Antisemitismus in Italien Wie der Fußball auf die Schandattacke der Rechtsextremen reagiert

Seit Jahren hat Italiens Fußball ein Problem mit Rechtsextremismus, die Verhöhnung von Anne Frank ist da nur eine Episode. Der Verband kämpft mit eindrucksvollen Aktionen dagegen an - entschiedener als die Politik.

Bild von Anne Frank im Stadion von Bologna
REUTERS

Bild von Anne Frank im Stadion von Bologna


Eine derart machtvolle Demonstration gegen Antisemitismus hat der europäische Fußball noch nicht gesehen: Zum zehnten Spieltag der Serie A am Dienstag und Mittwoch liefen die Spieler in T-Shirts ein, die sie über ihre Trikots gezogen hatten. "Nein zum Antisemitismus" stand darauf, darüber prangte ein Porträt des von den Nazis ermordeten deutsch-jüdischen Mädchens Anne Frank. An die Einlaufkinder wurden Exemplare des "Tagebuchs der Anne Frank" und der autobiografische Bericht "Ist das ein Mensch?" des italienischen Auschwitz-Überlebenden Primo Levi verteilt. Die Stadionsprecher verlasen eine Passage aus dem Frank-Tagebuch, anschließend ordneten sie für eine "Reflexionsminute" Stille an. Erst dann wurde gespielt.

Die Aktion war würdig, angemessen, beeindruckend. Andere Länder sollten sich an Italien ein Beispiel nehmen, wo der Fußball die Provokation einer Minderheit von Hooligans zum Anlass nahm, eindeutig und unübersehbar Stellung zu beziehen. Der Erinnerungstag in der Bundesliga, an dem in deutschen Stadien der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar 1945 gedacht wird, wurde vor Jahren aus Italien importiert. Im Land der Täter war zuvor niemand auf die Idee gekommen.

Diesmal reagierte der italienische Fußballverband umgehend auf den perfiden Einfall einer Ultra-Gruppe im römischen Olympiastadion. Mitglieder der "Irriducibili" (Unbeugsame), einer Organisation rechtsextremer Fans von Lazio, hatten auf Sitze und Plexiglasabsperrungen der Südkurve Sticker mit einer Fotomontage geklebt. Darauf zu sehen war ein Porträt von Anne Frank im gelbroten Trikot des Lokalrivalen AS Roma. Es gab auch andere Aufkleber mit unmissverständlichen Botschaften: "Romanista Ebreo" ("Roma-Anhänger sind Juden") und "Romanista Frocio" ("Schwuchtel"). Inzwischen sind gegen 13 Ultras Stadionverbote verhängt worden.

Die Empörung war riesig - aber keineswegs einhellig

Die Sticker waren nicht neu, sie kursieren seit Jahren bei den "Irriducibili" - und nicht nur dort. Diesmal sorgten die "Irriducibili" dafür, dass man sie bemerkte. Sie machten Fotos und verbreiteten sie über die sozialen Netzwerke. Die Empörung war riesig. Aber sie war keineswegs einhellig.

  • In Turin sangen Ultras des Rekordmeisters Juventus während der Lesung aus dem Tagebuch demonstrativ die Nationalhymne. In einer Pressemitteilung erklärte die "Viking Juve 1986", eine ultrarechte Fangruppe, sich mit den Freunden von Lazio solidarisch, wandte sich gegen "rührselige Erinnerungen" und attackierte die "Lügenpresse".
  • In Rom übertönten die Tifosi der AS die Antisemitismus-Aktion mit ihrem Fangeheul.
  • Und in Bologna schrie der mitgereiste Anhang von Lazio einen Slogan des faschistischen Diktators Benito Mussolini: "Juckt mich nicht!" Dazu rissen viele den rechten Arm nach oben, zum Faschistengruß.

Dass der Fußball in Italien ein Problem mit rechtsextremen Fanorganisationen hat, ist seit Jahren bekannt. Ungefähr 8000 Ultras sollen rechtsextrem sein, das ist eine durchaus überschaubare Minderheit angesichts von Millionen Fußballfans. Das italienische Innenministerium zählt 328 aktive Ultra-Gruppen, von denen knapp die Hälfte eine klare politische Ausrichtung haben. Darunter seien 40 rechtsextrem, 45 rechts, 33 links und 21 linksextrem. Neofaschistische, organisierte Fans haben unter anderen Juventus, der FC Turin, Inter, Hellas Verona und die beiden römischen Erstligaklubs.

Was in den Stadien geschieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Seitdem Silvio Berlusconi 1994 erstmals eine Regierung mit neofaschistischen Ministern bildete, ist ein Tabu gebrochen und der antifaschistische Konsens im Parlament Geschichte. In puncto Vergangenheitsbewältigung befindet sich Italien noch im Jahre null.

Im Kampf gegen rechts ist der Fußball entschiedener als die Politik

Zurzeit ist im Senat mal wieder ein Gesetz anhängig, das die Verbreitung neofaschistischer Propaganda und faschistischer Devotionalien wie der an jedem Zeitungskiosk erhältlichen Mussolini-Kalender unter Strafe stellt. Dagegen stemmen sich die rechtskonservative Kleinstpartei "Fratelli d'Italia", Berlusconis Forza Italia und die ultrarechte Lega Nord, aber auch die Fünfsternebewegung des Populisten Beppe Grillo. Letztere wähnt in der Strafverfolgung des Hitlergrußes eine Beschneidung der Meinungsfreiheit. Kein Politiker dieser Oppositionsparteien hielt es für nötig, die Schandattacke der "Irriducibili" zu verurteilen. Außer Antonio Tajani von "Forza Italia", aber der ist auch EU-Parlamentspräsident.

Im Kampf gegen rechts ist der Fußball seit Jahren viel entschiedener als eine im moralfreien Raum taktierende Politik. Wer heute im Fußball als Faschist auftritt, wird sanktioniert, im Parlament setzt es allenfalls einen Ordnungsruf. Früher gab es in der Serie A Spieler, die rechtsextreme Positionen vertraten, etwa Paolo di Canio von Lazio oder den Mussolini-Verehrer Christian Abbiati von der AC Mailand.

Sinisa Mihajlovic, ebenfalls früher bei Lazio und heute Trainer des FC Turin, bekannte sich zur Freundschaft mit dem faschistischen serbischen Kriegsverbrecher Zeljko Raznatovic. Als er jetzt auf die schändlichen Fotomontagen der "Irriducibili" angesprochen wurde, sagte Mihajlovic, er kenne Anne Frank überhaupt nicht. Kurz danach entschuldigte er sich für seine "Wissenslücke" und präzisierte, er sei kein Rassist: "Wie denn auch, ich werde ja selbst dauernd beleidigt." Das stimmt. Gegnerische Fans verhöhnen Mihajlovic seit Jahren als "Zigeuner."



insgesamt 6 Beiträge
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george2013 27.10.2017
1. Faschismus nach Lust und Laune
In Italien darf jeder ungestraft seinen ganz persönlichen Faschismus nach Lust und Laune ausleben. So gibt es weiter Souvenirläden, in denen Weinflaschen das Konterfei von Mussolini oder Hitler tragen. In einem kleinen Städtchen im Friaul wurde uns eine Art deutsch-italienische "Halle der Freundschaft und Tradition" gezeigt. In der befanden sich auch Fahnen einer ehemaligen SS-Kameradschaft. Schließlich habe man sich "in den so schwierigen Zeiten" aufeinander verlassen können," sagte der (Stadt)-"Führer" dort. Schon in den 50er Jahren habe man sich wieder getroffen. Mit Nazitum habe das aber "nichts zu tun", hieß es. Es handele sich vielmehr um aufrichtige "Kameradschaftspflege". Na, denn...
Affenhirn 27.10.2017
2. Ghetto
Italien hat immerhin eine weitreichende Historie, was Judendrangsalierung betrifft. Das Wort Ghetto bezeichnete ursprünglich einen Stadteil in Venedig, in dem die Juden zwangsweise wohnen mussten. Das war bereits im Jahre 1516.
tomkey 27.10.2017
3. In Deutschland
Und in Sachsen geht der sächsische Fußballverband gegen Fans von Roter Stern Leipzig vor, die sich mit Aktionen gegen Nazis und Gewalt beim Fußball positionieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/roter-stern-leipzig-nazis-raus-gilt-in-sachsen-als-provokation-a-1173755.html Nestbeschmutzer sind da unerwünscht. Leider nimmt es in anderen, auch westlichen Bundesländern mit rechtsextremen und rassistischen Umtrieben im Fußball zu. Siehe die Fanszene in Braunschweig, Aachen oder in Dortmund. "Verharmlosung" ist da noch milde ausgedrückt
thomas.groeschl 28.10.2017
4. Der Fussball reagiert - der Staat schweigt
Das ist halt die typische Reaktion des Staates , Andere verantwortlich machen und selbst die Hände in den Schoß legen. Diese Verrückten sind das Ergebnis einer falschen Gesellschaftspolitik und nicht auf ein Fehlverhalten von Fussballvereinen zurück zu führen Es sind ja nicht einzelne Vereine die Probleme haben, sondern alle Vereine - auch wenn meist nur Ostvereine es in die Schlagzeilen schaffen.Müssen Vereine demnächst noch Strafen zahlen weil in ihren Städten die AFD gewählt wird?
alles.auf.horst 28.10.2017
5. DFB/DFL sollten sich daran ein Beispiel nehmen!
Der in Beitrag 3 verlinkte Beitrag über die Partie zwischen TSV Schildau gegen Roter Stern Leipzig sagt alles. In Deutschland bekommt eine Mannschaft Ärger dafür, dass sie mit "Nazis raus!" Shirts auf dem Spielfeld aufläuft. Ärger mit dem Schiedsrichter, welcher der Meinung ist, dass diese Mannschaft damit provoziert. Ärger vom sächsischen Fußballverband, der sich dazu aber nicht äußern möchte. Und die Fans des Vereins, die ebenfalls mit diesen Shirts ins Stadion gekommen sind, werden von der Polizei aufgefordert die Shirts auszuziehen. Statt dessen hat der TSV Präsident keine Nazis im Stadion gesehen, auch der Platzsturm findet durch ihn keine Erwähnung. Meiner Meinung nach ist das genau das Problem, welches im 4. Beitrag beschrieben wird. Die Gesellschaftspolitik hat versagt. Zuschauer, Offizielle, Vereinsvertreter und Polizei stellen sich gegen Menschen, die ein Statement gegen rechts machen. Gerade im Hinblick auf die Reaktionen des italienischen Verbands ist sowas für mich einfach nur hochnotpeinlich und sollte personelle Konsequenzen mit sich bringen! Zu guter Letzt @spon: Liebe Redaktion! Ich verstehe es ja, wenn ihr Beiträge nicht veröffentlicht, die z.B. die Menschenwürde verletzen, beschimpfen, unflätig sind, Fakten verdrehen bzw. blank vor sich hingelogen sind. Dass ihr allerdings einen Beitrag streicht, welcher sich sehr deutlich und faktenbasiert mit den Vorgängen des Entnazifizierungsprozesses in der DDR und seinen gesellschafspolitischen Folgen bis heute beschäftigt, das wundert mich durchaus. Mag ja sein, dass mein Beitrag nicht weichgewaschen neutral war, aber ewähnte Problematik ist unterlegt durch Statistiken, wissenschaftliche Auswertungen und Publikationen. Muss ich demnächst für jede meiner Aussagen zur Gesellschaftskritik eine Quelle angeben? Es würde mich freuen, wenn ihr als Presseorgan eurer Verpflichtung nachkommt, die Realtität nicht euren Wünschen anzupassen, sondern sie zu zeigen wie sie ist. Das ist nicht immer bequem, aber gerade im Umfeld von "Fake"- und Lügenpresse Diskussion sogar dringend notwendig. MfG alles.auf.horst
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