Lahm gegen die Bayern Zehntausende Euro Strafe für eine zackige Analyse

Nicht genug, dass die Bayern in der Krise stecken: Jetzt kracht es noch zwischen der Vereinsführung und Verteidiger Philipp Lahm. Wegen einer scharfen Fehleranalyse in einem Interview soll er eine Rekordstrafe zahlen. Wie viel Kritik vertragen Hoeneß und Co. - und was trieb den Spieler zu der Attacke?


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Münchner Unruhe: Gesichter der Bayern-Krise
Hamburg - In zwei Wochen kommt die jüngere Vergangenheit nach München. Sie heißt Jupp Heynckes. In der vergangenen Saison saß er die letzten fünf Spiele als Trainer auf der Bayern-Bank. Blieb ungeschlagen. Rettete mit der direkten Champions-League-Qualifikation die von Diskussionen um Jürgen Klinsmann und seine Methoden dominierte Spielzeit. Dann wurde er wieder verabschiedet.

Seit Beginn der laufenden Saison stellt Heynckes nun das Team von Bayer Leverkusen auf und ein - und das ähnlich erfolgreich. Als einzige Bundesliga-Mannschaft ist es ungeschlagen. Kein Gast, den man in einer Krise gerne empfängt. Doch der Spielplan lässt Bayern München keine Wahl. Am Sonntag, 22. November, ist Anpfiff.

Mit dabei ist dann sicherlich Philipp Lahm. Trotz seiner Systemkritik in der "Süddeutschen Zeitung". Ein ganzseitiges Interview, das beim deutschen Rekordmeister anscheinend endgültig die Nerven blank gelegt hat. Eine Geldstrafe, wie es sie "beim FC Bayern München bisher nicht gegeben hat", hat der Vorstandvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge dem Verteidiger angekündigt. Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur dpa müsste sie damit über 50.000 Euro liegen. Auch Luca Toni wurde nach seinem verfrühten Abgang aus der Münchner Arena mit einer "empfindlichen Geldstrafe" belegt. Begründung: eine "unakzeptable Disziplinlosigkeit".

Der Italiener hat sich mittlerweile vor der Mannschaft für sein Verhalten entschuldigt. Auf Gleiches von Lahm warten die Verantwortlichen hingegen noch. "Vielleicht geht er ja noch in sich", sagte Rummenigge beim TV-Sender Sky.

Muss man als Mannschaftssportler das eigene Team öffentlich angreifen?

Die Schärfe der Pressemitteilung, mit der die Bayern-Verantwortlichen auf die Vorkommnisse des Wochenendes reagiert haben, macht deutlich, dass vor allem Lahm sie getroffen hat. Eine Fundamentalkritik, die ihr Wirken der zurückliegenden Jahre in Frage stellt. Das kann man sich nicht bieten lassen.

Die wütende Erklärung des FC Bayern im Wortlaut
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Strafe für Luca Toni
"Luca Toni hat sich am Samstag mit dem vorzeitigen und unerlaubten Verlassen des Bundesliga-Spiels und der Allianz Arena eine unakzeptable Disziplinlosigkeit erlaubt. Der Vorstand belegt ihn deshalb mit einer empfindlichen Geldstrafe. Luca Toni hat sich unabhängig davon mittlerweile beim Club und bei seinen Mannschaftskollegen für sein Verhalten entschuldigt."
Strafe für Philipp Lahm
"Philipp Lahm hat als stellvertretender Mannschaftskapitän mit einem Interview, in dem er öffentlich den Club, den Trainer und seine Mitspieler angegriffen hat in eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen:

1. Interviews müssen ausschließlich beim Club angefragt und organisiert und zum Autorisieren für den Spieler vorgelegt werden. Dies ist im Lizenzvertrag festgelegt und von jedem Spieler bestätigt.

2. Es ist ein absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Club, den Trainer und Mitspieler zu äußern.

'Gegen beide klare Absprachen hat Philipp verstoßen', erklärt Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. 'Wir sind enttäuscht, weil er als stellvertretender Kapitän hier eigentlich eine besondere Verantwortung für die Mannschaft und den Club trägt. Philipp Lahm wird deshalb mit einer Geldstrafe belegt, wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nicht gegeben hat.'"

Bleibt die Frage, wieso Lahm gegen bestehende Regeln verstoßen hat, sogar gegen solche, die er vertraglich akzeptiert hat (siehe Kasten oben). Dass offene Worte und auch konstruktive Kritik oft Positives bewirken können, steht außer Frage. Aber muss man als Mannschaftssportler das eigene Team öffentlich angreifen? Wieso riskiert man seinen Status im Teamgefüge? Lahm ist Stammspieler, um Profilierung kann es ihm kaum gehen.

Hoeneß vermutet Lahms Berater als Anstachler: "Ich sehe da die Handschrift von Roman Grill. Der meint sowieso, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat." Lahm hat in München noch einen Vertrag bis 2012 und vor der vergangenen Saison ein Angebot des FC Barcelona abgelehnt. Nun ist durch die sportliche Krise der angestrebte Champions-League-Sieg in weiter Ferne. Ein Schelm, wer da Böses denkt - von seiner Seite gab es zu dem Interview (siehe Wortlautauszüge), dem Motiv und den Folgen keine weitere Stellungnahme.

Philipp Lahm über...
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das drohende Champions-League-Aus
"Wenn man unsere Mannschaft mit anderen Top-Teams aus der Champions League vergleicht, dann sind diese eben auf sieben, acht Positionen strategisch erstklassig besetzt - und das fehlt uns. Wenn man sich mit Barcelona, mit Chelsea, mit Manchester United messen will - dann braucht man als FC Bayern eine Spielphilosophie. Das muss auch das Ziel des Vereins sein."
die Transferpolitik generell
"In der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich. (...) Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System. Man holt gezielt Spieler - und dann steht die Mannschaft. (...) So etwas gibt es bei uns nicht: Dass der Verein etwas vorgibt und alles darauf aufgebaut wird."
die Millionen-Transfers Gomez und Robben
"Der Verein muss sagen, wenn ein Trainer kommt: So spielen wir. (...) Wir haben jetzt viele Spieler, für die es in einem 4-3-3, das unser Trainer gerne spielen möchte, gar keine Position mehr gibt. Zum Beispiel unsere Stürmer. Wir haben wirklich gute Stürmer - aber beim 4-3-3 sitzen zwei, drei immer auf der Bank. Wenn ich einen Mario Gomez kaufe, muss ich sagen: Okay, dann spielen wir mit zwei Spitzen. Und wir haben ja auch in der gesamten Vorbereitung nur 4-4-2 gespielt. Und dann kommt plötzlich Robben, ein toller Spieler, der zu uns passt - und der am liebsten im 4-3-3 spielt. (...) Man darf die Spieler nicht einfach kaufen, weil sie gut sind."
die Stellen, an denen es besonders hakt
"Wir brauchen im Mittelfeld Spieler, die man aus der Abwehr immer anspielen kann. (...) Ich glaube einfach, unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. (...) Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? (...) Und dann holt man zum Beispiel Anatoli Timoschtschuk, eine Art zweite Nummer sechs - aber dann spielt man nach Robbens Transfer plötzlich wieder nur mit einer Nummer sechs!"
van Gaals Anteil an der Krise
"Ich glaube schon, dass wir jetzt den Trainer haben, der den Bau einer Mannschaft hinbekommen kann. (...) Er ist sicher auch manchmal schwierig im Umgang für viele Spieler. Aber er ist bestimmt kein Unmensch, er verlangt keine Undinge von uns. Es braucht noch Zeit, aber ich bin der Überzeugung, dass er ein guter Trainer ist. (...) Viele haben noch so eine Mischung aus Respekt und Angst. (...) Aber ich denke, dass wir trotz der bisherigen Ergebnisse auf dem richtigen Weg sind mit diesem Trainer. Im Vergleich zum letzten Jahr habe ich Hoffnung, weil ich Struktur erkennen kann. Man sieht eine Handschrift. Trotzdem muss sich natürlich einiges ändern."
"Er ist über das Ziel hinausgeschossen. Sie können sich sicher sein, dass er das Interview noch bedauern wird", hatte Hoeneß schon verärgert nach dem 1:1-Remis gegen Schalke gesagt. "Er hat eindeutig gegen die Regeln verstoßen." Mit seiner Wortwahl hatte Lahm den Funktionär zwar nicht direkt angegriffen, letztlich aber doch das Gesamtkonzept der Bayern-Führung in Frage gestellt.

Dass Hoeneß getroffen ist, zeigt auch seine sportliche Kritik an Lahm, die er sonst selten so deutlich äußert (siehe Zitate-Kasten unten): "Die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat Philipp Lahm ziemlich exklusiv." Der Verteidiger will in der Abwehr rechts spielen, obwohl ihn viele links für besser halten.

Uli Hoeneß über…
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das Interview von Philipp Lahm
"Das Interview ist nicht in Ordnung, das wird uns Philipp Lahm erklären müssen. Das war nicht klug, vor so einem wichtigen Spiel, das hätte er besser nicht gegeben. Wir werden das in aller Ruhe besprechen - in meinem Büro. Sie können sich sicher sein, dass er das Interview noch bedauern wird. Er hat eindeutig gegen Regeln verstoßen. (...) Wir haben ja bisher auch nicht öffentlich darüber geredet, dass er ein besserer Linksverteidiger als ein Rechtsverteidiger ist. Die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat er sowieso ziemlich exklusiv."
seine Vermutungen über Lahms Motiv
"Ich sehe da die Handschrift von Roman Grill (Lahms Berater, d.Red). Der würde gerne bei uns arbeiten, nachdem man ihn in Hamburg nicht genommen hat. Der meint sowieso, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Auch für ihn wird es keine gute nächste Woche. Der will uns ja irgendwann auch wieder mal einen Spieler verkaufen."
mögliche Folgen des Interviews
"Bruno Labbadia hat auch mal vor einem wichtigen Spiel ein sehr unglückliches Interview gegeben. Und ich glaube, das hätte er besser nicht getan." (Labbadia hatte am Tag des letztjährigen Pokalendspiels ebenfalls ein streitbares Interview gegeben - nach der Niederlage gegen Bremen war für den heutigen HSV-Coach Schluss in Leverkusen)
Luca Toni, der das Stadion vorzeitig verlassen hat
"Auch darüber werden wir in der nächsten Woche sprechen. Das ist natürlich nicht in Ordnung, wir haben das registriert."
die Stellung von Louis van Gaal
"Wir haben die Position von Louis van Gaal bisher nie in der Öffentlichkeit diskutiert, und wir werden das auch in Zukunft nicht tun. Wir sollten bis Weihnachten in aller Ruhe weiterarbeiten. In fünf, sechs Wochen ist dann der Zeitpunkt gekommen, Bilanz zu ziehen."

Hoeneß dürfte der ganze Krach doppelt sauer aufgestoßen sein, denn für seinen Abschied vom Managerposten des Vereins hätte er sich sicher glamourösere Begleitumstände gewünscht. Eigentlich war die Hauptversammlung des FCB am 27. November als feierlicher Stabwechsel von Franz Beckenbauer zu Hoeneß im Präsidentenamt des Rekordmeisters geplant - nun dürfte die Agenda um einige Programmpunkte erweitert werden. Immerhin umging Lahms brisantes Interview alle Autorisierungsinstanzen des Clubs und landete ohne Wissen der Bayern-Verantwortlichen in der Zeitung.

Unterstützung bekommt Lahm dagegen von einem ehemaligen Kollegen. Oliver Kahn galt während seiner Profilaufbahn kaum als Leisetreter - und zeigt Verständnis für die klaren Worte des Verteidigers: "Es ist wichtig, dass es Spieler gibt, die Verantwortung übernehmen. Das gehört auch zum Entwicklungsprozess eines Spielers, dass er mal aneckt", sagte Kahn dem DSF am Rande des Deutschen Sportpresseballs.

Auch der zweite Störenfried des Nachmittags, Stadionflüchtling Luca Toni, erfuhr moralischen Beistand. "Es ist immer schwer, wenn man als Spieler in der Halbzeit ausgewechselt wird. Es gibt immer Situationen im Leben, die man nicht ändern kann", sagte Schalke Angreifer Kevin Kuranyi am Samstag in München. Kuranyi selbst war vor etwa einem Jahr in der Halbzeitpause des Länderspiels Deutschland gegen Russland (2:1) in Dortmund vorzeitig und frustriert aus der Arena geflohen. Am Tag danach warf Bundestrainer Joachim Löw den Angreifer für die Dauer seiner Amtszeit aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Eine Begnadigung lehnte Löw mehrfach ab.

In dem Getöse nach dem Spiel ging im Übrigen ein weiteres Indiz für die Dünnhäutigkeit des Bayern-Personals beinahe unter. Nach 56 Minuten hatte Offensivmann Arjen Robben seinen Gegenspieler Lukas Schmitz mit einem rüden Rempler zu Boden geschickt - und dafür nur die Gelbe Karte gesehen.

Zwar hatte Schmitz den Niederländer zuvor, ebenfalls wenig zimperlich, von den Beinen geholt, Robbens Reaktion sprach jedoch Bände. "Das war dumm", sagte der Angreifer dann auch kleinlaut in der "Bild am Sonntag".

fsc/jok/sid

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Seite 1
Dylan1941, 08.11.2009
1.
Nö, Bayern zerbricht und das ist auch gut so.
Pinarello, 08.11.2009
2.
Zitat von sysopPhilipp Lahm mit Fundamentalkritik, Luca Toni mit Stadionflucht, das Team im Niemandsland der Tabelle. Was läuft schief beim FC Bayern? Können Trainer und Management die Saison noch retten? Diskutieren Sie mit.
Das Thema wäre nach dem kommenden Spieltag, wenn der FC Bayern beim Tabellenführer Bayer Leverkusten gespielt hat wirklich zutreffender gewesen, da konnte es ein SPON-Praktikant wohl nicht erwarten.
irobot 08.11.2009
3.
Zitat von PinarelloDas Thema wäre nach dem kommenden Spieltag, wenn der FC Bayern beim Tabellenführer Bayer Leverkusten gespielt hat wirklich zutreffender gewesen, da konnte es ein SPON-Praktikant wohl nicht erwarten.
Bayern spielt zu Hause gegen Leverkusen. Nichtdestrotz wird das wohl die letzte Chance für van Gaal sein. Wenn die das Spiel nicht gewinnen (man schaue nur auf die Statistik), dann rollen Köpfe. Denn dann wird Uli Hoeneß zum Robespierre.
adminestrator 08.11.2009
4. Lahm hat doch recht!
Die Aussagen von Philipp Lahm sind präzise und korrekt! Bisher hatte keiner dem Mut gehabt, dies auszusprechen. Dass Uli Hoeneß darauf so sauer reagiert und Lahm und dessen Berater Roman Grill so forsch angreift, ist sicher mit der allgemeinen Unzufriedenheit zu erklären. Er kann ja nicht gut zugeben, dass Lahm einige Gründe dafür gefunden hat, weshalb es beim FC Bayern momentan nicht so läuft wie es sich die Verantwortlichen wünschen mögen. Letztlich spricht der Tabellenplatz Nr. 8 und das bevorstehende Aus in der CL doch die deutlichste Sprache.
thiber 08.11.2009
5.
Es hängt sehr stark von den kommenden Personalentscheidungen ab, ob der FC Bayern wieder durchstartet. Substanz ist beim Verein mehr als genug vorhanden. Bei der Konkurrenz gibt es auch keine Überflieger. Richtiger Trainer, Weitergabe der Vereinsführung an eine Folgegeneration (ist ja teilweise bereits im Laufen) und dann gewinnt der FC Bayern wieder seine 3 bis 6 Meisterschaften pro Dekade.
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