WM-Verzicht auf Leroy Sané Löw ist nicht Guardiola

Bundestrainer Joachim Löw verzichtet für die WM auf Leroy Sané, einen der Stars der Premier League. Die Gründe dafür kann man sich vorstellen - überzeugend sind sie nicht.

Porträt von Leroy Sané
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Porträt von Leroy Sané

Aus Eppan berichtet


Normalerweise ist die Aufregung über das Zusammenstreichen des WM-Kaders nach einer guten Stunde vorbei. Kurzes Adrenalin bei den Journalisten, nachvollziehbare Enttäuschung bei den Spielern, die es trifft. Abhaken, aufs Turnier schauen. Vor vier Jahren vor dem Weltmeister-Turnier traf es in zwei Etappen erst André Hahn, Leon Goretzka, Max Meyer und Marcell Jansen, dann Shkodran Mustafi, Marcel Schmelzer und Kevin Volland. Man musste es nachlesen, um sich zu erinnern.

Dass es diesmal anders ist, liegt an der Personalie Leroy Sané.

Bundestrainer Joachim Löw verzichtet auf einen der auffälligsten Spieler der Premier League, er verzichtet auf einen der Top-Scorer Europas, er verzichtet auf den Young Player of the Year in England. Da muss man sich schon fragen, was das soll.

Rückfragen waren nicht gestattet

Eine öffentliche Begründung Löws für diese überraschende Entscheidung gab es zunächst nicht, der Bundestrainer trug vor der Presse lediglich die vier Namen der gestrichenen Spieler vor und gestattete keine Rückfragen: Neben Sané traf es die Leverkusener Bernd Leno und Jonathan Tah, sowie Stürmer Nils Petersen.

Den Freiburger hatte Löw erst vor drei Wochen als Neuling in den vorläufigen Kader berufen, hatte ihn mehrfach öffentlich ausdrücklich gelobt, jetzt schickt er ihn schon wieder heim. So wie er es vor der EM 2012 auch mit dem damals 18-jährigen Julian Draxler getan hat. Diesmal vertraute der Trainerstab dem turniererfahrenen Mario Gomez auf der Mittelstürmerposition mehr als Petersen.

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Endgültiger DFB-Kader: Das ist das WM-Team von Joachim Löw

"Es war eine wahnsinnig knappe Entscheidung", sagte Löw, er verglich sie mit einem 100-Meter-Lauf, "in dem einer die Nasenlänge vorn hat", und lobte den Einsatz des enttäuschten Quartetts, "alle vier haben sich im Trainingslager richtig reingehängt und für einen Mehrwert gesorgt". Als er dann aber auch den "Angehörigen den Dank" aussprach, "die die jetzige Enttäuschung auffangen müssen", hatte man schon fast das Gefühl, jemand sei gestorben.

Vor zwei Jahren klagte Löw über zu wenige Dribbler

Tah, der Abwehrspieler und Innenverteidiger Nummer sechs im vorläufigen Aufgebot, und Petersen, der Novize im DFB-Team, das waren zwei Namen, die in den vergangenen Tagen als Streichkandidaten bereits gehandelt worden waren. Sané jedoch, den 22 Jahre alten Flügelstürmer von Manchester City, hatten nur die Wenigsten auf dem Zettel. Zu stark war seine Saison in England, in einer Liga, die als die anspruchsvollste der Welt gilt.

Seine Fähigkeiten im Tempodribbling haben nicht viele in Deutschland, unter City-Trainer Pep Guardiola hat er einen Reifeprozess hinter sich. Löw hatte vor zwei Jahren bei der EM noch beklagt, dass er zu wenige Profis habe, die das Eins-gegen-eins-Spiel beherrschten. Gerade dieses gehört zu Sanés Spezialitäten.

Was Löw dennoch bewogen hat, auf ihn zu verzichten, das deutete er später an. Sané sei ein "riesiges Talent, absolut. Er wird auch bald wieder dabei sein. Er ist vielleicht in den Spielen der Nationalmannschaft noch nicht so ganz angekommen. Das hat vielleicht auch ein bisschen den Ausschlag gegeben". Tatsächlich hat Sané in der Nationalmannschaft anders als bei City unter Guardiola bisher nie voll überzeugt. Beim Testspiel im März gegen Brasilien (0:1) bot er eine schwache Vorstellung, die damalige Kritik der Arrivierten an der "Körpersprache" mancher junger Spieler zielte auch auf Sané ab.

Auch am Samstag gegen Österreich (1:2) enttäuschte er. Seine Qualität zeigt er in der Liga, und die Frage, warum er unter Löw nicht so glänzen kann wie bei Guardiola, ist eine Frage, die nicht nur an den Spieler zu richten ist.

Brandt nicht schon wieder heimgeschickt

Es wird auch hauspolitische Gründe für Sanés Heimfahrt geben, aber die dürften für den Spieler selbst noch weniger überzeugend sein. Löw musste sich mehr oder minder zwischen Sané und Bayer-Offensivspieler Julian Brandt entscheiden, beide jung, schnell, auf den Flügeln agierend. Auch Brandt hat in der Nationalmannschaft noch kein wirklich begeisterndes Länderspiel abgeliefert, obwohl er bereits 15 Mal dazu die Gelegenheit hatte. Er hat aber den Vorteil, dass er nicht nur auf der linken, sondern auch auf der rechten Seite einsetzbar ist. Zudem ist er bereits 2016 vor der EM der endgültigen Nominierung zum Opfer gefallen. Wie auch Bayern-Profi Sebastian Rudy ist er diesmal durch das Nadelör hindurch gekommen. Beiden blieb so eine zweite Enttäuschung erspart.

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DFB-Stars, die nach Hause mussten: Klub der Aussortierten

Vielleicht noch wichtiger: Nachdem Löw schon bei der vorläufigen Bekanntgabe auf Leverkusens Angreifer Kevin Volland verzichtet hatte und nun dessen Mitspieler Tah und Leno zu den Aussortierten gehören, wollte der Bundestrainer vielleicht nicht noch einen Bayer-Profi nach Hause schicken, um den leicht zu weckenden Unmut der Leverkusener Vereinsspitze um Rudi Völler nicht zu sehr zu provozieren. Es sind auch diese weichen Faktoren, die bei einer Kaderauswahl mitspielen. Auch wenn Manager Oliver Bierhoff zuletzt noch beteuert hatte, solche Dinge dürften nicht den Ausschlag geben: "Es geht darum, die beste Mannschaft für das Turnier zu nominieren."

Dazu hätte nach den Leistungen dieser Saison Leroy Sané gehört.

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MyQ 04.06.2018
1. Chancentod Gomez?
Oh mein Jogi, was ist nur in dich gefahren immer und immer wieder auf Gomez zu setzen statt auf den glänzenden Nachwuchs im Sturm? 20 Schuß für ein Tor ist für einen Stürmer einfach eine miserable Bilanz und Werner alleine wirds auch nicht richten :(
Wolfgang Porcher 04.06.2018
2. Sane ist zu schnell fuer die Ticki Tacka Truppe.
den Spieler Sane kann Löw in seinem lahmen Team nicht gebrauchen. Viel zu schnell fuer Erdogans Freund Özil, der nicht Mal ohne jegliche Manieren die Nationalhymne beherrscht . Bei Löw zählt ja nicht das Spielresultat sondern die Prozentzahl des Ballbesitzes. Haben alle Spiele zuletzt gezeigt, gegen flotte Teams ist hängen im Schacht
andraschek 04.06.2018
3. Tja, es ist wie es ist!
Da hat der Bundestrainer wohl eine andere Meinung, soll vorkommen.
Sal.Paradies 04.06.2018
4. Die Zukunft nicht vorweg nehmen
Löw hat in meinen Augen richtig gehandelt. Sane hatte noch kein einziges gutes Spiel in der NM und die Spiele gegen BRA und jetzt AUS zeigten seine Mängel gnadenlos auf. Er ist ein Versprechen auf die "ZUKUNFT" aber akutell nicht in der Lage dem TEAM zu helfen. Einen Konter zu verdatteln ist das eine, der zweite schon arg grenzwertig, aber nach dem 3`ten beißt man (Jogi+ich) schon in`s berühmte Stuhlbein und man denkt, der trifft nur falsche Entscheidungen. Auch seine anderen Pässe gegen Österreich waren eher durchwachsen, da hatte mich J.Brandt auf der anderen Seite mehr überzeugt. Sane ist noch jung und wird ganz sicher in der NM reüssieren, aber für hier und jetzt ist er keine echte Alternative. Bitte vergesst nicht, dass wir jetzt einen M.Reus dabei haben, der auch dribbelt und der vor allem selbst sehr torgefährlich ist und zusätzlich noch perfekte Bälle in die Schnittstellen spielen kann. Reus hat eine sehr viel bessere Übersicht als Sane und ist intuitiv der bessere Spieler. Hackt jetzt nicht alle auf Löw rum, er und sein Team brauchen jetzt echte TEAMPLAYER und Sane hat am Samstag bewiesen, dass er noch nicht so weit ist. Gomez statt Petersen ist auch ok, denn an die Quote von Mario kommt Nils längst nicht ran. Tah keine Überraschung, aber dass Trapp statt Leno bleiben darf, denn doch wieder. Jogi und sein Team gucken jeden Tag intensiv auf alle Akteure und werden wissen, warum sie sich so entschieden haben. Und auch seine Co-Trainer werden gesehen haben, welche Mängel ein L.Sane aktuell noch hat, was die NM angeht! Was er in England spielt ist zweitrangig, was zählt ist die NM und hier hat er nicht überzeugt. Punkt.
Shoxus 04.06.2018
5. Ähm...
"Dazu hätte nach den Leistungen dieser Saison Leroy Sané gehört." Nein...^^ Was will Löw mit einem Spieler, der zwar in der Liga Top ist und den jeder in den Himmel lobt aber in der Nationalmannschaft nichts reißt? Und ob er ins Team passt ist auch eine Frage... Das dies bis heute keiner kapiert hat...das nicht einzelne das Spiel machen sonder es am Ende eine Teamleistung ist. Immer dieser Drang 1-2 Topspieler zu haben und der Rest kennt keiner. Klar brauch ich auch gute Spieler aber wenn die da vorne nur darauf erpicht sind selber ihre Tore zu machen ohne mal den Ball zu passen, gehts schnell nach hinten los... so eine Situation gabs nämlich gegen Österreich auch wieder... sowas sieht man immer nur bei anderen Mannschaften in der EM/WM...oftmals brauchts dann ne große Portion mehr Glück um ins Finale zu gehen anstatt taktisch den Gegner auszuspielen und Tore zu machen.
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