Von Christoph Ruf
Der Refrain des Songs "Vamos a la playa" eignet sich prächtig, um sechssilbige Namen zu skandieren. Doch an der Rhythmik lag es nicht, dass die Gäste-Fans des FC Bayern München beim 3:5 Debakel des VfB das ganze Spiel über den Namen des neuen Stuttgarter Chefcoachs höhnisch hochlieben ließen: "Bru-no La-bba-di-a, o-o-o-ohoho."
Aber was kann der Trainer des VfB Stuttgart dafür, wenn sich eine Hintermannschaft vorgenommen hat, mit aller Konsequenz das kaputtzumachen, was sich der Rest des Teams zuvor aufgebaut hat?
Eine geschlagene halbe Stunde war nämlich nichts Produktives zu sehen gewesen von den Bayern, die nun plötzlich bis auf vier Punkte an den Tabellenzweiten Mainz herangekommen sind. Doch dann kroch das alte VfB-Malheur heran, unaufhaltsam und unerbittlich wie so oft in dieser Saison. Fünf Gegentreffer hatte man plötzlich nach gut einer Stunde - weil erst Ermin Bicakcic, dann Matthieu Delpierre, dann Artur Bokà, dann Sven Ulreich und schließlich die komplette Hintermannschaft nichts Besseres zu tun hatten, als den Bayern ihre fünf Treffer durch Fehler aufzulegen, die man selbst in der Verbandsliga nicht oft sieht.
Dabei hatten sie so gut angefangen.
Energisch und konsequent störten die VfB-Spieler den Spielaufbau der Bayern und suchten immer wieder mutig den Weg in die Spitze. Der demoralisierte VfB auf Augenhöhe mit den ruhmreichen Bayern? Nicht nur das. In der ersten halben Stunde und über weite Strecken der zweiten Hälfte spielte der VfB richtig guten Fußball. Und zwang die Bayern-Hintermannschaft zuweilen zu Fehlern, die so aussahen, als hätten die VfB-Verteidiger in der Halbzeit die Trikots getauscht.
Der neue Stuttgarter Coach konnte also mit halbwegs erhobenem Haupt vor die wütende Fankurve und daraufhin vor die Mikrofone treten: "Das wird Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag - es wird darum gehen, das auch dem Umfeld zu vermitteln."
In der Tat: Wer nach 17 Spielen nur zwölf Punkte hat, sollte ganz schnell alles vergessen, was sich über das Potential der Mannschaft sagen ließe. In der vergangenen Saison wurde mit Hertha BSC Berlin auch nicht das am schlechtesten besetzte Team Tabellenletzter. Allerdings spricht einiges dafür, dass der VfB ein glücklicheres Händchen als der Hauptstadtclub hatte, als er beschloss, zum zweiten Mal den Trainer zu wechseln: Labbadia steht für laufintensiven, auf Kurzpässen basierenden Offensivfußball.
Ständiger Stilwechsel beim VfB
Damit passt er bestens zu dieser launischen Equipe, die an guten Tagen mit ihrem technisch starken, ballsicheren Mittelfeld und dem gut besetzten Sturm zeigt, wozu sie in der Lage ist - und dann nur allzu oft von einer dilettantischen Abwehrarbeit um den Lohn ihrer Arbeit gebracht wird. Allerdings ist es kein Zufall, dass der Club in den vergangenen drei Jahren immer so miserabel gestartet ist. Kein Mensch weiß mit Sicherheit, ob Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel im kommenden Jahr noch Trainer in Dortmund oder Mainz sein werden. Klar ist aber, dass ihr Nachfolger kein Trainer würde, der für ein komplett entgegengesetztes Fußballverständnis steht. Diese Teams sind auch deshalb so weit oben, weil ihre Bosse wissen, was sie wollen. Und welchen Trainertyp sie dafür verpflichten müssen.
Ganz anders die Lage beim VfB: Nach dem Powerfußball-Lehrer Felix Magath kam mit Armin Veh ein Trainer, der das Kurzpassspiel mag, dem aber am Schluss das Glück abhanden kam. Veh wurde von einem Novizen (Markus Babbel) abgelöst, der anfangs Erfolge feierte, seine Handschrift aber erst noch einüben musste. Es folgte Christian Gross - ein Trainer, dem man nicht Unrecht tut, wenn man ihn als Freund eines eher britischen Fußballstils bezeichnet. Als der nicht mehr funktionierte, holte man mit Jens Keller erneut einen Novizen. Zudem einen, der Fußball zeitlebens als Plackerei verstanden hatte und sich schnell verschliss.
Nach welchen Kriterien beim VfB die wichtigste Stelle im Verein besetzt wird, erschließt sich den Beobachtern vor Ort schon lange nicht mehr. Auch deshalb kann man den VfB wohl nur zu Labbadia beglückwünschen - er bringt von seinem Fachwissen und von seinem Fußballverständnis her alles mit, um die Mannschaft kurzfristig zu pushen und mittelfristig ein Team aufzubauen, das auch mal wieder oben mitspielen kann. Vorausgesetzt, er kann sein Image ablegen. Ein Image als Trainer, der eine Mannschaft über ein paar Monate weg nach vorne treiben kann, ehe eine unaufhaltsame Abwärtsentwicklung einsetzt. Er hat es schließlich aus gutem Grund verliehen bekommen.
Allerdings deutet viel darauf hin, dass Labbadia verstanden hat, warum er zuletzt in Leverkusen und beim HSV scheiterte. Er hat das vergangene halbe Jahr genutzt, um in sich zu gehen, hat externen Rat gesucht, seine Methoden auf den Prüfstand gestellt. Man kann ihm nur wünschen, dass er seine Fehler abstellt, ohne seine Stärken zu verlieren. Weder am Rhein noch an der Elbe finden sich nämlich ehemalige Weggefährten, die ihm Fachwissen, Begeisterungsfähigkeit, Fleiß und Akribie absprechen würden. Und noch heute schnalzen viele mit der Zunge, wenn sie über den Fußball sprechen, den seine Teams jeweils in der Hinrunde spielten.
Aber zahlreiche Spieler - nicht nur die Diven, die auch unter seinen Nachfolgern Probleme bekamen - haben ihn als Trainer erlebt, der schnell das Maß verliert, der auch nach erfolgreichen Spielen nicht locker lassen kann, der die Zügel anzieht, bis die Gäule ausbrechen. Labbadia hat mit seinem Feuer in Leverkusen und Hamburg am Schluss vieles verbrannt, was er nur auf Betriebstemperatur halten wollte.
Labbadia und der VfB: Beide haben jede Menge Potential. Aber beide standen sich bislang zu oft selbst im Weg.
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