alles geschmiert würde, ob die Politik mit dranhängt... Fragen über Fragen. Es werden sich noch einige Suendenboecke finden, bevor Beckenbauer selbst dran ist. Dr wird geschützt.
4. Für den deutschen
mcmahon 05.03.2016
und auch für den internationalen Fussball hat er sich verdient gemacht. Das Sommermärchen liegt 10 Jahre zurück und ist allen noch in guter Erinnerung. Und falls es bei den Vergabeverhandlungen :-) , zu Gefälligkeiten gekommen ist, waren sie am Ende erfolgreich. Lasst den Mann in Ruhe, die alten Kamellen sind doch für die Zukunft des Fussballs nicht wichtig. Lasst uns lieber nach vorne schauen. Nach der WM ist vor der WM.
5. Warum überhaupt diese Medienhetze gegen Beckenbauer?
Athlonpower 05.03.2016
Ich weiß jetzt immer noch nicht, was die Hetzkampagne des SPON und der übrigen Moralschreiermedien überhaupt bewirken soll, es ist ja nicht das geringste passiert, war rechtlich angreifbar bzw. zu verfolgen wäre, ganz im Gegenteil, da hier nicht mal Steuergelder verwendet wurden kann es den Moralschreiermedien doch absolut schnurz sein, wer mit wieviel Geld hier der WM Vergabe nachgeholfen hat, seltsam, wenn Milliarden und Milliarden Steuergelder verschwinden und verschwendet werden, siehe Berliner Bankgesellschaft -21 Mrd Euro Steuergeld einfach weg-, BER, S21 usw., usw., da bleibt die Medienhetzmeute sehr ruhig und läßt die Köpfe im Sand stecken, schließlich geht es ja hier um das ganze korrupte politische System der Bananenrepublik Deutschland, da waren mit Kohl und Schröder sogar zwei Bundeskanzler dabei, die bei anderen auf der Lohnliste standen.
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