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Kuranyi-Rauswurf: Schwacher Abgang einer Diva

Von , Düsseldorf

Er verließ das Dortmunder Stadion ohne seine Teamkollegen und wird unter Joachim Löw wohl nie wieder für die deutsche Nationalelf spielen: Kevin Kuranyi hat sich mit einer überstürzten Aktion selbst ins Abseits befördert. Und das alles aus gekränkter Eitelkeit.

Als Kevin Kuranyi in den Katakomben des Dortmunder Stadions aus dem Mannschaftsbus stieg, sah er nicht besonders glücklich aus. Spieler, die wissen, dass sie nicht zum Einsatz kommen werden, wirken selten euphorisiert. Und Kuranyi wusste, dass er im Qualifikationsspiel gegen Russland nicht einmal auf der Bank sitzen würde, sondern nur auf der Tribüne. Im 18-Mann-Kader war kein Platz für den Angreifer.

Vielleicht hatte er schon zu diesem Zeitpunkt den Entschluss gefasst, das Stadion ohne seine Kollegen zu verlassen. Im Nachhinein scheint es fast so, Kleinigkeiten deuteten auf die schlechte Verfassung des 26-Jährigen hin. Da war beispielsweise dieser Blick, mit dem der Schalker Stürmer vielleicht einen Tick zu lange durch den schmalen Korridor schaute, der durch die Haupttribünenseite des gigantischen Dortmunder Stadions zum Nebenplatz, dem Stadion "Rote Erde" führt. Dort konnte Kuranyi ein Stück Himmel sehen, die Sonne ging allmählich unter – eine Metaphorik wie aus einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. Kuranyi, der als einer der letzten Spieler aus dem Mannschaftsbus gestiegen war, schaute recht lange dorthin.

Etwa zwei Stunden später muss er endgültig beschlossen haben, das Weite zu suchen – zu seinem Schalker Clubkollegen Jermaine Jones soll er gesagt haben, er werde von der Gegen- auf die Haupttribüne wechseln. In Wahrheit ging er aus dem Stadion. Und ließ seine Mannschaftskameraden über eine Stunde in Unkenntnis zurück, bis die das Warten aufgaben und ins Hotel fuhren. Kuranyi war während der ganzen Zeit nicht zu erreichen. Weder für Teammanager Oliver Bierhoff noch für andere DFB-Mitarbeiter.

Wenig später, gegen ein Uhr morgens, holten Freunde von Kuranyi dessen persönliche Gegenstände aus dem Düsseldorfer Mannschaftshotel – auch da wusste noch kein DFB-Offizieller, was in Kuranyi gefahren war.

Selbst am Morgen danach musste sein Berater Roger Wittmann, ansonsten in die kleinsten Details der Kuranyischen Karriereplanung involviert, im "DSF-Doppelpass" eingestehen, dass auch er völlig überrascht vom Schritt seines Zöglings war.

Man darf annehmen, dass es nicht alleine die Tatsache seiner Nichtberücksichtigung war, die Kuranyi zur Flucht veranlasste. Vielleicht hat er bereits bei der vergangenen DFB-Reise nach Liechtenstein und Finnland den Eindruck gewonnen, nach der EM nicht nur Stürmer Nummer Fünf, sondern fünftes Rad am Wagen zu sein. Schließlich äußerte sich Löw zwar immer lobend über ihn, aber niemals mit der gleichen Euphorie wie etwa bei Konkurrent Patrick Helmes. Es stellt sich allerdings die Frage, mit welchem Recht Kuranyi etwas anderes erwartet hatte.

Der Schalker reagierte in seiner Karriere schon oft narzisstisch gekränkt, wenn er mit negativen Urteilen oder Rückschlägen konfrontiert wurde. So etwas kann in einem Team, in dem selbst der Bundesliga-Goalgetter Mario Gomez klaglos seinen Reservistenstatus akzeptiert, schnell für einen Sonderstatus sorgen.

Jens Lehmann fuhr als Schalke-Keeper in der Saison 1993/94 einmal vor Schlusspfiff mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Leverkusen in seinen Wohnort Essen zurück. Dass er zur Halbzeit ausgewechselt wurde, hatte ihn zutiefst gekränkt. Ähnlich muss es Kuranyi gegangen sein. Lehmann und Kuranyi sind Spieler, die von ihren Fähigkeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit rückhaltlos überzeugt sind.

Doch es gibt einen Unterschied: Jens Lehmann war damals tatsächlich besser als der alternde Holger Gehrke, der ihm von Trainer Jörg Berger vorgezogen wurde. Hingegen gibt es nicht viele Beobachter, die von den Stürmern Podolski, Klose, Helmes, Gomez und Kuranyi jemand anderen als Kuranyi auf die Tribüne gesetzt hätten.

Mit seiner überstürzten Aktion hat Kuranyi nun selbst die Tür zur Nationalmannschaft zugeschlagen. Löw musste nur noch den Schlüssel umdrehen. Eine andere Wahl blieb ihm kaum. Und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ihm die Entscheidung besonders schwer gefallen ist.

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