Länderspiel in Leipzig Die geteilte Stadt

Verrückte Fußballwelt: Die Fans von Lok und Sachsen Leipzig pflegen seit Jahren eine erbitterte Feindschaft - in einer Stadt, die nach hochklassigem Fußball lechzt. Nicht nur Nationaltorwart René Adler, gebürtiger Leipziger, sieht in der Gründung eines finanzstarken Retortenclubs den Ausweg.

Von , Leipzig


Der "Fischladen" im linken Szeneviertel Leipzig-Connewitz. Wer gerne Fußball schaut und Musik auch dann hört, wenn sie laut ist, fühlt sich hier wohl. Das Motto "Love football, hate racism" prangt über dem Tresen des Veranstaltungszentrums, das Roter Stern Leipzig unterhält. Fußball wird beim Roten Stern auch aktiv gespielt - und das alles andere als schlecht. Seit der Gründung vor zehn Jahren haben die Ersten Herren einen rasanten Aufstieg von der 12. bis in die 9. Liga hinter sich.

Polizisten gegen Leipziger Fußballfans: Explosive Mischung
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Polizisten gegen Leipziger Fußballfans: Explosive Mischung

Manchmal kommt es in Leipzig, wo am Samstagabend Deutschland gegen Liechtenstein 4:0 gewann, selbst in der 3. Kreisklasse zu Problemspielen. An diesem regnerischen Samstag prangt ein doppelseitiges Schwarzweiß-Plakat am "Fischladen", das zur Mobilisierung innerhalb der linken Szene aufruft: Bei einem der nächsten Auswärtsspiele der 2008 neugegründeten Sachsen-Leipzig-Abspaltung BSG Chemie (12. Liga) wird mit Überfällen rechter Ultra-Gruppierungen gerechnet.

Ähnliche Plakate hat man hier in den letzten Monaten und Jahren auch bei Spielen von Roter Stern (9. Liga) und von Sachsen Leipzig (5. Liga) gesehen, deren Fanszenen ebenfalls links geprägt sind. In Sachsens größter Stadt liefern sich die rechte und die linke Szene immer wieder erbitterte Auseinandersetzungen - gerade auf den Fußballplätzen der Stadt.

Beim Ortsrivalen Lok Leipzig fühlt sich traditionell auch die rechte Szene wohl. Doch Vereinspräsident Steffen Kubald geht seit einigen Jahren entschiedener gegen Fanclubs wie die rechtsextremen "Blue Caps" vor, die seither immer offener bei NPD- und Kameradschaftsveranstaltungen auftreten.

Und dennoch: Die Anhänger der beiden größten Leipziger Clubs sind sich so spinnefeind, dass die Stadt bei Aufeinandertreffen der beiden Clubs regelmäßig an die Szenerie bei Militärputschen in Südamerika erinnert. 2007 konnte nur ein Aufgebot von über tausend Polizisten verhindern, dass mehrere hundert Gewaltbereite aufeinanderprallten. An Weihnachten des gleichen Jahres kam die Polizei zu spät: Etwa 50, zum Teil mit Gaspistolen bewaffnete Vermummte, die nicht nur die Opfer dem Umfeld von Lok Leipzig zurechnen, stürmten eine Weihnachtsfeier der "Diablos" im Vereinslokal von Sachsen Leipzig und verletzten dort Dutzende Fans.

Doch damit nicht genug: Sachsen Leipzig steht im zweiten Insolvenzverfahren binnen weniger Jahre, zum 1. April müssen sich die Spieler und Trainer Dirk Heyne arbeitslos melden, das Management arbeitet mit Hochdruck daran, die Saison dennoch zu Ende spielen zu können - ansonsten wird man den Verein wohl auflösen.

"Druck schadet dem Verein"

Schon in der kommenden Saison könnte Lokalrivale Lok wieder der Club Nummer eins in der Stadt sein. Und das, obwohl noch in der Saison 2004/2005 sieben Ligen zwischen den beiden Erzrivalen lagen: Nachdem der Vorgängerverein, der VfB Leipzig, zum zweiten Mal Insolvenz anmelden musste, gründeten die Fans den Club unter dem traditionellen Namen Lok Leipzig im Dezember 2003 neu und schrieben so das erste Kapitel einer Erfolgsgeschichte: Nach dem Neuanfang in der dritten Kreisklasse (11. Liga) übersprang der Club durch eine Fusion und den alljährlichen Aufstieg in die nächsthöhere Staffel sechs Ligen. Derzeit belegt der Club einen Spitzenplatz in der fünftklassigen Oberliga Nordost-Süd - als Aufsteiger, der sich vor der Saison keinen einzigen Neuzugang leistete. Während der Lokalrivale das Geld verprasste, setzte man bei Lok auf den eigenen Nachwuchs. Und hatte Erfolg.

Doch nun hat Präsident Steffen Kubald Blut geleckt. Nächste Saison möchte er in der viertklassigen Regionalliga spielen, wie er Spieler und Trainer über die Medien ("Ich will wachrütteln") wissen ließ. Zur großen Verwunderung von Trainer Rainer Lisiewicz. Die Situation, dass "Sponsoren irgendwas fordern und dadurch ein Druck aufgebaut wird, der dem Verein schadet", kenne man in Leipzig ja zur Genüge, sagt Lisiewicz SPIEGEL ONLINE unter Hinweis auf die beiden Insolvenzen des VfB und die drohende zweite des Lokalrivalen Sachsen, "das war kontraproduktiv, man hätte das intern ansprechen können". In einem anderen Punkt ist auch der Trainer ganz der Meinung des Präsidenten: "Wenn Lok die Rückkehr in den Profifußball schaffen würde, kämen ganz schnell 15.000 Zuschauer zu unseren Spielen, das schafft kein Retortenverein."

Auch Lisiewicz hat am Montag den "kicker" gelesen. Dort forderte der in Leipzig aufgewachsene Nationaltorwart René Adler angesichts der festgefahrenen Feindschaft zwischen Lok und Sachsen Leipzig einen kompletten Neuanfang in der Stadt: "Es wäre besser gewesen, einen unabhängigen Leipziger Verein zu gründen." Den "vielen neutralen Zuschauern" in der Stadt müsse man eine neue Heimat bieten. Lisiewicz sieht das anders. Retortenvereine hätten nur im fußballerischen Niemandsland eine Chance. In Leipzig sei die Situation hingegen eher mit der in München vergleichbar: "Im Schatten von 1860 und den Bayern spielt Unterhaching auch keine Rolle."

Auch Lisiewicz hat sich eine Karte für das Länderspiel gegen Liechtenstein gekauft - wie über 43.000 andere Fußballfans. Während beim Länderspiel gegen Norwegen in Düsseldorf große Lücken in der Arena klafften, ist die sportlich nicht sonderlich attraktive Partie gegen Liechtenstein seit Wochen ausverkauft. Das letzte Spiel von Sachsen Leipzig wollten an gleicher Stelle 2357 Menschen sehen.

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