Lehmann-Interview: "Im Moment mache ich gar nichts"

Heute Abend wird Jens Lehmann im Testspiel gegen Japan das Tor der deutschen Nationalmannschaft hüten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Deutschlands Nummer eins über Rituale, sein Verhältnis zu Oliver Kahn und sein Geheimrezept, um entspannt in die WM zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lehmann, Sie wirken sehr entspannt und gelöst.

Jens Lehmann: Das hier war die erholsamste Woche, die ich im ganzen Jahr hatte. Alle sind entspannt, das Umfeld war wunderschön, direkt am Genfer See. Diese Stimmung überträgt sich auf alle Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Am Abend spielt das DFB-Team in Leverkusen gegen Japan, mit der Ruhe dürfte es dann vorbei sein.

Torhüter Lehmann: "Ich liebe Fußball"
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Torhüter Lehmann: "Ich liebe Fußball"

Lehmann: Das stimmt, hier hat man vor dem Hotel zehn Autogramme gegeben, ist dann zum Training gefahren und wieder zurück. In Deutschland ist das etwas anderes. Natürlich ist die Begeisterung der Menschen sehr positiv, aber wir sind dieser Stimmung in den kommenden vier Wochen ausgesetzt. Das ist ungewöhnlich für deutsche Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon gespürt, dass Sie als Nummer eins im deutschen Tor anders wahrgenommen werden? Es gab Lehmann-Sprechchöre beim Spiel gegen Luxemburg in Freiburg.

Lehmann: Ich werde vor allem wegen meiner guten Leistungen mit Arsenal wahrgenommen. Und außerdem: Bisher war ich nur im Trainingslager hier in der Schweiz, bis auf den kurzen Abstecher zum Test in Freiburg. Ich weiß nicht, was in Leverkusen gegen Japan passieren wird und in den vier WM-Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie es manchmal als ungerecht, dass Torhüter immer so im Mittelpunkt stehen?

Lehmann: Nein, man muss das verstehen: Beim Torwart sieht man am deutlichsten, wenn ein Fehler gemacht wird. Das kann man nicht ändern. Aber deshalb habe ich es mir ja auch abgewöhnt, die Kommentare der sogenannten Experten zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass Sie das die kommenden vier Wochen durchhalten können?

Lehmann: Das weiß ich. Ich kann ausklammern, was über mich geschrieben wird. Die Reaktionen der Fans werde ich natürlich mitbekommen, das will ich ja auch, und ich hoffe, dass sie begeistert sein werden von unseren Spielen.

SPIEGEL ONLINE: Beschäftigen Sie sich schon mit den möglichen Gegnern bei der WM?

Zur Person
Jens Lehmann (36) erlebt das wohl turbulenteste Jahr seiner Karriere. Im April wurde er von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zur Nummer eins im deutschen Tor bestimmt. Im Mai stand der Schlussmann des FC Arsenal im Finale der Champions League, wo sein Team 1:2 gegen den FC Barcelona verlor. Lehmann wurde in dieser Partie vom Platz gestellt. Der gebürtige Essener begann bei der DJK Heisingen das Fußballspielen, holte 1997 mit dem FC Schalke 04 den Uefa-Cup und 2002 mit Borussia Dortmund die deutsche Meisterschaft. Außerdem spielte er beim AC Mailand. Sein erstes Länderspiel für die DFB-Auswahl bestritt er am 18. Februar 1998 in Maskat beim 2:0 gegen den Oman. Mittlerweile hat es Lehmann auf 30 Einsätze im Nationaltrikot gebracht.
Lehmann: Im Moment mache ich gar nichts, ich lese nicht und schaue auch kein Fernsehen. Häufig ist es doch so: Man fängt an, etwas zu lesen, und dann stört man sich an irgendwas. Das muss ja nicht mal über einen selbst sein. Der DFB stellt normalerweise immer Zeitungen zur Verfügung, die Trainer haben das hier in Genf nicht gemacht. Ich finde, das war eine sehr gute Maßnahme. Man kommt nicht in Versuchung.

SPIEGEL ONLINE: Auch an das WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am 9. Juni haben Sie noch keinen Gedanken verschwendet?

Lehmann: Nein, für mich ist das Spiel gegen Japan präsent. Dann geht’s weiter. Fragen Sie mich nächste Woche noch mal, dann wird es wahrscheinlich so sein, aber jetzt noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einem Ritual.

Lehmann: Mit Arsenal habe ich in der vergangenen Saison immer mittwochs und samstags gespielt, da entwickelt sich das. Nach einem Spiel denke ich auf der Heimfahrt noch darüber nach, vielleicht auch noch in der Nacht, je nachdem, ob man schlafen kann oder nicht. Am nächsten Morgen beginnt schon die Konzentration auf das nächste Spiel, weil die Abstände so kurz sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht so eine Konzentrationsphase aus?

Lehmann: Ich schalte am Tag nach dem Spiel ab und mache nur Regenerationstraining. Ich komme ja auch nach Hause zu meiner Familie. Wenn ich auch dort nur die nächste Partie im Kopf hätte und andauernd auf diesem hohen Anspannungs-Niveau wäre - ich würde wahrscheinlich gar nicht mehr runterkommen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie vor dem Spiel auch Rituale?

Lehmann: Ja, aber die verrate ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum darf man so ein Ritual nicht ausplaudern? Weil dann der Zauber verfliegt?

Lehmann: Was heißt schon Zauber? Wenn es gut läuft, ist immer alles schön. Aber in schlechten Phasen werden solche Sachen hervor geholt - das ist nicht mein Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind abergläubisch?

Lehmann: Ja. Nicht über die Maßen, aber ein bisschen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb auch die Rückennummer 9 abgegeben, die sie vor der Kadernominierung hatten?

Lehmann: Einige Kollegen haben mir gesagt, dass ich die 9 behalten soll. Aber ich habe immer mit der 1 gespielt. Wahrscheinlich hatte das ein bisschen mit Aberglauben zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit läuft es richtig gut für Sie. Sie sind die Nummer eins im deutschen Tor, wohl auch, weil Sie ein mitspielender Torwart sind. Birgt diese Spielweise nicht auch Risiken?

Lehmann: Das liegt in der Natur meines Spiels, es ist wesentlich risikoreicher als das eines Torwarts, der nur auf seiner Linie bleibt. Aber wenn ich das so machen würde, wäre ich nicht zur Nummer eins geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen sehr viel während des Spiels. Ihr Club Arsenal hat mal eine Studie gemacht, laut der bei Ihnen fünf bis sechs Kilometer pro Partie zusammenkommen.

Lehmann: In der Studie hatte ich auf einmal den gleichen Wert wie ein Feldspieler. Das war die Hinrunde, in der wir miserabel gespielt haben, dann laufen einige plötzlich weniger. Das kennzeichnete also nicht so sehr meine Leistung sondern die schlechte Phase, die wir damals hatten. Wenn ein Team gut spielt und alle mitmachen, komme ich nie an den Kilometer-Wert eines Feldspielers heran.

SPIEGEL ONLINE: Diskutiert wurde zuletzt besonders über die Abwehrspieler. Können Sie ihre Vorderleute nach dem Trainingslager schon gut einschätzen?

Lehmann: (lacht) Jeden Tag besser.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen bestimmt auch schon, wer in der Abwehr spielen wird.

Lehmann: Nein. Ich habe auch keine Präferenzen, ich bin ja erst eine Woche im Training, die Entscheidung müssen die Trainer treffen. Ich als Spieler kann das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mit Oliver Kahn darüber gesprochen, warum jetzt Sie im Tor stehen und nicht er?

Lehmann: Nein, das ist eine Entscheidung des Trainerstabes, die auch umgekehrt hätte laufen können. Darüber reden wir untereinander nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie nehmen sich dieses Gespräch auch nicht für die WM vor?

Lehmann: Nein, das plane ich nicht. Ich muss mich auf andere Sachen konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Und denkt Oliver Kahn darüber genauso?

Lehmann: Sicher, das habe ich doch bei den vorangegangenen Turnieren erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica findet ausgerechnet in der Allianz-Arena statt. Mit dem Stadion verbinden Sie ja keine guten Erinnerungen. Mit der DFB-Elf spielten Sie zur Eröffnung dort gegen Bayern München, es gab hämische Rufe gegen Sie und Pfiffe nach einem Rempler gegen Bastian Schweinsteiger.

Lehmann: Es hat keinen Sinn, zurückzublicken. Damals saß ich danach im Bus und wusste, das hier ist nicht ohne Grund passiert. Ich habe zu mir gesagt: Nächstes Jahr spielst du hier wieder, so wird es kommen. Dieses Spiel hat im Nachhinein seinen Sinn gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Welchen?

Lehmann: Den, dass ich jetzt wieder spielen darf. Das war damals noch nicht klar.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht Ihre eigene Zukunft nach der WM aus? Können Sie sich vorstellen, auch in der Nationalmannschaft weiter zu spielen?

Lehmann: Ich will erstmal ein gutes Turnier spielen, dann sehen wir weiter. Aber ich liebe Fußball und ich bin fit.

SPIEGEL ONLINE: Mit Verlaub, Sie sind schon 36.

Lehmann: Aber ich bin fitter als mit 30. Und ich bin immer mit jungen Spielern zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr gefühltes Alter?

Lehmann: 26.

Das Interview in Genf führte Christian Gödecke

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