Kultclub in der Krise Schalke droht der nächste Magath

Schalkes sportliche Bilanz ist besser als die von Bayern München. Dennoch muss Felix Magath gehen. Denn der allmächtige Trainer ignorierte das spezielle Klima beim Revierclub vollständig. Er hinterlässt einen schwer verunsicherten Verein. Mit seinem vermutlichen Nachfolger wird es nicht einfacher.

Bongarts/Getty Images

Von


Schalke 04 steht im Endspiel des DFB-Pokals. Schalke 04 ist der einzige deutsche Verein, der es diese Spielzeit ins Viertelfinale der Champions League geschafft hat. Besser als Bayern München.

Dem Verein ist es lange nicht so schlecht gegangen wie im Moment.

Schalke 04 hat viele Turbulenzen erlebt. Seit Beginn der Bundesliga 1963 verschliss der Verein 42 Trainer. Aber keiner hat den Club und seine Fans so gespalten wie Felix Magath, von dem sich der Verein am Mittwoch mit sofortiger Wirkung getrennt hat. Dieser schlug umgehend zurück und kündigte sein Angestelltenverhältnis als Trainer und Manager. Magaths Anwalt ließ übermitteln, dass sein Mandant "die unberechtigte und unwirksame Abberufung als Vorstand zum Anlass genommen, seinen Anstellungsvertrag mit sofortiger Wirkung zu kündigen".

Doch damit nicht genug: Das Fanlager ist zutiefst zerstritten, jedes Pflichtspiel der Schalker war zuletzt eine Kundgebung pro oder contra Coach. Es dürfte in der Bundesliga-Historie nicht viele Trainer gegeben haben, derentwegen zu Demonstrationen aufgerufen wurde.

Sportlich muss sich Magath wenig vorwerfen. Der 57-Jährige hat ein Team, das im Mittelmaß der Liga gelandet war, sofort zur Vizemeisterschaft geführt. Im Pokalfinale gegen den Zweitligisten MSV Duisburg ist die Elf am 21. Mai in Berlin klarer Favorit. Schalke hat dadurch gute Chancen, auch kommende Saison im internationalen Geschäft vertreten zu sein.

Magath hat dem Verein durch das Weiterkommen in der Champions League zudem Millioneneinnahmen zugeführt, auch einige seiner umstrittenen Transfers haben dem Club Geld gebracht. Zahlreiche teure Stars sind von der Gehaltsliste verschwunden: Heiko Westermann, Rafinha, Kevin Kuranyi, Marcelo Bordon, Ivan Rakitic, Gerald Asamoah oder Jermaine Jones. Im Gegenzug hat er allerdings mit den Stürmerstars Raúl und Klaas-Jan Huntelaar Spieler verpflichtet, die auch nicht für ein Taschengeld auflaufen.

Wie eine Walze über die Vereinstraditionen hinweggerollt

Bei Magath geht es denn auch weniger darum, was er erreicht hat. Es geht um das Wie. Und hieran ist der Trainer letztlich gescheitert. Er ist wie eine Dampfwalze über all das hinweggerollt, das dem gewöhnlichen Gelsenkirchener Fan lieb und teuer ist. Es gibt keinen anderen Spitzenclub in Deutschland, für den Tradition und Verortung in seinem Milieu so viel bedeutet.

Der nicht wohlgelittene Nachbar Borussia Dortmund hat sich in den erfolgreichen neunziger Jahren des Clubs vom Kumpel-Image emanzipiert. Nebenan in Gelsenkirchen ist das nie wirklich geschehen. Trotz einer Arena, die für Folklore nicht mehr viel übrig lässt. Auf Schalke hätten sie am liebsten immer noch den alten Teambetreuer Karl-Heinz "Charly" Neumann zurück, das Vereins-Unikum, der mit seinen Volksreden ganze Hauptversammlungen beeinflussen konnte.

Man könnte sich keinen größeren Unterschied vorstellen als den zwischen Neumann und dem neuen Mann, der Schalke umkrempeln wollte. Magath wird nie ein Volkstribun sein, er war schon als Spieler beim Hamburger SV einer, der sich als Denker sah und inszenierte, als der schachspielende Profi. Einer, der über den Dingen steht und besser weiß als andere, was für den Verein das Beste ist.

Diese Haltung hat er bei Schalke so weit kultiviert, dass er am Ende in der Vereinsführung isoliert war. Sein Trainerstab, den Magath mitgebracht hatte, wurde zunehmend als Schutzgarde des Coachs wahrgenommen. Von einer "Besatzungsmacht" war in diesem Zusammenhang die Rede. Allein diese Wortwahl zeigt, wie überdreht die Stimmung im Club war, wie sehr die Dinge durcheinander geraten sind.

Von Anfang an mit Misstrauen beobachtet

Magath ignorierte die Befindlichkeiten am Schalker Markt komplett. Ein Fehler, den man nicht machen darf, wenn man längerfristig in Gelsenkirchen arbeiten will. Auf Schalke muss man als Trainer auch die Rolle des Arbeiterhelden beherrschen, des Malochers, der seine Truppe zu Höchstleistungen motiviert.

Der Niederländer Huub Stevens war der Inbegriff eines typischen Schalke-Trainers. Ohne übertriebene intellektuelle Ambitionen, mit einer Frisur, die aussah, als käme sie direkt aus den fünfziger Jahren. Stevens hätte man auch zugetraut, dass er in einem früheren Leben Bergmann war. Dagegen hat der teetrinkende Magath mit seiner Designerbrille, mit seinem stets leisen Tonfall, den er auch beibehielt, wenn er Bosheiten von sich gab, auf Schalke von Anfang an gefremdelt.

Der Aufsichtsrat um Clemens Tönnies, der jetzt davon spricht, die "Reißleine gezogen" zu haben, musste allerdings genau wissen, wen er sich da eingekauft hat. Möglicherweise hat Tönnies darauf spekuliert, dass sich Magath, der im Sommer 2009 von Meister VfL Wolfsburg gekommen war, an die Schalker Verhältnisse anpasst. Der Trainer hat versucht, das exakt andersherum zu machen. Der Verein sollte sich ihm und seinen Methoden anpassen. Damit hat Magath sich letztlich übernommen. Trainer und Verein verkehren ab sofort nur noch über ihre Anwälte miteinander.

Jetzt soll es wohl Ralf Rangnick richten. Laut des 52-Jährigen hat es bereits Gespräche gegeben. Der in der Hierarchie aufgerückte Sportdirektor Horst Heldt ist sich, so heißt es, mit dem früheren Hoffenheimer Coach bereits einig geworden. Rangnick ist wieder einer, der die Deutungshoheit über den Fußball für sich reklamiert. Noch einer, der möglichst viele Kompetenzen bei sich vereinigen möchte und der es hasst, wenn ihm von der Vereinsführung dabei Beschränkungen auferlegt werden.

Im Grunde ist Rangnick, der Anfang dieses Jahres nach Meinungsverschiedenheiten mit Hoffenheims Sponsor Dietmar Hopp zurückgetreten war, die Light-Version von Felix Magath.

Rangnick kennt das Schalker Innenleben. Er war schon einmal Trainer in Gelsenkirchen (September 2004 bis Dezember 2005). Am Ende war er bei den Fans beliebt. Mit der Vereinsführung unter Präsident Günther Rehberg hatte er sich jedoch überworfen. Er war 15 Monate im Amt. Magath hat immerhin sechs Monate mehr geschafft.

insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
forist 16.03.2011
1. Wieso...
...hinterlässt Magath einen "schwer verunsicherten Verein"? Haben Sie dafür Belege? Der ganze Artikel strotzt vor unbewiesener Behauptungen und Spekulationen, wie auch die dazugehörige Fotogalerie (Sinngemäß: "Die deutliche Mehrheit der Schalker Fans wollen, dass Magath geht." Ach ja? Woher weiß SPON das nun wieder?) Einsnull Sieg in München - Pokalfinale. 3:1 gegen Valencia - CL Viertelfinale. Zuletzt ein 2:1 gegen Frankfurt mit Chancen, die für ein 5:1 hätten reichen müssen. Das ist in Ihren Augen ein verunsicherter Verein? In meinen Augen zieht hier im Gegenteil gerade so etwas wie Stabilität ein. Da hat Ihnen wohl der Gelsenkirchener Vorstand in den Block diktiert.
jazznote 16.03.2011
2. Hsv
Magath sollte wieder zum HSV, als Trainer und Präsident in Personalunion. Einen wie Magath haben die Spieler wie der Vorstand des HSV verdient!
dorfbewohner 16.03.2011
3. Endlich
ist es raus, da wurde den Schalkern wohl jemand zu mächtig. Selten zuvor dürfte es passiert sein, dass ein Trainer, dem wohl eine der erfolgreichsten Saisons überhaupt verdankt wird kurz vor Schluss entlassen wird. Mit welchem Anspruchsdenken leben diese angeblichen "Arbeitervereinsvorstände" eigentlich? Bis auf einen "Verlierercup-Sieg" in den 90 ern hat der Verein nichts aber auch dgarnichts vorzuweisen, nun hat man die große Chance etwas zu reißen und auch für die Zukunft etwas aufzubauen und dann sowas. Zum Glück bin ich Herthaner und muss mich mit sowas nicht mehr rumärgern. Seit Hoeneß weg ist gehts ja hier wieder steil bergauf. Bleibt den Schalker die Hoffnung, dass die Vereinsspitze komplett ausgetauscht wird.
drgb 16.03.2011
4. Korrekt
beinahe jeder in der Liga hat ihn verdient, den Magath, aber nur eben S04 nicht. Perlen vor die Säue im Vorstand und Aufsichtsrat !
axelkli 16.03.2011
5. ^^
wieso muß man eigentlich für EIN Spiel einen Interimtrainer einstellen? Können sich die Spieler nicht mal für EIN Spiel selbst vorbereiten, z.B. unter Federführung des Kapitäns oder eines anderen Führungsspielers (Raúl, Metze)?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.