Kult-Club Liverpool: Die Roten gab es nur im Kleingedruckten

Wenn der FC Liverpool heute im Champions-League-Viertelfinale beim FC Arsenal antritt, sitzt Eberhard Spohd wieder gebannt vor dem Fernseher. Seit 1977 hat ihn der englische Kult-Club nicht mehr losgelassen - auch wenn es lange schwer war, etwas über ihn zu erfahren.

Ich war mir ganz sicher, dass Borussia Mönchengladbach sich im Finale des Europapokals der Landesmeister 1977 gegen diese unbekannte englische Mannschaft durchsetzen würde. Schließlich hatten die Bayern gerade dreimal in Folge den Cup geholt, Deutschland war Weltmeister, England weder bei der WM noch bei der EM dabei und für mich als Fußballnation gar nicht existent. Ich war noch nicht mal zehn Jahre alt und wusste nicht um die Klasse des FC Liverpool. Das heißt: nach dem Spiel in Rom dann schon. Insbesondere, weil ein kleiner Liverpooler Stürmer namens Kevin Keegan einen kleinen Verteidiger namens Berti Vogts derart schwindelig gespielt hatte, dass dieser sich meist nur durch Fouls zu helfen wusste. Eines davon sogar im Strafraum, es führte zum entscheidenden Elfmetertor zum 3:1 durch Phil Neal in der 85. Minute.

Liverpool-Kapitän Gerrard mit Pokal (2005): Legende der "Reds"
DPA

Liverpool-Kapitän Gerrard mit Pokal (2005): Legende der "Reds"

Nein, auch hier trügt die Erinnerung. Obwohl ich mir recht sicher bin, das Spiel im Fernsehen gesehen zu haben, ist von den Toren, dem ganzen Spielverlauf, von Vogts und Keegan nichts mehr in meinem Kopf zu finden. Ich weiß auch nicht mehr wie Phil Neal aussah, selbst bei den Farben der Trikots müsste ich raten: Ganz traditionell wahrscheinlich, Liverpool in Rot, Gladbach in Weiß. An eines aber kann ich mich noch sehr genau entsinnen: dieses Gefühl, dass der FC Liverpool den deutschen Meister besiegt hatte; den Bayern in der Erfolgsspur gefolgt war, die wichtigste Trophäe im Vereinsfußball gewonnen hatte. Dass er bestimmt der beste Club der Welt war. Und ab diesem Zeitpunkt mein Club.

Und damit begannen die Schwierigkeiten. Kevin Keegan spielte zwar fortan beim HSV, aber das interessierte mich nicht so richtig, schließlich war er nicht mehr bei Liverpool. Stattdessen musste ich mir gewaltig Mühe geben, den Weg meines Vereins zu verfolgen. Tatsächlich bleiben weite Strecken meiner Anhängerschaft im Dunkeln. Im Fernsehen gab es keinen englischen Fußball zu sehen, in den Zeitungen gab es keine ausführlichen Berichte, der "Kicker", der damals wohl schon Tabellen ausländischer Ligen abdruckte, war für mich nicht erschwinglich. Ehrlich gesagt kannte ich das Fachblatt noch gar nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als regelmäßig den Sportteil der "Stuttgarter Zeitung" zu lesen, wo zumindest die internationalen Begegnungen statistisch abgehandelt wurden.

Man muss sich das vorstellen. Da sitzt im Schwäbischen ein kleiner Junge, der einen Fußballverein anhimmelt, von dem er nichts weiß und den er nur einmal gesehen hat. Der nie etwas gehört hatte von langen Traditionen, von "You'll never walk alone", vom legendären Stadion an der Anfield Road, von "The Kop", der Tribüne, auf der am lautesten gesungen wird, von den großen Spielern oder den wunderbaren Weisheiten des sozialistischen Traineridols Bill Shankly: "In meinem Sozialismus arbeitet jeder für den anderen, jeder hat Anteil am Erfolg. So sehe ich den Fußball, so sehe ich das Leben."

Die einzigen Möglichkeiten, meine unbekannten Helden tatsächlich spielen zu sehen, wäre im Europapokal gegen deutsche Mannschaften gewesen. Doch seltsam - obwohl Liverpool 1978 und 1981 jeweils im Halbfinale des Landesmeister-Cups Mönchengladbach und den FC Bayern besiegte, muss ich diese Spiele verpasst haben. Und die nächste deutliche Erinnerung würde ich am liebsten vergessen. Es war im Mai 1985, beim Finale gegen Juventus Turin.

Im Brüsseler Heysel-Stadion stürmten die Anhänger von Liverpool einen Block, der mehrheitlich von Italienern besetzt war. In der sich anschließenden Panik starben 39 Menschen unter einer zusammenbrechenden Mauer. Das Spiel wurde dennoch ausgetragen, Juventus siegte 1:0. Besonders bizarr war, dass das dänische Fernsehen – ich war an diesem Tag in Kopenhagen – nach dem Spiel längere Ausschnitte des damals aktuellen Schwarzenegger-Films "Terminator" zeigte. Da ich des Dänischen nicht mächtig bin, weiß ich nicht, ob es sich um eine Vorschau handelte, eine Rezension oder ob der Film einfach so ausgestrahlt wurde. Allein, zu sehen wie Menschen zerquetscht werden und im Anschluss daran, wie eine Maschine immer noch gewalttätiger wird, hat meine jugendliche Psyche ziemlich lange beschäftigt.

Meine Liebe zum FC Liverpool lag auf jeden Fall eine ganze Zeitlang auf Eis. Sieben Jahre lang durfte das Team nicht mehr international antreten und geriet damit komplett aus meinem Sichtfeld. Ich würde gerne moralisch aufrecht behaupten, dass ich nach der Heysel-Katastrophe ohnehin nicht mehr zu den Roten gehalten hätte. Mangels Gelegenheit, meinen Abscheu zu zeigen, bleibt das aber nur theoretisch.

Inzwischen ist alles viel einfacher geworden. Ich halte längst wieder zu Liverpool und war begeistert über den Gewinn der Champions League 2005 und das phänomenale Spiel gegen den AC Milan. An diesem Mittwoch hoffe ich auf einen Sieg im Viertelfinal-Hinspiel beim FC Arsenal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Es ist einfach geworden, den Fortgang der Geschichte zu verfolgen. Die Champions League wird live übertragen, die Premier League flimmert in deutschen Pubs und beim DSF über die Bildschirme, im Internet kann man die Spiele per Liveticker verfolgen, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher widmen sich immer stärker dem internationalen Fußballgeschehen. Ich habe sogar Steven Gerrard, dem Kapitän des aktuellen Teams, der seit seinem neunten Lebensjahr bei Liverpool spielt, die Hand gedrückt. Das ist natürlich eine feine Sache. Trotzdem waren es phantastische Momente der Freude, wenn die "Stuttgarter Zeitung" nur knapp und klein gedruckt meldete: "Mittwoch: FC Liverpool – ZSKA Sofia 5:1". Daran jedenfalls erinnere ich mich genau. Glaube ich.

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