Krise beim Hamburger SV Kampf der Egomanen

Schlechte Laune ist zum Programm beim HSV geworden: Schlappe Ergebnisse in der Liga und ein Trainer, der Führungsstärke mit Halsstarrigkeit verwechselt, provozieren einen Hauskrach nach dem andern. Bruno Labbadia soll den Sündenbock abgeben - doch der Coach ist längst nicht allein schuld.

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Am Freitagabend lief im Multiplexkino in Hamburg "Kampf der Titanen". Bei der gegenwärtigen Krise, die der Hamburger SV durchläuft, erscheint es verständlich, dass sich einige Spieler mit Torhüter Frank Rost an der Spitze das einmal auf der Leinwand anschauen wollten.

Da Trainer Bruno Labbadia diesen unangemeldeten Kinobesuch jedoch weniger als Fortbildungsmaßnahme sondern vielmehr als Disziplinlosigkeit interpretierte, hat der Bundesligist den nächsten Hauskrach. Der HSV im Frühjahr 2010 - ein Ensemble ohne Zusammenhalt, eine Ansammlung von Egoisten, eine Mannschaft ohne Seele. Und Labbadia gibt den perfekten Sündenbock dafür ab. Ist der Trainer aber wirklich an allem allein schuld?

Der Hamburger SV hat das drittteuerste Personal der Liga, ein Kader gespickt mit Edelkickern: Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto, Mladen Petric, Eljero Elia, Marcell Jansen - eine solche Mannschaft muss die natürliche Anforderung an sich selbst erheben, um den Titel mitzuspielen. Insofern ist die vielkritisierte hohe Anspruchshaltung von Verein und Publikum logisch. Der HSV hat eine Spitzenmannschaft zu sein, alles andere wäre verfehltes hanseatisches Understatement. Der derzeit siebte Platz ist eine glatte Enttäuschung, ein 0:0 gegen Hannover, ein 0:1 gegen Mainz sind indiskutable Ergebnisse für Heimspiele.

Profis machen sich zum Absprung bereit

Dazu gibt der Verein in der Außendarstellung ein desolates Bild ab. Jeder Profi scheint in dieser Saison schon einmal seiner Unzufriedenheit über Trainer und Verein öffentlich Luft gemacht zu haben. Elia, Trochowski, Rost - jeder darf mal ran. Die Hamburger Fußballjournalisten können zuweilen gar nicht so schnell mitschreiben, wie ein Profi mit Kritik an die Öffentlichkeit gegangen ist. Schlechte Laune ist zum Programm des Clubs geworden.

Zahlreiche Leistungsträger haben über die gesamte Saison hinweg mit Verletzungen zu kämpfen, Streitereien bestimmen den Alltag. Torwart Frank Rost hat nach dem Streit über den Kinoausflug der Profis seine Tätigkeit im Mannschaftsrat hingeschmissen - selbstverständlich ohne die übrigen Mitglieder des Gremiums über diesen Schritt im Vorfeld zu informieren.

Die Profis haben längst Fliehkräfte entwickelt, Jerome Boateng ist schon Richtung England weg, Elias Zukunft beim HSV erscheint ungewiss, auch Stürmer Paolo Guererro, der in der Rückrunde vornehmlich abseits des Platzes für Schlagzeilen gesorgt hat, ist ein Wackelkandidat für die kommende Saison.

Akribie und Verbissenheit vermischen sich

Im Zentrum aller Disharmonien steht der Trainer. Bruno Labbadia scheint Führungsstärke mit Halsstarrigkeit zu verwechseln. Er geht auf Konfrontationskurs zu seinen Spielern, wo Vermittlung angebracht wäre. Er wirkt gekränkt, wo Geschmeidigkeit gefragt ist. Akribie und Verbissenheit vermischen sich bei ihm zu einer unglücklichen Melange. Sein Training ist bei den Profis zudem umstritten. Er stelle Spieler auf, die noch nicht ganz fit sind, lässt ein Teil des Teams die Öffentlichkeit wissen. Er vergrätzt vermeintliche Führungsspieler, indem er sie vorzeitig auswechselt.

Labbadia steht wie vor einem Jahr bei Bayer Leverkusen wieder mehr oder weniger allein gegen alle da. Und das genau ist das Problem.

Der Trainer hat in Hamburg von Anfang an nicht den Rückhalt gehabt, um einen konfrontativ geprägten Stil durchzuhalten. Dazu bedarf es der Unterstützung des Vorstands. Die war niemals da. Zu sehr war die Führungsriege vom jähen Abgang des Vorgängers Martin Jol kalt erwischt worden. Hatte der Club im Jahr zuvor noch Ewigkeiten damit verbracht, um sich bei der gründlichsten Trainerfindung aller Zeiten letztlich auf Jol festzulegen, war in puncto Labbadia Aktionismus gefordert. Der Trainer stand beim HSV zwar auf der Liste, war aber nie Kandidat der Träume. Nach dessen provoziertem Abschied in Leverkusen herrschte in der Hansestadt von Beginn an kühle Skepsis gegenüber dem neuen Mann - nur nachhaltiger Erfolg hätte das überwinden können.

Auch Präsident Bernd Hoffmann hat nicht den Eindruck erweckt, als sei Labbadia seine Endstation Sehnsucht. Hoffmann ist seit 2003 im Amt. Labbadia ist sein sechster Trainerversuch. Keiner hat sich in Hamburg lange gehalten, keiner hat es lange ausgehalten. Labbadia hatte es dabei von allen vielleicht am schwersten. Es gab und gibt nach der Ära Dietmar Beiersdorfer seit vielen Monaten keinen Sportdirektor im Verein. Dessen Aufgaben sind automatisch auf den Trainer übergegangen. Labbadia musste vieles schultern, was in anderen Vereinen ein Manager übernimmt. Damit ist der Trainer überfordert. Die Station Hamburger SV in dessen gegenwärtiger Verfassung ist für Labbadia eine Nummer zu groß.

Noch nie Chance zur Nachhaltigkeit gehabt

Dass diese jetzt schon verunglückte Saison für den Verein am Ende mit dem Gewinn der Europa League enden könnte, ist eine pikante Fußnote. Den Trainer wird das kaum retten.

In Hamburg rechnet mittlerweile niemand mehr damit, dass der Trainer der kommenden Saison Bruno Labbadia heißen wird. Mit der Berufung von DFB-Chefscout Urs Siegenthaler als kommendem Sportdirektor zogen gar lustige Gerüchte ein, Bundestrainer Joachim Löw selbst könnte demnächst an der Elbe das Sagen haben. Das Reizklima zumindest dürfte Löw vom DFB her bestens vertraut sein.

Labbadia hat bei seinen bisherigen Trainerstationen nie die Chance gehabt, ungestört zu zeigen, ob er überhaupt ein Trainer mit Zeitwirkung sein kann. Einer, der etwas von Bestand aufbaut, statt alles nach einem halben Jahr wieder einzureißen.

Die Höchststrafe, zu der man Bruno Labbadia verurteilen könnte: Man gibt ihm ein zweites Jahr. Möglicherweise wäre das aber auch die Höchststrafe für den HSV.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
Chirurg100 19.04.2010
1. Trainer ist ein profil-loser Schönling
Labbadia hat weder Format noch Führungsstil. Er kann keine Mannschaft motivieren. Emotional ist er ein Weichei, tritt dekadent auf und hat keine Persönlichkeit. Meiner Meinung nach ist er für die schlechten Leistungen der Mannschaft voll verantwortlich. Er sollte sich dringend in die 2. oder 2. Liga begeben.
ranknonsense 19.04.2010
2. mein haus, mein auto, mein seidenschahl äh schal
schmeißt man einem fan die trinkflasche ins gesicht, darf dieser das erstgeborene für sich beanspruchen, na ja, immerhin eine kaffeefahrt im ferrari. ich bin als dortmunder froh das petric nun in hamburg rumzickt, seine söldnermentalität hat er schon in der schweiz bewiesen. so wie amoroso und rosicky, die neben dribblings, nur noch durch parties mit kleinen mädchen eindruck gemacht haben, oder durch literweise frei-champus in diskotheken und spieler wie kehl u hummels, die ein gefühl für die region entwickeln, identifikation, sich als persöhnlichkeiten entfalten, verantwortung aufzeigen und tragen. spielen nicht für deutschland, nein es sind die nestle jungs die ohne kontur zum bemalen und verkaufen. ich würde mich (als bvbler) mit asamoah in der dfb elf eher identifizieren, als mit dem bundestrainer fußballer sind auch nur kinder unserer gesellschaft, wir sind nun mal eine asoziale, entartete spezies geworden aber gut das wir durch den verlust von robert enke einen monat in uns gegangen sind.
Dino, 19.04.2010
3. Macht mal halb lang und schaut nicht immer nur nach München.
Zitat von sysopSchlechte Laune ist zum Programm beim HSV geworden: Schlappe Ergebnisse in der Liga und ein Trainer, der Führungsstärke mit Halsstarrigkeit verwechselt, provozieren einen Hauskrach nach dem andern. Bruno Labbadia soll den Sündenbock abgeben - doch der Coach ist längst nicht allein schuld. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,689747,00.html
Der HSV ist eben im Moment NICHT die Spitzenmannschaft, wie sie einige gern hätten und man verliert eben auch manchmal. O.K., manchmal auch unnötig. Was bitte ist an Platz 7 so schlecht? Der Drops in der Liga ist noch lange nicht gelutscht und Labbadia steht mit seiner Truppe in einem europäischen Halbfinale. Was ist das für eine Nachhaltigkeit, wenn nach der ersten Saison gleich Schluss sein soll und der Verein noch nicht mal einen Sportdirektor verpflichten kann. Labbadia ist kein alter Fuchs und lernt eben auch noch. Die zusätzliche Belastung mit Managementaufgaben sollte man ihm abnehmen. Dann kann man auch fordern. Der Spielerkader ist auch noch lange nicht optimal besetzt. Alles an Labbadia festzumachen trifft die Problemstellung nicht. Der Weg nach ganz oben ist lang und steinig. Gebt ihm `ne Chance. Dino
MarcellodT 19.04.2010
4. Sicher?
Zitat von Chirurg100Labbadia hat weder Format noch Führungsstil. Er kann keine Mannschaft motivieren. Emotional ist er ein Weichei, tritt dekadent auf und hat keine Persönlichkeit. Meiner Meinung nach ist er für die schlechten Leistungen der Mannschaft voll verantwortlich. Er sollte sich dringend in die 2. oder 2. Liga begeben.
Hallo Chirurg100, wenn Du schlecht operierst und Fehler machst, ist dann Dein Chef oder Oberarzt schuld, weil er Dich nicht richtig motiviert hat? Für mich ist jeder Arbeitnehmer erstmal selbst dafür verantwortlich, dass er anständige Arbeit abliefert. Sollte das der Fall sein (dh alle bringen ihr Bestes und es haut trotzdem nicht hin), dann stimmt vielleicht was am System nicht. Hier aber geben die Fussballer noch nicht mal annäherungsweise eine Leistung in Normalform. Warum soll da jemand anderes dran schuld sein, ausser Ihnen selbst. LG, MDT
DonMarcus 19.04.2010
5. Hitziger und prominenter als nötig geführte Debatte um einen Mittelfeldsverein
Als einigermaßen neutraler Beobachter bzw. eben nicht Hamburger kann man sich ja ein regelmäßiges Grinsen hinsichtlich Ihrer "Fußball-Berichterstattung" nicht verkneifen :-) Das fängt bei den Kommentaren im Live-Ticker an, mündet hinein in die Spielberichte und endet bei der Artikel- und Interviewdichte zu den Vereinen. Die zunehmenden Verluste hinsichtlich der Reichweite von spiegel.de gegenüber "plakativeren" Wettbewerbern haben bestimmt auch ein Stück weit in der arg "rautenlastigen" Berichterstattung und Themenwahl ihren Ursprung. Mit Verlaub: kein Schwein in Deutschland interessiert sich so sehr für den HSV, wie Ihre Redaktion, geschweige teilt deren kolorierte Sichtweise. Hamburg ist seit Jahrzehnten keine Top-Mannschaft mehr und damit sollte sich auch die ansonsten aufstrebende und schillernde Metropole endlich einmal abfinden. Ohne diesen permanenten Anspruch auf Höheres ohne Beweis der Tauglichkeit, könnte man nämlich auch positive Trends und Tendenzen der letzten Jahre realistisch reflektieren und anschließend darauf aufbauen. Dazu kommt es aber in Hamburg gar nicht erst. Der drittteuerste Kader der Liga (?) ist in einem Anflug von Torsch(l)usspanik zu teuer und nicht strategisch genug ergänzt worden. Die Mehrfachbelastung von Liga, Pokal und Europapokal hat schon stärkere Mannschaften wie Bremen oder Wolfsburg die Grenzen von zu punktiert besetzten Kadern aufgezeigt. Ein fähiger Sportdirektor bzw. Manager wäre hier sicherlich hilfreich gewesen. Der Fisch stinkt nun mal vom Kopf und die vielen Trainerverpflichtungen und deren teils unrühmlichen Abgänge sprechen ein sehr deutliches Bild. Wenn es Hamburg nicht gelingt ein vertrauensvolles, funktionierendes Führungsgremium aus Vorstand, Management/Sportdirektion und Trainer zu installieren, werden auch die nächsten 30 Jahre keine Meisterschaften in der Hansestadt gefeiert. Und genau diese Zusammenarbeit muss mit einer Bestandsaufnahme fern dieser "Gernewiedergroß-Ansprüche" beginnen, um dem vermutlich neuen Trainer eine realistische Zieldefinition an die Hand zu geben. Mit dem Kapital und dem Umfeld ist bei einer langfristigen & strategischen (meinetwegen auch hanseatischen...) Aufbauarbeit der im Artikel genannte Titelanspruch in 3-5 Jahren möglich.
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