Neue Krim-Liga Fußball von Russlands Gnaden

Der Profifußball auf der Krim hat ein Problem: Faktisch gehört die Halbinsel zu Russland, rechtlich zur Ukraine. Jetzt soll eine eigene Liga den Sport retten. Für die Uefa eine heikle Angelegenheit.

Von Denis Trubetskoy, Sewastopol

Fußball auf der Krim: Sewastopol-Spieler sollen in eigener Liga spielen
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Fußball auf der Krim: Sewastopol-Spieler sollen in eigener Liga spielen


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Für den Fußball auf der Krim schlug spätestens im Dezember die Stunde null. Noch vor einem Jahr war die Schwarzmeer-Halbinsel mit zwei Vereinen in der höchsten ukrainischen Spielklasse vertreten. Dann kam die Annexion, seit dem vergangenen Frühling gehört die Krim faktisch zu Russland. Und so siedelten die Vereine in die dritte russische Liga über.

Doch zu Beginn des Winters wurden sie auch von dort ausgeschlossen - auf Druck der Uefa. Der europäische Verband wollte aus der Halbinsel eine Art "Sonderzone" machen, unabhängig von Russland und auch von der Ukraine.

Wie genau diese Sonderzone aussehen soll, weiß bis heute niemand.

Für die Uefa stellt die Krim eine schwierige Situation dar, aus ihr könnte sogar ein Präzedenzfall entstehen. Als der russische Verband RFU im vergangenen August drei Vereine von der Krim, SKChF Sewastopol, TKS Simferopol und Schemtschuschina Jalta, ohne die erforderliche Erlaubnis seiner ukrainischen Kollegen in die dritte Liga aufnahm, brach er sowohl die Statuten der Uefa als auch diejenigen des Weltverbands Fifa. Die RFU hatte gar nicht erst um Zustimmung gebeten, weil sie wusste, dass sie diese nie bekommen würde.

Kommission soll Lage auf der Krim bewerten

Seitdem steckt die Uefa in einem Dilemma. Eigentlich darf sie weder gegen die eigene Satzung handeln, noch die Krim als russisch anerkennen. Gleichzeitig ist sie aber ein Sportverband, der sich vor allem um die Entwicklung des Fußballs kümmern muss. Deswegen hat die Uefa Anfang März eine Kommission auf die Krim geschickt, angeführt von František Laurinec, einem Mitglied des Exekutivkomitees aus der Slowakei. Als Laurinec im Anschluss in Kiew mit ukrainischen Journalisten sprach, sagte er über die Krim: "Ich war zum ersten Mal in diesem Teil der Ukraine."

Laurinec war mit dieser Aussage um Diplomatie bemüht - doch die Realität sieht anders aus. Spätestens nach dem Dezember-Beschluss der Uefa über die Sonderzone Krim kann man nicht mehr sagen, dass der europäische Verband die Halbinsel tatsächlich als ukrainisch betrachtet. Der Ausschluss aus der russischen Liga sei trotzdem unvermeidbar gewesen, sagt Dawid Tetruaschwili, Generaldirektor des Klubs SKChF Sewastopol: "Natürlich war uns klar, dass eine andere Entscheidung der Uefa unwahrscheinlich ist. Der Verband wusste aber auch, dass man damit dem Fußball kräftig schadet."

Uefa stimmt Krim-Liga zu

Am Sonntag vor einer Woche stellte Laurinec seinen Bericht über die Reise auf die Krim auf dem Uefa-Kongress in Wien vor. Es wurde zwar keine offizielle Entscheidung getroffen, doch intern heißt es: Die Uefa hat der Gründung der Krim-Liga zugestimmt. Dafür muss unter anderem ein eigener Krim-Verband gegründet werden, der die Verbände der Krim und Sewastopols vereint. "Wir müssen noch vieles klären, zum Beispiel, wie die Fußballer registriert werden. Von unserer Seite werden wir aber alles tun, damit die Liga so schnell wie möglich beginnt", sagt Laurinec.

Die wichtigsten Fragen, die Fifa und Uefa in den kommenden Wochen klären müssen, sind:

  • Sind die Spieler von der Krim Russen oder Ukrainer?
  • Dürfen sie theoretisch für die russische oder für die ukrainische Nationalmannschaft auflaufen?
  • Oder gibt es eine eigene Krim-Nationalmannschaft?
  • Welchen Status wird diese Krim-Liga am Ende haben? Wird sie international anerkannt?
  • Kann man sich dort für den Europapokal qualifizieren?

Vor allem Letzteres ist unwahrscheinlich, da es auf der Krim an Infrastruktur fehlt und auch der ukrainische Verband sich klar gegen eine Europapokal-Teilnahme der Krim-Klubs positioniert. Doch das ist für die Verantwortlichen derzeit ohnehin zweitranging: "Vor allem wollen wir Klarheit haben. Wir wollen endlich Fußball spielen, das ist unser größtes Ziel", sagt Tetruaschwili, der die Uefa-Kommission von Laurinec durch die Krim begleitet hat.

Unklar bleibt auch, ob der mögliche neue Krim-Verband tatsächlich unabhängig wird. Denn dessen Chef soll angeblich vom russischen Sportministerium in Moskau gewählt werden - laut Tetruaschwili schlicht deswegen, weil sich die Krim und Sewastopol nicht auf eine Kandidatur einigen konnten. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Finanzierung der neuen Liga aus Russland kommt. "Wir könnten es der lokalen Regierung nicht verbieten, den Fußball finanziell zu unterstürzen", sagte Laurinec.

Zusammengefasst: Die Uefa ist für die Gründung einer eigenständigen Krim-Liga, damit sich der Fußball auf der Halbinsel weiterentwickeln kann. Doch noch gibt es viele unbeantwortete Fragen, etwa zur Nationalität der Spieler. Auch die Unabhängigkeit von Russland scheint nicht gegeben.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Immanuel_Goldstein 30.03.2015
1.
Das Problem ist nicht gelöst, wenn man einen Krim-Verband gründet, denn auch der Wechsel in diesen Verband muss von der Ukraine genehmigt werden. Das ist aber unwahrscheinlich. Völkerrechtlich gehört die Krim zur Ukraine und damit auch der dortige Fussball zum ukrainischen Verband. Die Spieler dort spielen für die Ukraine. So steht es in den Statuten von UEFA und FIFA.
n.nixdorff 30.03.2015
2. Was
soll denn das nun wieder? Die Krim wurde völkerrechtswidrig von Russland annektiert. Das haben die UN bestätigt. Also sollen die Russen und die paar Ukrainer und Krim-Tataren die noch geblieben sind, da miteinander rumbolzen soviel sich möchten. Aber bitte nur auf der Krim und nicht international. UEFA und FIFA sollten sich hüten, den illegalen Status der Krim aufzuweichen.
Ihr5spieltjetzt4gegen2 30.03.2015
3. Keine Sorge
Die UEFA wird schon einen Weg finden, einerseits in irgendeiner Form den eigenen Regeln genüge zu tun und andererseits den russischen Fußballverband (oder besser gesagt die russische Regierung) nicht zu verärgern. Im Kungeln ist man nicht nur bei der FIFA ganz groß. Die UEFA ist da auch nicht schlecht. Immerhin ist gazprom ein großer Sponsor der europäischen Clubwettbewerbe. Wenn es auf eine 'britische' Lösung hinauslaufen sollte (England, Schottland, Wales, Nordirland haben eigenständige Fußballverbände mit eigenen Ligen und Auswahlmannschaften), dann dürfte es interessant werden, wie nach einer wie auch immer gearteten Lösung des Ukrainekonflikts verfahren wird. Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die Ostukraine Teil der Ukraine bleiben wird. Vielleicht bilden ja dann die Clubs aus Donezk und andere eine gemeinsame Liga mit der Krim? Aber im Prinzip ist es wurscht. Sport hat ja nichts mit politik zu tun. Oder am Ende doch?
Eckhard 30.03.2015
4. Wer bestimmt dieses
Gehört der Kosovo rechtlich noch zu Serbien oder ist er unabhängig? Es gibt keine Instanz, die das bewertet. Es wird einfach ein faktischer Konses in den westlichen Medien hergestellt, der uns dann als allgemein "rechtlich" dargereicht wird. Den Russen und befreundeten Staaten (u.a. Griechenland) z.B. eben andersherum. Es geht hier nicht um "rechtlich", sondern um "politisch". Oder "polit-rechtlich" oder noch besser um "west-rechtlich". Einst gab es mal einen Konsens, dass Grenzen, Unabhängigkeiten und innere Angelegenheiten zu respektieren sind. Dann wurden aber im Rahmen der US-Politik und unterstützt durch die westlichen Medien Ausnahmen proklamiert. Zuviele. Jetzt gibt es keinen Konsens mehr über internationales Recht. Es gibt nur noch das Recht des Stärkeren. Zur Zeit bombardieren die sunnitisch-wahabischen Saudis mit deutscher und US-Kriegstechnik die schiitische Minderheit der Hutis im Jemen wie sie zuvor schon die schiitische Mehrheit in Bahrain und ihre eigene schiitische Minderheit im Nordosten mit Panzern bekämpft haben. In Syrien und dem Irak unterstützt das saudische Regime brutale sunnitische Extremisten gegen die schiitisch dominierten Regierungen. Es handelt sich in Saudi-Arabien um eine islamistische-sunnitische Monarchie, die eine verfeindete Konfession, egal wo, bis aufs Blut bekämpft. Aber unsere Medien gehen mit diesen Übergriffen und Tötungen von Zivilisten und Minderheiten ganz anders um als mit Vorfällen z.B. in der Ukraine oder Tschetschenien. Und sie vergeben auch mal im politischen Sinne das Prädikat "rechtlich" Mit der oben einseitig verwendeten Art von "rechtlich" hat man dazu beigetragen Glaubwürdigkeit und internationalen Friedens-Konsens zu ruinieren.
Immanuel_Goldstein 30.03.2015
5.
Zitat von Ihr5spieltjetzt4gegen2Die UEFA wird schon einen Weg finden, einerseits in irgendeiner Form den eigenen Regeln genüge zu tun und andererseits den russischen Fußballverband (oder besser gesagt die russische Regierung) nicht zu verärgern. Im Kungeln ist man nicht nur bei der FIFA ganz groß. Die UEFA ist da auch nicht schlecht. Immerhin ist gazprom ein großer Sponsor der europäischen Clubwettbewerbe. Wenn es auf eine 'britische' Lösung hinauslaufen sollte (England, Schottland, Wales, Nordirland haben eigenständige Fußballverbände mit eigenen Ligen und Auswahlmannschaften), dann dürfte es interessant werden, wie nach einer wie auch immer gearteten Lösung des Ukrainekonflikts verfahren wird. Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die Ostukraine Teil der Ukraine bleiben wird. Vielleicht bilden ja dann die Clubs aus Donezk und andere eine gemeinsame Liga mit der Krim? Aber im Prinzip ist es wurscht. Sport hat ja nichts mit politik zu tun. Oder am Ende doch?
Die britischen "Lösung" funktioniert hier nicht. Die eigenständigen FIFA-Mitglieder Wales, Nordirland, Schottland und England sind Gründungsmitglieder des Verbands. Es hat als historische Gründe. Im Fall der Ukraine handelt es sich dagegen um einen klaren Völkerrechtsbruch. Das Elsass hatte auch nie einen eigenen Verband und Bayern auch nicht.
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