DFB-Remis in Wembley Auf dem Papier ein Klassiker

Das deutsche Nationalteam bleibt zum ersten Mal seit einem Jahr ohne Tor und zum 20. Mal in Folge ungeschlagen. Was vom Testspiel gegen England bleibt? Mohnblumen, Papierflieger und ein starker Leroy Sané.

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Aus London berichtet


Vor dem sogenannten Klassiker zwischen England und Deutschland gedachten beide Mannschaften der Gefallenen der Weltkriege mit einer Schweigeminute. Zudem trugen die Spieler Armbinden mit dem Symbol der Mohnblume, mit dem in England an die Kriegstoten erinnert wird. Nach dem Spiel war das Feld übersät von Papierfliegern, die die Zuschauer gebastelt hatten, um sich in der zweiten Halbzeit einer sinnvollen Tätigkeit zu widmen.

Möglicherweise sind dies die beiden Dinge, die von diesem Abend im Londoner Wembleystadion übrigbleiben werden. Dazwischen gab es noch ein Fußballspiel, das unentschieden endete. Weil es trotz mehrerer Großchancen auch ziemlich viel Leerlauf zu besichtigen gab, war das 0:0 das logische Ergebnis. Ein Länderspiel, das nach einer unterhaltsamen ersten Hälfte nach hinten heraus völlig ausfranste. Allerbeste Werbung für die Ziele der Uefa, die Testspiele bekanntlich ihrem neuen Wettbewerb, der Nations League, opfern will.

Erstmals seit einem Jahr torlos

Erstmals seit einem Jahr hat die Elf von Bundetrainer Joachim Löw kein Tor erzielt, und dennoch haben die Stürmer noch am ehesten Eindruck hinterlassen. Timo Werner war gewohnt zu flink für seine Gegenspieler, und sein Kompagnon im Angriff, der wie Werner mit Jugend und Schnelligkeit gesegnete Leroy Sané, machte allergrößte Hoffnungen auf gute Stürmerjahre in der deutschen Nationalmannschaft.

Werner und Sané sind 1996 geboren, in jenem Jahr, in dem die deutsche Mannschaft in Wembley ihren EM-Triumph feierte. Sie sind noch so jung, und dennoch treten beide, befeuert durch Erfolgserlebnisse in ihren Vereinen, in der Nationalmannschaft schon extrem selbstbewusst auf.

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Statt sich über die gute Leistung von Wembley zu freuen, wie man das als junger Kerl vielleicht tun würde, stand Sané vor allem der Unmut ins Gesicht geschrieben, weil er nach einer halben Stunde die beste Torgelegenheit des Teams hatte liegen lassen.

Sanés Lattenschuss als schönste Szene des Spiels

"Mich ärgert das sehr, weil ich jetzt immer noch kein Tor für die Nationalelf erzielt habe", sagte er. Der Profi von Manchester City hat allerdings auch erst neun Spiele für Deutschland bestritten, die wenigsten davon von Beginn an. Da kann also noch was kommen, und so wie sich Sané in den Vorwochen unter Josep Guardiola entwickelt und präsentiert hat, wird da noch etwas kommen.

Mit seinem Lattentreffer in der ersten Hälfte war er zumindest schon einmal ganz nah dran am Torerlebnis. Eine Szene, die die Qualitäten des jungen City-Profis mehr als andeutete. Wie genau er sein Ziel anvisierte, wie er den Ball geradezu streichelte und über den starken Tormann Jordan Pickford hinüberhob, das war lehrbuchhaft. Es war die schönste Szene des Spiels.

Der Bundestrainer hatte anschließend lobende Worte für seinen jungen Stürmer parat, vergaß als guter Pädagoge auch nicht Debütant Marcel Halstenberg, der als Außenverteidiger eine vernünftige Premierenleistung abgeliefert hatte.

"Automatismen haben nicht gegriffen"

Dass der Bundestrainer angesichts des in der zweiten Halbzeit nur noch unansehnlichen Kicks allerdings von "einem echten Test" sprach, war dann doch der Diplomatie etwas zu viel. Die Engländer, ohne zahlreiche ihrer Stars angetreten, hatten mit ihren Laufwegen zu kämpfen, und auch beim DFB-Team "haben die Automatismen nicht gegriffen", wie Löw eingestand.

In der ersten Halbzeit hatte die Mixtur noch einigermaßen gestimmt, "da haben wir ein gutes Tempo vorgelegt und viele Chancen herausgespielt", so Löw. Mit der Herrlichkeit war es nach dem Wechsel aber komplett vorbei. "Da sind wir viel zu sehr hinterher gelaufen", erkannte Mats Hummels, mal wieder einer der Besten in der Mannschaft.

Am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD) geht es in Köln gegen die Franzosen, vielleicht den härtesten Konkurrenten um die Favoritenrolle bei der WM im nächsten Jahr. "Da wird es erheblich schwerer werden", sagt Löw, "Frankreich hat noch viel mehr Zug zum Tor als die Engländer."

Die Franzosen waren die Letzten, die das DFB-Team hatten schlagen können, danach folgten 20 Partien ohne Niederlage. Auch das bleibt von diesem Abend in Wembley noch übrig: Nicht nur Flieger aus Papier, sondern eine beeindruckende Statistik auf Papier.

insgesamt 23 Beiträge
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ludwig49 11.11.2017
1. Freundschaftsspiele...
...waren schon oft Anlass für einen vorzeitigen Sofa-Schlaf. So auch diesmal, zumindest in der 2. Halbzeit. Okay, Löw will seine Truppe auffrischen, aber weshalb da immer noch ein Özil - der Meister des Fehlpasses - dabei sein muß, bleibt rätselhaft !
M. Vikings 11.11.2017
2. Armer Peter Ahrens.
Sie müssen so etwas von berufswegen gucken. Sie sind ja auch nicht mehr der Jüngste, deshalb ist Ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen, dass Test- oder Freundschaftsspiele der deutschen Nationalmannschaft grundsätzlich Schrottwert haben und auch nie Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit möglich sind. Ich erspare mir immer diese Qual, und ich habe im Gegensatz zu Ihnen das Privileg meine Zeit sinnvoll verbringen zu dürfen. Dem Schicksal des Kollegen ludwig49 konnte ich deshalb diesmal erfolgreich aus dem Weg gehen.
charly05061945 11.11.2017
3. Altherrenfußball
Wenn dieses ziel-, plan- und lustlose Altherren-Standfußballgekicke mit gelegentlichen Kick-and-Rush-Einlagen die Zukunft sein soll wird sich diese Sportart rasch erledigt haben. Da bietet jede Kreisklassenpartie mehr Spannung. Dafür fahren die Fans für viel Geld nach England.....
dieter 4711 11.11.2017
4. Kampfspiel von zwei gleichwertiger Mannschaften
Es war ein Kampfspiel von drei gleichwertigen Mannschaften, wobei die Engländer etwas schneller waren und die Deutschen drei Chancen hintereinander hatten.
markniss 11.11.2017
5. Erkenntnisse
Ginter ist einfach nur ein durchschnittlicher Bundesligaspieler. Mir ist völlig unklar, warum der in der N11 immer wieder auftaucht. Gündogan ist ein Genuss. Hoffentlich bleibt er gesund, dann muss er auf der 6 spielen. Draxler ist bestenfalls erster Einwechselspieler. Özil ist regelmäßig in 4 von 5 Spielen richtig schwach. Reporter und Bundestrainer erfreuen sich trotzdem seiner drei guten Pässen und übersehen ständig, dass er auch in seinen guten Spielen der schlechteste Defensiv-Spieler auf dem Platz ist. Für Özil muss immer ein Spieler als rein defensive Absicherung geopfert werden -- wie Höwedes bei den letzten Turnieren. Rüdiger hat entweder seine Nerven nicht unter Kontrolle oder er ist technisch wirklich so limitiert. Letzteres wäre ein echtes Problem. Sane und Werner gemeinsam mit Müller sind offensiv ein unglaubliche Waffe: Schnell, beweglich, unberechenbar. Meine Aufstellung bei der WM: Neuer -- Kimmich, Boateng, Hummels, Hector -- Gündogan, Kroos -- Reus (Goretzka), Müller -- Werner, Sane
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