"La Ola" Die Zwangswelle

Die einen lieben sie, die anderen hassen sie: Egal, wie man zu ihr steht, man kann sich als Fan "La Ola" nur schwerlich entziehen. Schon 1984 bei den Olympischen Spielen rollte die Welle durch die Stadien. Das Magazin "11 FREUNDE" hat sich auf die Suche nach ihren Ursprüngen begeben.

Zuschauer auf Schalke: "La Ola" im Stadion
dpa

Zuschauer auf Schalke: "La Ola" im Stadion


Eine Welle kann aus Wasser bestehen, aus Schall, Licht und auch aus Menschen. Dann heißt sie "La Ola" und rollt durch Stadien. Wie jede Welle transportiert sie, physikalisch betrachtet, Energie durch den Raum, jedoch keine Materie. Das wäre ja auch noch schöner - wer will schon während eines spannenden Spiels von seinem Sitz gespült werden?

Vielen Fans haben schon genug, wenn sie "La Ola" auf sich zuschwappen hören und sich vor lauter Wut, mitmachen zu müssen, nicht auf den Eckball konzentrieren können. Und selbst wenn sie die Welle boykottieren: Der enthusiastische Vordermann springt bestimmt auf und versperrt ihnen die Sicht.

"La Ola" ist zum Symbol der Eventisierung des Fußballs geworden. Wer sich vor ihr wegduckt, gilt leicht als Spaßbremse und wird gnadenlos ausgepfiffen. Sie lässt keinen Raum für individuelle Lebensentwürfe. "La Ola" schluckt sie alle.

Doch wie kann ein ganzes Stadion unter Gruppenzwang gesetzt werden? Nur 35 Menschen braucht es, um eine "La Ola" ins Rollen zu bringen, fand der Dresdner Verkehrsforscher Dirk Helbing heraus. Mit einer Geschwindigkeit von zwölf Metern pro Sekunde bewegt sie sich, meist im Uhrzeigersinn, durchs Rund, was einer Distanz von 20 Sitzplätzen entspricht. Zu schnell, um ihr zu entkommen. Menschenmengen, so Helbings Fazit, verhalten sich wie chemische Teilchen: Trotz ihres eigentlich freien Willens reagieren sie oftmals deterministisch. Man könnte sitzenbleiben, aber man tut es nicht.

Unbeliebt, aber allgegenwärtig

Das ist wohl der Grund, warum so viele "La Ola" nicht mögen und sie dennoch überall entsteht. Wie sehr jemand, der nur des Sports wegen ins Stadion gegangen ist, unter der Zwangswelle leiden kann, dokumentierte 1989 eine Szene des Films "Harry und Sally". Dutzende Male wird Harry von "La Ola" in die Vertikale gespült, zum Schluss willenlos wie eine Marionette.

Nur acht Jahre zuvor hatten zwei männliche Cheerleader aus den USA zeitgleich die Idee zur Fleischwelle: Sowohl "Krazy" George Henderson, der das Baseballteam Oakland Athletics anfeuerte, als auch Robb Weller, der Einheizer der Footballmannschaft Washington Huskies, nehmen für sich in Anspruch, der Erfinder zu sein. Ein zäher Streit, in den sich mittlerweile sogar der Dirigent einer Universitätskapelle eingemischt hat. Auch mexikanische und kolumbianische Fangruppen proklamieren das Patent für sich.

Gesichert ist indes nur, dass die Weltöffentlichkeit "La Ola" erstmals 1984 beim olympischen Fußballturnier in Los Angeles rollen sah. 80.000 Menschen schwappten während der Partie Italien gegen Brasilien durchs Stanford Stadium. Im Vorfeld der WM 1986 in Mexiko setzte Coca-Cola die Welle in einem Werbespot ein und taufte sie auf ihren heute noch geläufigen Namen - Höhepunkt und zugleich der Beginn ihrer kommerziellen Ausbeutung. Deutschen Boden überflutete sie schließlich 1987, beim Eishockey-Bundesligaspiel des ESV Kaufbeuren gegen den Kölner EC. Ganze zehn Mal umkreiste sie das Stadion am Berliner Platz, dann war sie auch hierzulande nicht mehr einzudämmen.

Nass wird dabei niemand - anders als bei Veranstaltungen in der Antike. Damals wühlten noch echte Wellen die Griechen und Römer auf. Um Seeschlachten wirklichkeitsnah aufführen zu können, wurden die Arenen kurzerhand geflutet.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.