Kultclub Schalke 04 Deutscher Meister 20xx

Ein neuer Anlauf. Einmal muss Schalke 04, das Wartezimmer des Ruhrpotts, ja Deutscher Meister werden. Erik Wegener ist sicher, dass es klappt. Nur, kann er dann noch richtig mitfeiern oder dauert es bis 2039 – und er muss sein Bier aus der Schnabeltasse schlürfen?


Diesmal ist alles anders. Ich bin tiefenentspannt in die neue Spielzeit gegangen. Nichts gegen die Zugänge Westermann, Rakitic, Großmüller und Jones. Aber die Einkaufspolitik ist fast ein Nichtangriffspakt. Eine gute Saison spielen, den Status als Nummer zwei halten, so lautet die Parole. Ich erwarte nichts. Möglicherweise kommt es dann wie 1997, als unsere "Eurofighter" den Uefa-Cup aus Mailand entführten.

Schalke-Star Thon: Erinnerung an die "Eurofighter"
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Schalke-Star Thon: Erinnerung an die "Eurofighter"

Die Liebe zu meinem Verein ist eine Projektion, sie speist sich aus tausend winzigen Szenen, Partien, Spielern, Orten, Gesängen, Stimmungen. Ich sehe den Triumph im Elfmeterschießen vor zehn Jahren, die Bahnhofskneipe "Charly’s Bummelzug", ich denke an Rolf Rüssmann, Jürgen Sobieray und "Tanne" Fichtel, den geilsten Derby-Triumph überhaupt (2:0 im Westfalenstadion am 22. August 1992) und das Kulttor von Günter Schlipper, der die Lüdenscheider Stefan Reuter und Stefan Klos brasilianisch austanzte.

Natürlich erinnere ich mich auch an den schwarzen 19. Mai 2001, den Balsam-Pokalsieg eine Woche später gegen Union Berlin und die rauschende Nacht danach auf dem Kudamm.

Alles begann, als noch kein Industriesponsor die Brust der Spieler zierte, sondern der schlichte Schriftzug „Schalke 04“. Das war 1976/77. Vermutlich waren Rüdiger Abramczik und mein Jugendidol Klaus Fischer schuld an meinem Schalke-Fieber. Ich war vernarrt in das Tandem und seine Show: Flanke Abi, Kopfball Fitschi, Tor. Die Knappen schossen 77 Buden und wurden Vizemeister hinter Borussia Mönchengladbach. Im Auswärtsspiel beim Europapokalsieger FC Bayern versetzte Schalke die Alpen – und siegte 7:0!

Nur: Danach spielte S04 bald gegen den Abstieg. Der Verein fuhr Fahrstuhl und ich wurde ziemlich kleinlaut. Ich traute mich nicht, mein königsblaues Erima-Trikot mit dem großen weißen Dreieck auf der Brust im Sportunterricht anzuziehen. Spieler wie Thomas Siewert, Manni Drexler, André Bistram und Michael Skibbe machten einem das Schwärmen schwer. Ich identifizierte mich mehr mit dem Mythengebilde S04 als mit der graumäusigen Elf auf dem Platz.

Im Dezember 1984 charterte mein Tischtennisclub TuS Hiltrup einen alten Reisebus und juckelte mit 40 Jugendlichen über die Autobahn von Münster nach Gelsenkirchen. Mein erstes Live-Spiel im Parkstadion, gegen den Hamburger SV, ich war 17. Olaf Thon überragte, Matchwinner mit zwei Toren war ein gewisser Dieter Schatzschneider, den der HSV weggejagt hatte. Schalke gewann 3:0. Wir mittendrin in der brodelnden Nordkurve. "Paddock's Jeans" stand damals auf den Hemden – ja, auch solche Details sind gespeichert auf meinem Fan-Server. Natürlich bleibt dieses Erlebnis eines meiner All-Time-Favourites.

An der Kurt-Schumacher-Straße merkst du jeden Tag: Kein Verein gehört so sehr den Fans wie der FC Schalke. Wo die Faszination riesig ist, wächst das Chaotische, heißt es. Schalker zu sein, ist ein diffuses Gefühl des Berauschtseins. Ein lebenslanger Stolz, der uns erhaben macht über das als "Meister-der-Herzen-belächelt-werden" durch das Erfolgspublikum von der Isar. Auch über das Gefrotzel der schwarzgelben "Zecken" kann ich nur schmunzeln. Die Lüdenscheider werden so schnell nicht wieder auf Augenhöhe sein: Schalke hat die besseren Spieler, beinahe dreimal so viele Mitglieder und der Rubel rollt auch wieder.

Die Reizfigur fehlt

"Schalke ist der geilste Club der Welt", singen die Fans in der Arena so passend. Denn das Revier ist echt, einfach, unprätentiös. Schalke allerdings nicht immer. Zuletzt hat mich das sorgfältig zurecht gelegte PR-Geblubber ("Wir haben den Titel verloren, aber eine Mannschaft gewonnen") so frustriert, dass ich befürchtete, wir werden irgendwann rechts vom Neureichenclub VfL Wolfsburg überholt. Wie Mirko Slomka wirkt der gesamte Verein manchmal zu glatt. Durchgestylt, aber blutleer. Das färbt ab auf die Mannschaft. Die hat so ein Grillfest-Image. Schluss jetzt mit den Gartenpartys, Schluss mit dem Kuschelkurs! Eine saubere Streitkultur muss her. Nicht mit der Presse, untereinander. Dazu braucht es einen Mutigen, einer der Zoff anzettelt, um Leistung aus den Kollegen herauszukitzeln.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Ein Drecksack auf dem Rasen. Ein waschechter Sechser, der auswärts am jeweils entscheidenden 33. Spieltag (ich denke an das jämmerliche Auftreten in Stuttgart 2001 und beim Erzrivalen 2007), den Jungs richtig Feuer macht. Eine Reizfigur mit Sieger-Gen. Bordon ist zwar ein würdiger Anführer, aber Marcelo hat nichts von einem Sauhund. Einer wie Gennaro Gattuso, Roy Keane oder Trifan Iwanow müsste es sein. Im Augenblick gibt es keinen mit dem ultimativen Punch. Was mir fehlt, ist der totale Wille zur Meisterschaft. Diese Unbedingtheit ist in der Mannschaft nicht vorhanden und das befremdet mich.

Wenigstens ist Lincoln endlich weg. Ich bin gottesfroh, dass der überschätzte Tempoverschlepper verkauft wurde, er stand für Zaudern, Larmoyanz und Sattheit. Den Titel-Hunger aber müssen wir uns bewahren, wir dürfen nicht aufgeben. Wir sind Rekordmeister der Schmerzen, chronischer Nicht-Champion, die ewigen Vom-Titel-Träumer. Trotz aller Bauchlandungen, die Jagd geht weiter. Ich habe noch eine leise Hoffnung. Denn irgendwann muss es klappen. Nur Geduld. Schalke darf sich wie kein zweiter Club auf die Deutsche Meisterschaft 20xx freuen.



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