Langzeitpatient Brdaric: Der Traum vom Comeback im Nationalteam

Knie kaputt, Hoffnung intakt: Trotz seiner schweren Verletzung hofft Stürmer Thomas Brdaric auf eine Rückkehr in den Profi-Fußball. Der Hannoveraner träumt gar von der Nationalelf, wie "11 FREUNDE"-Autor Andreas Bock bei einem Besuch im Rehazentrum erfuhr.

Thomas Brdaric atmet tief ein. Es duftet nach gemähtem Rasen, nach Frühling, und irgendwie nach Neuanfang. Die Netze sind in die Tore gespannt und auf der Tartanbahn liegen vier aufgepumpte Bälle. Ob Alfred Achterlik, Trainingstherapeut des Gelsenkirchener Rehazentrums Medicos, ihn später noch spielen lässt?

Nationalspieler Brdaric (2004): Lange nicht dabei gewesen
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Nationalspieler Brdaric (2004): Lange nicht dabei gewesen

Brdaric ist seit Anfang Januar hier, heute trainiert er zum ersten Mal im Freien. Zusammen mit dem Duisburger Stefan Blank schaut er hinüber zur Veltins-Arena, die, nur wenige hundert Meter entfernt, für sie wie ein ferner Wunschtraum erscheint.

Plötzlich fällt Brdaric ein Ball vor die Füße – zwei, drei, vier, fünf Mal hält Brdaric den Ball in der Luft, dann springt ihm der Ball vom Fuß. "Sieht doch klasse aus", ruft einer der Nachwuchsspieler, die auf dem Rasen kicken.

"Heute ist ein guter Tag", sagt Brdaric, "es ist super, dass ich mal wieder Stadionluft schnuppere. Das ist wichtig für mich. Das ist ja hier auch eine Kopfsache." Brdaric macht Fortschritte. Erstmals seit 18 Monaten hat der 33-Jährige das Gefühl, dass ein Comeback als Fußballprofi, an dem er einige Male zweifelte, doch noch möglich ist.

Sein Leidensweg begann im Oktober 2006. Damals spielte Brdaric mit Hannover gegen den Hamburger SV. Im Spiel, erinnert er sich, knickte er um, ein kurzer Schmerz, doch schon nach wenigen Sekunden konnte er weiterspielen. Erst während des Auslaufens spürte Brdaric ein konstantes Stechen, eines, das so schmerzhaft war, dass er vom Platz getragen werden musste. Die Diagnose: Meniskusriss.

"Nun hat es also auch mich mal erwischt, dachte ich", sagt Brdaric, der bis dahin keine schwerwiegenden Verletzungen erleiden musste. Der Meniskus wurde geflickt und der Stürmer in der Gewissheit gelassen, dass er nach vier bis sechs Wochen wieder spielen könne. Doch die Schmerzen blieben, Brdaric wurde fit gespritzt, oft sogar vor dem Training. Es half alles nichts. Im Februar 2007 die zweite Operation. Erneut die Diagnose: Meniskusriss.

Wieder flickten Ärzte im rechten Knie von Brdaric herum. Dass der Knorpel im Knie bereits beschädigt war, bemerkte niemand. "Es gibt da viele Blinde", redet sich Brdaric in Rage. Dann aber schüttelt der frühere Leverkusener einfach nur den Kopf. Namen von "Pfuschern" will er nicht nennen, er würde sich um Kopf und Kragen reden. Wie so häufig in der Vergangenheit.

Als Brdaric im Mai 2007 zwei Mal für Hannover spielt, keimt bei den Fans Hoffnung auf. Dass er die Partien nur übersteht, weil er mit Medikamenten voll gepumpt ist, wissen die wenigsten. Auch Brdaric ist anfangs euphorisch. "Das muss man selbst erlebt haben, um es zu fühlen", sagt er, "ich habe einfach alles genommen, was der Schmerzmittelschrank hergibt. Dann ging es plötzlich."

Wieder ein ungläubiges Kopfschütteln. "Du denkst: Super, was der Arzt mir gespritzt hat, ist ja der Hammer." Doch der Hammer hat nur Kurzzeitwirkung und bringt eines ganz sicher nicht: Heilung. Im Sommer 2007 schwillt das Knie wieder an. Vom Karriereende ist zu lesen, Brdaric aber will nicht aufgegeben. Er fängt an, selbst zu forschen, er will wissen, was mit seinem Knie nicht in Ordnung ist.

"Die Verletzung bestimmte mein ganzes Leben", sagt Brdaric, "ich lief die meiste Zeit wie benebelt umher, nicht nur beim Training, sondern auch zu Hause bei der Familie." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Ich wollte wieder normale Dinge tun können. Ich wollte wieder leben können."

Im August 2007 sucht Brdaric eine Klinik in Augsburg auf. Dieses Mal zeigt die Kniespiegelung einen Schaden, der schon früher hätte entdeckt werden können: der Knorpel im rechten Knie hängt in Fetzen. In der dritten Operation binnen eines Jahres nimmt der Spezialist Ulrich Boenisch Einbohrungen im Kniebereich vor. "Microfraction nennt sich das", sagt Brdaric. Er sei, scherzt er, mittlerweile ein größerer Knieexperte als mancher Arzt.

Bei der "Mikrofrakturierung", die vom US-Orthopäden Richard Steadman erfunden wurde, wird Eigenknorpel in die Bohrlöcher des Meniskusbereiches transplantiert, so soll die Bildung von neuem Knorpel angeregt werden. Nach der Operation ist Brdaric zum Nichtstun verdammt: Über zwei Monate sitzt er zu Hause auf dem Sofa, sein Bein in einen mechanischen Bewegungsapparat eingespannt, seine Augen auf den Fernseher gerichtet. "Natürlich kommen da Zweifel auf. Doch es musste einfach weiter gehen, ich wollte unbedingt."

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