Kroatien vor dem WM-Finale Ein bisschen Party zur Erholung

Nach drei Verlängerungen in Folge hat WM-Finalist Kroatien rund 90 Minuten länger gespielt als Gegner Frankreich. Zur Regeneration schmissen die Spieler eine Feier und der Trainer gab ihnen einen Tag frei. Eine gute Idee?

Luka Modric (l.) Mario Mandzukic
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Luka Modric (l.) Mario Mandzukic

Von Philipp Awounou


Sieben Spiele muss eine Nationalmannschaft überstehen, um Fußballweltmeister zu werden: drei Vorrundenpartien, dann die K.-o.-Phase vom Achtelfinale bis zum Endspiel. Normalerweise.

"Wir werden das einzige Team mit acht WM-Spielen sein", sagte Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic vor dem Finale gegen Frankreich. Er spielte auf die Belastung seines Teams an: In allen bisherigen K.-o.-Spielen mussten die Kroaten in die Verlängerung, insgesamt absolvierte die Mannschaft dadurch 90 zusätzliche Minuten - quasi ein weiteres Spiel auf dem Weg zum WM-Titel.

Finalkontrahent Frankreich dagegen kam bislang ohne Verlängerung aus und sparte dadurch Kräfte: Nachdem das Team in der Vorrunde (307 Kilometer) noch eine minimal größere Laufleistung erbracht hatte als die Kroaten (306), legten die Franzosen in der K.-o.-Phase 114 Kilometer weniger zurück als der kommende Gegner. Noch dazu hat die Équipe Tricolore vor dem Endspiel einen Tag länger Pause und mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren einen deutlich jüngeren Kader als die "Kockasti" (29,1 Jahre).

Sind die Kroaten im Finale im Nachteil?

"Auf dem Papier ja", sagt Sportmediziner Dr. Ingo Tusk, der seit 2015 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen betreut. "Die Kroaten haben theoretisch den schlechteren Regenerationsstand. Erfahrungsgemäß glaube ich aber nicht, dass das einen Unterschied machen wird."

Bei der WM gehe es schließlich um "den größten Titel, den ein Fußballspieler erreichen kann", das setze ungeahnte Kräfte frei. "Motivation und Siegeswille können fehlende Fitness und Regeneration wettmachen", sagt Tusk.

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Kroatien schlägt England: Könige des Nachsitzens

Ein Blick auf Kroatiens Turnierstatistiken untermauert Tusks Einschätzung. Trotz steigender Belastung und kürzeren Regenerationszeiten nahm die Laufleistung des Teams während der K.-o.-Phase nicht ab. Sie nahm sogar zu und zwar deutlich: Im Achtelfinale gegen Dänemark lief die Mannschaft 132 Kilometer, anschließend gegen Russland 138. Im Halbfinale gegen England kam das Team schließlich auf 143 Kilometer, woran Mittelfeldmann Marcelo Brozovic den größten Anteil hatte: Mit 16,4 zurückgelegten Kilometern zeigte er die beste Laufleistung des gesamten Turniers.

Auch von Verletzungssorgen, die sich häufig aus sportlicher Überlastung ergeben, blieben die Kroaten bislang verschont - obwohl Dalic bisher fast durchgehend auf dasselbe Stammpersonal setzte. "Wir haben keinen Ausfall", sagte der Erfolgstrainer nach dem gewonnenen Halbfinale; ein weiteres Indiz für den offenbar guten Fitnesszustand des Teams.

Party zur Erholung

Bis zum WM-Endspiel gegen Frankreich hatten die Kroaten insgesamt drei Tage Regenerationszeit, um die geschundenen Körper wieder in Höchstform zu bringen. Bisher gelang die Regeneration zwischen den bisherigen Spielen erstaunlich gut: Mario Mandzukic etwa, der nach 12,4 gelaufenen Kilometern gegen Russland zum Ende hin völlig ausgepumpt wirkte, legte vier Tage später beinahe dieselbe Distanz zurück (12,3 Kilometer) - und erzielte in der 109. Minute den 2:1-Siegtreffer gegen England.

"Was regenerative Maßnahmen betrifft, hat jedes Team seine eigene Philosophie", sagt Tusk. "Grundsätzlich stehen dabei leichte Belastungsformen und eine ausgewogene Ernährung im Vordergrund."

Die Kroaten allerdings gestalteten den Start in die laufende Regenerationsphase nicht gerade kräftesparend: Nach dem erstmaligen Finaleinzug feierte das Team ausgelassen inklusive Privatkonzert im Hotel. Bei der isotonischen Apfelschorle scheint es dabei nicht geblieben zu sein: Auf einem von Trainer Dalic geposteten Instagram-Video ist Verteidiger Domagoj Vida mit einem Weinglas samt Flasche in der Hand zu sehen. Wenn man so will: Eine Party gegen die Krämpfe.

Proslava plasmana u finale! Hvala svima koji ste uz nas! ���� #beproud

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Für den Folgetag gab Dalic seinen Spielern trainingsfrei. "Sie haben 15 Tage lang ihre Familien nicht gesehen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen selbst sehen, was ihnen guttut", sagte der 51-Jährige.

Eine Party und ein Tag zur freien Verfügung. Rein sportwissenschaftlich scheint diese Form der Regeneration zwar fragwürdig, sinnvoll kann sie trotzdem sein. "Man darf den psychologischen Faktor nicht unterschätzen", sagt Tusk. "An ein Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft kann man nicht nur rational herangehen. Das ist eine hochemotionale Angelegenheit."

Vor diesem Hintergrund scheint der lockere Umgang von Dalic mit seinen Spielern nachvollziehbar, möglicherweise sogar sinnvoll. Hat Kroatien also eine Chance auf den WM-Titel? Zumindest wird das Team diesen im Falle einer Niederlage gegen Frankreich eher nicht verpasst haben, weil es zuvor drei Mal in die Verlängerung musste.



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tomymind 15.07.2018
1.
Kroatien hat doch schon gewonnen. Milliarden TV Zuschauer wissen jetzt, dass es dieses Land gibt und wo es liegt. Die Fans feuern das Team seit dem51. Spiel an und machen weltweit friedliche Party. Die Franzosen sind nach dem 4. Spiel aufgewacht. Mitläufer eben. In Kroatien wird es in jedem Dorf heute mehr Party geben als in Paris. So what?
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