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Analyse des Schalke-Stars: So gut ist Leroy Sané wirklich

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Schalker Jungstar: Aus Messis Spuren Fotos
AFP

Leroy Sané gilt als Weltklasse-Fußballer der Zukunft, sein Marktwert liegt schon jetzt bei mehr als 50 Millionen Euro. Dabei fehlt dem Schalker bislang die Konstanz für 90 Bundesligaminuten. Die Analyse zeigt, woran Sané noch arbeiten muss.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gibt nicht viele Fußballer, die mit 20 Jahren einen Hype ausgelöst haben wie Leroy Sané.

Der Offensivspieler vom FC Schalke hat gerade mal 31 Bundesligaspiele hinter sich, und doch haben Gerüchte um einen möglichen Mega-Transfer zu einem europäischen Spitzenklub die Winterpause beherrscht. Vom Werben Manchester Citys und Barcelonas wurde berichtet, Ablösesummen von 50-75 Millionen Euro standen im Raum. Sané sei ein Ausnahmetalent, ein kommender Weltstar, ganz sicher.

Aber ist er das wirklich?

Mit Gewissheit lässt sich das nicht sagen. Doch es gibt Indizien. Zum einen ist da Sanés Taktikprofil. Aus den Stärken und Schwächen eines Spielers lässt sich sein Potenzial ableiten. Zum anderen ist da die Datentiefe, die Akteure zu gläsernen Profis hat werden lassen.

Im Fall von Leroy Sané sind solche Vergleiche problematisch. Denn wie jedes Talent steht er noch im Begriff, sich zu entwickeln, so, wie es einst die Größten der Branche in seinem Alter taten. Was liegt also näher, als Sané mit jenen Stars zu messen, als sie im selben Alter waren?

Mit Hilfe des Sportdatenabieters Opta ist das möglich. So lassen sich Sanés Daten mit denen von Lionel Messi, 28, Arjen Robben, 31, und Cristiano Ronaldo, 30, vergleichen, als sie 20 Jahre alt waren. Die Grundlage bilden ihre Einsatzminuten in den jeweiligen nationalen Ligen: Bei Barcelonas Messi waren es 2007 Minuten in der spanischen Primera División, bei Robben, damals beim FC Chelsea, 1258 Minuten in der Premier League, in der damals auch Ronaldo spielte und bei Manchester United auf 2284 Minuten kam. Sané war in der Hinrunde 1118 Minuten aktiv.

Tore sind die harte Währung des Fußballs, gerade für einen Offensivspieler. Deshalb sind Daten über Torbeteiligungen besonderes wichtig. Mit insgesamt vier Toren und vier Assists war Sané in der laufenden Saison durchschnittlich an 0,64 Treffern beteiligt. Damit erreicht er einen besseren Wert als Ronaldo (0,62), der zwar etwas mehr Tore selbst erzielte, aber seltener welche vorbereitete. Messi (0,99) und insbesondere Robben (1,14) haben deutlich bessere Werte als Sané.

Beide waren mit 20 Jahren bereits abgeklärter vor dem Tor als die meisten routinierten Spitzenstürmer. Allerdings spielten sie auch, anders als Sané, in Top-Teams, die ihre Gegner zumeist dominierten und mehr Tore schossen, als es aktuell der FC Schalke vermag. Dennoch: Hier hat Sané das Nachsehen.

In Sachen Torschussbeteiligung pro Partie kommt Sané in der laufenden Saison auf den Wert 3,44, wobei er fast viermal so häufig selbst abschließt, wie er Gelegenheiten auflegt. Messi (4,3), Ronaldo (5,84) und Robben (6,86) waren im gleichen Alter wesentlich öfter an Chancen beteiligt als der Schalker. Zudem ist bei niemandem der Anteil der eigenen Abschlüsse so hoch wie bei dem Bundesligaprofi. Auch hier liegen die Stars vorn.

Für Sané spricht seine Effizienz. 18,6 Prozent aller Abschlüsse, an denen er beteiligt war, landeten im Tor. Hier ist er Robben (16,6 Prozent) und Ronaldo (10,6 Prozent) deutlich voraus, allein Messi bleibt mit 23 Prozent unerreicht. Die Zahlen deuten auf eine Qualität hin, nämlich jene, vor dem Tor besonnen zu bleiben und Angriffe nur dann zum Abschluss kommen zu lassen, wenn die Lage aussichtsreich ist.

Sanés erster Kontakt ist manchmal schlampig, meist aber brillant. Er ist in der Lage, den Ball mit beiden Füßen zu spielen, ihn in jede Richtung tropfen zu lassen, exakt so weit, wie es die Situation erfordert. Von seiner Technik profitiert Sané auch im Dribbling, bei dem er, anders als die meisten Fußballer, nicht auf den Ball achten muss. Er beherrscht das Spielgerät. Sanés Vorteil: Wer den Kopf oben behält, sieht, was vor ihm geschieht.

Sanés Dribblings der Hinrunde (grün=erfolgreich, rot=misslungen): Der Schalker zieht bevorzugt vom rechten Flügel ins Zentrum.
Opta

Sanés Dribblings der Hinrunde (grün=erfolgreich, rot=misslungen): Der Schalker zieht bevorzugt vom rechten Flügel ins Zentrum.

Zum einen überblickt er so die Laufwege der Mitspieler. Wenn sich durchschnittliche Fußballer nach einem Dribbling umschauen, bleibt ihnen ein Sekundenbruchteil, um über die nächste Aktion zu entscheiden. Sanés Talent verschafft ihm ein größeres Zeitfenster.

Zum anderen kann er den gegnerischen Verteidiger studieren. Auf welchen Fuß verlagert er sein Gewicht? Wo liegt der Körperschwerpunkt? Oft dribbelt Sané frontal auf den Abwehrspieler zu, sobald er ihn gelesen hat, folgt ein Wackler und Sané zieht vorbei. Ansatzlos.

Während 90 Minuten unternimmt Sané im Schnitt einen Dribbelversuch mehr als Robben und einen weniger als Ronaldo und Messi. Als Dribbling gilt hierbei der Versuch, an einem Gegenspieler vorbeizuziehen. Sanés Erfolgsquote (45,4 Prozent) liegt sogar über denen der Ausnahmekönner Robben (43,6 Prozent) und Ronaldo (43 Prozent). Einzig Messi (58,1 Prozent) bleibt erneut unerreicht. Was seine Qualitäten im Eins-gegen-Eins betrifft, ist der Schalker also auf den Spuren der Top-Spieler. Er sollte sie allerdings noch häufiger einsetzen.

Sané forciert Läufe hinter die Abwehrkette. Er, der mit dem Ball am Fuß kaum zu stoppen ist, überlässt das Leder anderen. So kann Sané zwar sein besonderes Gespür für Laufwege ausspielen. Dabei bietet er sich Mitspielern oft erst gar nicht an, weil er gedanklich bei der nächsten und übernächsten Spielsituation ist. Während der Ball in die eine Richtung rollt, startet Sané in die andere. Das ist verwirrend, für die Zuschauer wie für den Gegner.

Wenn Sané diese Stärke nicht ausspielen kann und Geduld gefragt ist, wird es kritisch. Er besetzt die falschen Räume, nimmt sich selbst aus dem Spiel. Mal klebt er an der Seitenlinie, obwohl sie schon besetzt ist und im Halbraum eine Lücke klafft. Mal bringt er zu viele Meter zwischen sich und das Mittelfeld. Man möchte Sané dann zwischen die gegnerischen Linien winken, weg aus der Isolation, hinein in die neuralgischen Zonen der Gegnermannschaft, von wo aus er Bälle verarbeiten und die Abwehr attackieren könnte. Stattdessen schrumpft sein Nutzen fürs Team, aus dem Supertalent wird jemand, an dem das Geschehen vorbeiläuft.

Am deutlichsten merkt man Sané seine mangelnde Reife an, wenn ihm leichte Fehler unterlaufen. Auf ein Dribbling, das einen den Atem stocken lässt, folgt mitunter ein Fehlpass ohne Not. Der Vergleich der Ballverluste pro Partie macht aber deutlich, wie üblich diese Mängel mit 20 Jahren sind. 15,94-mal schenkt Sané im Schnitt den Ball her. Ronaldo (17,49-mal), Robben (19,24-mal) und selbst Messi (16,73-mal) leisteten sich in dem Alter sogar mehr Fehler. Solche Defizite verschwinden zudem meist, je mehr ein Fußballer reift.

Auch das Defensivverhalten muss er verbessern. Oft vergisst er den Schulterblick, um die eigene Positionierung der des Gegners anzupassen. Statt Passwege zu versperren, deckt Sané nur toten Raum. Im defensiven Eins-gegen-Eins hält er falsche Abstände ein, sodass gegnerische Spieler an ihm vorbei gelangen. Mit seiner Explosivität aber holt Sané ihn ein, ehe es gefährlich wird.

Erwartbar ist, dass Sané die üblichen Makel eines Jugendspielers ablegen wird. Was dann bleibt, sind spektakuläre Dribblings, hohe Effektivität, intuitive Laufwege, wohl aber auch taktische Schwächen. Die Daten deuten darauf hin, dass Leroy Sané zwar nicht in die Sphären eines Lionel Messi vordringen dürfte. Das Zeug zum Star hat er jedoch allemal.


Zusammengefasst: Vergleicht man die für Offensivspieler wichtigsten Statistikwerte von Leroy Sané mit denen eines Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Arjen Robben im selben Alter, kommt man zu dem Ergebnis, dass der Schalker ein Star werden kann. Er ist extrem effizient, stark im Dribbling, hat aber Schwächen in der Defensive. An einen Lionel Messi reichen die Werte des 20-Jährigen nicht heran. Noch nicht!

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1. Großartige Analyse
event.staller 23.01.2016
Selten habe ich eine so gut fundierte Analyse gelesen. Meinen Glückwunsch dazu.
2. Guter Artikel
ulisses 23.01.2016
Das ist ein guter Artikel, da hier zumindest der Versuch unternommen wird, objektiv zu bleiben. Bitte mehr davon ! Wir werden sehen, ob es Sane schaffen wird. Ich hoffe es, er hat sehr viel Pottential. Jedoch wundert mich der Hype um ihn schon sehr.. So viele Millionen, für einen Bubi, der gerade eine halbe gute Saison bei Schalke gespielt hat..allerdings: gegen Real Madrid war Erdballs einer der besten auf dem Platz. Ohne Ronaldo wäre Real ausgeschieden.
3. Nicht objektiven Vergleich
abongs 23.01.2016
Man kann mit den gleichen Daten anders dargestellt. Ich frage mich warum einen Reporter sich so viel Zeit nimmt, um einen Spieler zu diskreditieren. Bekommt er Geld dafür? Neid? Alle Top-Clubs machen eben diese Analyse bevor ein Talent gejagt wird. Denken Sie dass alle Ihre Kollegen also falsch liegen, die vor Ihnen auch analysiert haben?
4.
julian113 23.01.2016
Ein netter Artikel ohne große Aussagekraft. Anzumerken ist nur, dass Arjen Robben heute 32 Jahre alt geworden ist. Herzlichen Glückwunsch, Arjen.
5. Bitte, die Engländer kaufen alles
Lignite 23.01.2016
"50 Millionen Euro. Dabei fehlt dem Schalker bislang die Konstanz." Deshalb machen die Spiele in der Premier League auch den Eindruck von Spielen der 2. Bundesliga. Ich habe mir kürzlich mal das Spiel von Liverpool gegen Exeter angeguckt. Das war doch Kreisliga. Da sind einige Frauenmannschaften in Deutschland wesentlich besser in der Ballbeherrschung und im taktischen Verhalten als diese Millionärstruppen. Der englische Fussball ist mit der Einstellung, dass man Fussball kaufen kann, am Ende.
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