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DFB-Team vor Länderspiel-Klassiker: Mamma mia, immer Italien

Aus Mailand berichtet

Angstgegner Italien: Balotelli, Grosso, Tardelli Fotos
DPA

Endlich gibt es Gelegenheit zur Revanche. Wenn die DFB-Elf in Mailand gegen Italien spielt, hat sie einiges gutzumachen. Die EM-Halbfinal-Pleite aus dem Vorjahr ist noch schmerzhaft in Erinnerung. Doch Löws Truppe hat gegen die Azzurri noch ganz andere bittere Stunden aufzuarbeiten.

Es gibt dieses Foto. Womöglich ist es das berühmteste Fußballfoto der vergangenen Jahre. Mario Balotelli in der erstarrten Triumphgeste, das Trikot vom Leib gerissen, strotzend vor Genugtuung, und daneben der deutsche Kapitän Philipp Lahm, die personifizierte Hilflosigkeit. Es ist die Schlüsselszene aus dem EM-Halbfinale von Warschau aus dem Vorjahr, ein Dokument italienischer Überlegenheit über deutsche Überheblichkeit.

Als Lahm auf der Pressekonferenz am Vortag des Länderspiels gegen Italien am Freitag in Mailand (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) ebenjenes Foto noch einmal gezeigt bekommt, verbunden mit der Frage, was es ihm auslöse, sagt er kurz und knapp: "Gar nichts." Sein Gesichtsausdruck dabei lässt aber ahnen, dass auch ein Kapitän der Nationalmannschaft auf Pressekonferenzen nicht immer die ungeschminkte Wahrheit über sein Gefühlsleben offenbaren möchte.

"Ich habe schon so einige Niederlagen in meiner Karriere erlebt. Aber es gibt genauso Bilder, auf denen ich der Jubelnde bin und mein Gegenspieler traurig dreinschaut", relativiert Lahm die Bedeutung der Revanche, die sich dem DFB-Team im Testspiel gegen die Squadra Azzurra bietet.

Tatsächlich hat Lahm gemeinsam mit dem Bundestrainer auch andere Niederlagen durchgestanden, aber das 1:2 von Warschau war vielleicht die bitterste. Das deutsche Team, das ganz auf den Turniersieg programmiert schien und den Endspielgegner Spanien bereits im Visier hatte, wurde "von perfekt eingestellten Italienern" (Lahm) brutal aus allen Titelträumen geholt.

Im EM-Halbfinale zu hoch gepokert

"Das war schon eine bedeutende Pleite, auch für uns als Leitungsteam", sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff in der Rückschau. Eine Niederlage mit Folgen vor allem für den Bundestrainer, wie Bierhoff anfügt. Der bis zum EM-Aus scheinbar souveräne Joachim Löw habe seitdem "viel mehr Diskussionen von außen, viel mehr Kritik einzustecken", aber: "Als Bundestrainer muss man so etwas abkönnen."

Löw zählt die Niederlage von Warschau gemeinsam mit der Finalpleite bei der EM 2008 gegen Spanien zu den schwärzesten Momenten seiner nunmehr 100 Spiele währenden DFB-Cheftrainer-Laufbahn. Dass das Ausscheiden vor allem ihm persönlich angelastet wurde (da er wie im gesamten Turnierverlauf auch gegen die Italiener mit einer neuen Aufstellung überrascht, diesmal aber zu hoch gepokert hatte), hat er mittlerweile akzeptiert. Aber es hat gedauert.

Als danach von Teilen der Öffentlichkeit die leidige Führungsspielerdebatte erneut eröffnet wurde, als darüber diskutiert wurde, dass die Italiener ihre Nationalhymne vor dem Spiel weit inbrünstiger mitgesungen hätten als die Deutschen, das waren Nebengeräusche, die "mich am Anfang sehr verärgert haben", wie Löw sagt. Sie machten es ihm zu Beginn zugleich einfacher, die eigene Verantwortung für das EM-Ausscheiden zu verdrängen.

In Florenz stand das ganze Projekt auf der Kippe

Gegen kein anderes europäisches Top-Team hat die DFB-Auswahl eine so miserable Bilanz wie gegen die Italiener, das betrifft vor allem die großen Turniere. Löw, Bierhoff und Lahm hatten bereits bei der Heim-WM 2006 ihre Erfahrungen gemacht, wie es ist, gegen eine Mannschaft zu spielen, die, so Lahm, "ihre beeindruckende taktische Ruhe über 120 Minuten beibehält". Auch hier war es das Halbfinale, auch hier stürmte ein deutsches Team in die Niederlage.

Aber Bierhoff denkt gar nicht so sehr an diese Partie, wenn er sich an das Jahr 2006 und an Italien erinnert. Er hat vielmehr das Duell vom 1. März in Florenz als "einschneidend" im Gedächtnis. Es gab eine demütigende 1:4-Niederlage für das Team von Jürgen Klinsmann und seinem Assistenten Joachim Löw, nicht einmal drei Monate vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land, und danach brachen in der öffentlichen Meinung alle Dämme. Klinsmann sollte sich sogar vor dem Sportausschuss des Bundestages für die Pleite verantworten.

"Wenn das folgende Testspiel gegen die USA auch in die Hose gegangen wäre, hätte es tatsächlich noch eine Veränderung im Trainerstab direkt vor der WM geben können", sagt Bierhoff im Nachhinein. Das gesamte Projekt Klinsmann-Löw-Bierhoff stand damals auf der Kippe, mit unvorhersehbaren Folgen für den deutschen Fußball - bis heute. Aber Deutschland besiegte die USA drei Wochen nach Florenz 4:1, das Sommermärchen nahm seinen Lauf, und Klinsmann ist mittlerweile Nationaltrainer der USA.

Zum ersten Mal seit jenem Spiel in Florenz stehen sich die beiden Teams wieder auf italienischem Boden gegenüber. Eine gewisse Symbolträchtigkeit ist durchaus zu erkennen. Auch Mario Balotelli und Philipp Lahm sind mit dabei. Es wäre Zeit für ein neues Foto.

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insgesamt 39 Beiträge
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    Seite 1    
1. Endlich ein Gegner!
Erda 14.11.2013
Zitat von sysopDPAEndlich gibt es Gelegenheit zur Revanche. Wenn die DFB-Elf in Mailand gegen Italien spielt, hat sie einiges gutzumachen. Die EM-Halbfinal-Pleite aus dem Vorjahr ist noch schmerzhaft in Erinnerung. Doch Löws Truppe hat gegen die Azzurri noch ganz andere bittere Stunden aufzuarbeiten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/laenderspiel-deutschland-gegen-italien-in-mailand-a-933631.html
Ich freue mich auf das 100. Länderspiel von Löw. Jetzt kann dieser Bundestrainer zeigen, wie sich seine Mannschaft seit 2006 entwickelt hat. Die Mannschaft mit dem größten Entwicklungspotenial seit der 72er Europmeisterschaftsmannschaft. Nach 6 Jahren Entwicklung und Reifeprozeß muss ja dann morgen abend ein richtiges Ergebnis herauskommen. Freundschaftsspiele sind ja eigentlich Umschaltspiele zu anderen Programmen aber gegen Italien, da sollte doch Feuer unter dem Hintern unserer Nationalmannschaft brennnen. Die Qualifikation zur WM, das waren ja nur Sparringspartner im Vergleich zu Italien, Spanien und England. Ach England , gegen die spielt unsere NM ja auch am Dienstag, also zwei echte Härtetests. Standortbestimmungsspiele kurz gefasst.
2.
Morgul 14.11.2013
Wenn sich unsere Bundeskicker nicht immer vor Angst in die Hosen machen würden, wenn sie das Wort "Italien" hören, wäre schon viel gewonnen.
3. Um nochmal
nemensis_01@web.de 14.11.2013
zuzm Löw- Bashing zu kommen. 100 Länderspiele, keinen Titel. Noch wäre Zeit, lieber DFB, zur WM einen richtigen Trainer zu nominieren. Titelfähig sozusagen.
4. es gibt wichtigere Dinge im Leben..
rumsi 14.11.2013
als ein Länderspiel gegen Italien.Auf den Phillipinen haben die Menschen andere Probleme.
5.
zeisig 14.11.2013
Zwei Gründe, das Spiel nicht anzuschauen: 1. Es ist ein Freundschaftsspiel. 2. Die neuen Trikots. Ich ertrags einfach nicht.
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1 Miroslav Klose 71 137
2 Gerd Müller 68 62
3 Joachim Streich 59 105
4 Lukas Podolski 48 124
5 Jürgen Klinsmann 47 108
Rudi Völler 47 90
7 K.-H. Rummenigge 45 95
8 Uwe Seeler 43 72
9 Michael Ballack 42 98
10 Oliver Bierhoff 37 70

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