DFB-Langweiler in Amsterdam Ohne Kompass und Landkarte

Das Prestigeduell gegen die Niederlande sollte der gelungene Abschied dieses Länderspiel-Jahres werden - doch es wurde ein kolossaler Langweiler. Gegen den Erzrivalen zeigte das DFB-Team zu wenig Ideen, kam kaum zu Chancen. Und das Projekt "falsche Neun" klappte auch nicht.

Aus Amsterdam berichtet


Die Szene in der 38. Minute war bezeichnend für das deutsche Spiel: Als Mario Götze einen Pass von Ilkay Gündogan erhielt, waren Marco Reus, Lewis Holtby und Thomas Müller nur wenige Meter vom Empfänger des Balles entfernt. Die deutschen Nationalspieler standen sich - nicht nur in dieser Situation - gegenseitig auf den Füßen, klare Lauf- oder Positionswege waren nicht zu erkennen.

Das von Bundestrainer Joachim Löw zum Langzeitprojekt ausgerufene Spiel mit einer "falschen Neun", wie ein wendiger Mittelfeldspieler auf der zentralen Position im Sturm genannt wird, wirkte beim 0:0-Unentschieden gegen die Niederlande eher wie ein riesiges Missverständnis. Löw, der viele überrascht und gegen die Mannschaft von Bondscoach Louis van Gaal den Dortmunder Ideenlieferanten Mario Götze in die erste Angriffsreihe beordert hatte, musste mit ansehen, wie seine hochbegabten Mittelfeldspieler es in 90 Minuten zu keiner Zeit fertigbrachten, ihr schnelles, direktes Kombinationsspiel auch in Torchancen umzumünzen.

"Ich habe mich heute für Mario als Stürmer entschieden, weil er am besten mit dem Rücken zum Tor mitspielen kann. Ich habe gedacht, dass er mit seiner Schnelligkeit den etwas langsameren holländischen Abwehrspielern Probleme bereiten wird", sagte Löw.

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Doch er hätte Götze wohl besser noch einen Kompass und eine Landkarte mitgeben sollen, damit dieser sich auf seiner neuen Position tatsächlich zurechtfindet. Teilweise wirkte es nämlich so, als hätte sich Götze auf dem Spielfeld der Amsterdam-Arena verirrt. Und um seine spielerische Sicherheit zurückzufinden, ließ er sich immer wieder auf seine Ursprungsposition im Mittelfeld zurückfallen.

"Wir sind alle sehr ähnliche Spielertypen. Und dadurch, vor allem auch weil es heute das erste Mal war, ist es uns nicht immer so richtig gelungen, die Vorgaben umzusetzen", sagte Lewis Holtby. Der Schalker, der in seinem dritten Länderspiel erstmals von Beginn an auflaufen durfte und dabei von Löw sogar auf der Spielmacherposition eingesetzt wurde, schaffte es dabei zu keiner Zeit, das Kommando in der Zentrale zu übernehmen.

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Götze, Reus, Müller - sie alle kreuzten Holtbys Raum, statt etwa zehn Meter weiter vor ihm die niederländische Abwehr durcheinander zu wirbeln. "Natürlich sind echte Knipser wie Miroslav Klose oder Mario Gomez gut für das Spiel. Aber die waren heute nicht da. Und Mario Götze ist ja ein Riesenfußballer, der hat das auch sehr gut gemacht", sagte Holtby.

Diese Meinung des Schalkers zu teilen, fiel den meisten Beobachtern ungemein schwer. Vielmehr zeigte Götzes positionelle Indisponiertheit, dass eine Systemumstellung, weg vom klassischen Stürmer, hin zu mehr spielerischer Flexibilität, wie sich Löw das schon seit Monaten vorstellt, nur mit größten Mühen, viel Zeit und Training umgesetzt werden kann. Alles Dinge, die der Nationalmannschaft nicht wirklich zur Verfügung stehen. Zwar sagt Götze: "Ich fühle mich auf der Position wohl. Ich habe das auch in der Jugend immer wieder mal gespielt. Man ist dadurch ja auch viel näher am Tor." Dass er aber so schnell wieder die Chance bekommt, dies erneut in einem Länderspiel zu versuchen, darf bezweifelt werden.

Dabei muss zur Verteidigung des 20-Jährigen gesagt werden, dass er mit den Niederlanden und einem Spiel ohne wirklichen Wettkampfwert eine wirklich undankbare Gelegenheit für dieses Experiment nutzen musste. Die holländische Mannschaft, die gegen Deutschland eine Art Anti-van-Gaal-Fußball zeigte, stand teilweise so kompakt im zentralen Mittelfeld, dass selbst Fliegen Schwierigkeiten bekommen hätten, sich ungestört durch das Bollwerk zu mogeln.

Die Niederländer zeigten zudem nur sehr wenig Ambitionen, den Ball zu erobern oder eigene Angriffe zu kreieren. "Für uns ging es heute darum, zuerst Sicherheit zu bekommen, indem wir defensiv gut spielen", sagte Bayern-Profi Arjen Robben. Und da Lars Bender diese Worte nur wenige Minuten später fast genauso wiederholte, verstand jeder, warum dieses Spiel keine Tore, dafür aber viel Langeweile produzierte.

Niederlande - Deutschland 0:0
Niederlande: Vermeer - van Rhijn (ab 46. Janmaat), Heitinga (ab 46. de Vrij), Vlaar, Bruno Martins Indi - Nigel de Jong, van der Vaart (ab 72. Emanuelson) - Schaken, Afellay (ab 59. van Ginkel), Robben (ab 46. Elia) - Kuijt
Deutschland: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Lahm - Lars Bender (ab 82. Sven Bender), Gündogan - Müller (ab 84. Schürrle), Holtby (ab 87. Neustädter), Reus (ab 90.+2 Julian Draxler) - Götze (ab 72. Podolski)
Schiedsrichter: Proença (Portugal)
Zuschauer: 51.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: keine



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
vogtnuernberg 15.11.2012
1.
0:0 bedeutet aber auch: Die Holländer hatten auch keinen Plan.
katerramus 15.11.2012
2. na also...
die Aufstellung mit Götze als Stürmer zwischen den ganzen langen Kerls aus Oranje- land war schon daneben- was aber wirklich langweilte, war dieses Quergeschiebe der Verteidiger, die arg an schlechte Bayernspiele erinnerte, obwohl Schalker und Dortmunder das vorführten......... Ich denke mal, dass Hummels sich sehr zusammenreissen mußte, um nicht die von Löws so ungeliebten langen Bälle nach vorne zu spielen.... Was diese willkürlich zusammengewürfelte Truppe nach nur einer Trainingseinheit gezeigt hat, war genau das Spiel, das der Trainer gefordert hat- also sollten die geprellten Zuschauer sich beim Trainer und nicht bei den Spielern beschweren !!
Bhigr 15.11.2012
3.
Genau dieses Spiel ohne Stürmer hattee ich befürchtet. Der Bundestrainer begeht einen Fehler, wenn er ausschließlich auf die spielerische Klasse setzt. Das Spiel war extrem langweilig. Die deutsche Mannschaft war ideenlos und chancenlos - obwohl sie lange im Ballbesitz war. Wenn es auch spielerisch nicht läuft, dann hat diese Mannschaft keinen Plan B und keine anderen Möglichkeiten. Ich finde Jogi Löw war jetzt sehr sehr lange Bundestrainer. Es wäre an der Zeit einem anderen Trainer die Chance zu geben mit diesen Spielern einen Titel zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass Löw dazu noch der richtige Mann ist.
Merkelfan 15.11.2012
4.
Das war doch ganz ansehlicher Fussball mit den ganzen Jungspunden. Chapeau! Aber eine Frage an Low: Warum spielte Neuer und nicht Alder? Und warum ist Müller mitgefahren und hat dann sogar gespielt (er war der schlechteste gestern, neben Neuer - völlig unsichtbar! note 6)
lordofaiur 15.11.2012
5. Poldi
Zitat von sysopDPADas Prestigeduell gegen die Niederlande sollte der gelungene Abschied dieses Länderspiel-Jahres werden - doch es wurde ein kolossaler Langweiler. Gegen den Erzrivalen zeigte das DFB-Team zu wenig Ideen, kam kaum zu Chancen. Und das Projekt "falsche Neun" klappte auch nicht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/laenderspiel-deutschland-gegen-die-niederlande-endet-ohne-tore-a-867357.html
Podolski 106 Länderspiel! Man fragt sich wieso?
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