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Kultclub Fortuna Köln: Der Schäng und seine 30.000 Erben

Von , Köln

Kein Geld, aber viele Fans. Bei Fortuna Köln mischen nun die Anhänger mit. Sie wollen nach englischem Vorbild erstmals in Deutschland einen Club übernehmen. Das Magazin "11 FREUNDE" hat sich beim Verein umgeschaut, der inzwischen einen sehr prominenten Unterstützer hat.

Wie ein Museum liegt das Kölner Südstadion in der Frühlingssonne. Der Ort ist wie gemalt für eine emotionale Rückkehr in die oft idealisierte Fußballzeit der Siebziger und Achtziger. Hier gibt es noch echtes Bier, wenn die Fortuna spielt, es riecht nach Bratwurst, und die breite Tartanbahn vermittelt dieses unzeitgemäße Gefühl von Weite.

Regisseur Wortmann: Das Wunder von Köln-Zollstock
DPA

Regisseur Wortmann: Das Wunder von Köln-Zollstock

Auf den Stufen der Stehtribünen wuchern Unkraut und Moos, und die Anzeigetafel wird noch von einer dieser aussterbenden Stadionuhren geschmückt: zwölf weiße Striche auf schwarzem Grund. Seit einigen Wochen blüht hier eine süße Utopie. Der Fußball soll dort hingeführt werden, wo er in den Augen vieler hingehört: in die Hände der Fans. Die Initiatoren des Projektes "deinfussballclub.de", zu denen auch der Filmemacher Sönke Wortmann ("Das Wunder von Bern", "Deutschland – ein Sommermärchen") zählt, versuchen gerade, über ihre Plattform 30.000 Menschen zusammenzubekommen, die jährlich 39,95 Euro überweisen und dafür die Macht im Club übernehmen.

Die "User", wie Mitinitiator Dirk Daniel Stoeveken diese stimmberechtigten Fans der Zukunft nennt, sollen an allen wichtigen Entscheidungen mitwirken. Es handelt sich gewissermaßen um eine elektronische Fortsetzung der Geschichte jener subversiven Fußballbewegung, die ihren Anfang in den Neunzigern in England nahm und die Forderung "Reclaim the game!" in ihr ideologisches Zentrum stellte. Natürlich stammt auch das konkrete Vorbild für Fortuna Köln von der Insel. Ebbsfleet United ist ein Verein aus Südengland, der im Februar von der Internet-Community "myfootballclub.co.uk" übernommen wurde. Ähnliche Projekte laufen in Finnland und Frankreich. Stoeveken glaubt, dass sie "genau den Nerv der Zeit" treffen.

"Anderswo wird darüber diskutiert, die Fans vom Training auszuschließen, wir wollen sie dagegen viel näher an den Verein heranbringen", sagt er in Anspielung auf die Abschottungsbestrebungen bei Bayern München. Selbst beim FC Liverpool bildet sich derzeit eine Initiative, die versucht, 500 Millionen Pfund zu sammeln, um den Traditionsverein von seinen amerikanischen Investoren zurückzukaufen. Der Vorwurf der Anhänger: Dem Clubbesitzer würde jedes Gefühl für Tradition und gewachsene Fußballkultur fehlen. Offenbar sind unglaubliche Dinge denkbar und die Fans längst nicht so machtlos, wie sie sich oft fühlen. Ein Magazin rechnete jüngst vor, dass "jenseits des großen Fußballgeschäfts in den vergangenen 15 Jahren in England 21 Vereine durch die Intervention so genannter Supporters' Trusts vor der Pleite gerettet wurden, 13 werden noch immer von Fans geführt, darunter sogar drei aus der vierten Liga".

Nun sitzen Jungunternehmer Stoeveken und der Fortuna-Vorsitzende Klaus Ulonska im Kölner Stadtgarten, der Enthusiasmus der beiden ist förmlich greifbar. Sofort tauschen sie die neuesten Zahlen über angemeldete User aus, sie sprühen nur so vor Ideen. Vorhin habe ein Mitglied im Forum vorgeschlagen, dass man jede Woche einen Platz als Co-Trainer auf der Bank verlosen könne, erzählt Stoeveken. "Interessante Idee", erwidert Ulonska sofort. Sollte innerhalb eines Jahres tatsächlich die magische Grenze von 30.000 Mitgliedern erreicht werden, werden die Beiträge eingezogen, und die Fortuna erhält 30 Euro pro User, also insgesamt 900.000 Euro.

Der Club gibt im Gegenzug 49 Prozent seiner Anteile an die Community ab. Anders als in England verbietet der DFB, dass Investoren die Mehrheit an einem Verein halten. Dafür sollen die Fans alle klassischen Entscheidungen eines Managers treffen und eine Art Co-Trainerfunktion ausüben dürfen. Finden sich innerhalb von zwölf Monaten nicht genügend Mitspieler, wird das Projekt wieder begraben.

Ulonska ist aber fest überzeugt, dass sich in einer Zeit boomender Fußballmanagerspiele genügend Leute finden werden. Gelingt dies tatsächlich, dürfen die User darüber abstimmen, wo Freundschaftsspiele stattfinden, wie die Trikots und Fanartikel gestaltet sein sollen, und auch über die Wahl des Ausrüsters oder die Musik, die bei den Spielen im Stadion läuft, wird per Internetvotum entschieden. Im Gegensatz zum englischen Vorbild aus Ebbsfleet sind die Kölner aber so ehrlich, nicht zu versprechen, dass die Mannschaft von den Fans aufgestellt wird. "Der Trainer behält das letzte Wort", sagt Stoeveken, gleichwohl müsse er die von der Community vorgeschlagene Aufstellung zur Kenntnis nehmen und seine eigenen Entscheidungen in einem wöchentlichen Chat rechtfertigen.

Mathias Mink, der das Fortuna-Team derzeit betreut, findet das famos. "Das ist eine unglaublich spannende Geschichte", sagt der 40-Jährige, der in den guten Zeiten selbst einmal bei der Fortuna spielte. "Natürlich kann das ein großer Druck für mich werden, wenn Tausende Fans in manchen Dingen anderer Meinung sind. Andererseits können auch viele positive Impulse kommen." Damit die Mitglieder sich ein fundiertes Bild von der Mannschaft machen können, sollen die Spiele schon bald im Internet übertragen werden. Heikel wird es bei anderen Punkten. Darf die Community abstimmen, wenn etwa über eine Trainerentlassung diskutiert wird? Was ist mit Entscheidungen über Spielerverpflichtungen, die ja oftmals im Verborgenen und unter großem Zeitdruck laufen müssen, damit die Konkurrenz nicht dazwischenfunkt? "Wir müssen all das auch erst noch lernen", sagt Stoeveken. "Wir werden immer überlegen müssen, ob es sinnvoll ist, eine Entscheidung zur Abstimmung zu geben, und es wird immer wieder Fälle geben, wo das nicht der Fall ist. Wichtig ist aber, dass man transparent macht, warum etwas nicht zur Abstimmung gegeben wurde."

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insgesamt 1787 Beiträge
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1. Schalke ist meine Weltanschauung
chefstratege, 20.06.2007
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
2.
Klo, 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
3.
king.woita 20.06.2007
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
4.
Umberto, 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
5.
Carsten31 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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