Härte im FA-Cup "Hübsch und schön? Nicht in England"

Ungleiche Pokalduelle haben ihren Reiz. Brutale Fouls wie das an Leroy Sané dürfen allerdings nicht als FA-Cup-Folklore verklärt werden, meint Hendrik Buchheister in seiner Kolumne Life Goals.

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Spätestens eine halbe Stunde vor Anpfiff wussten die Spieler von Manchester City, dass ihnen ein unangenehmer Nachmittag bevorstehen würde.

Ich kenne das aus Stadien der Premier League normalerweise so: Die Zuschauer kommen erst kurz vor Anpfiff. Zum Einmarsch der Mannschaften haben sie gerade erst ihre Plätze eingenommen. Das Warmmachen der Protagonisten findet in der Regel noch vor übersichtlicher Kulisse statt, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das Stadion von Cardiff City war allerdings schon weit vor Beginn der Partie im FA-Cup gegen die amtierende Übermannschaft des britischen Fußballs gut gefüllt. Als Citys Spieler eine halbe Stunde vor Anpfiff das Feld betraten, um sich auf Betriebstemperatur zu bringen, wurden sie mit dröhnenden Buh-Rufen begrüßt.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Ich habe die Reise in die Hauptstadt von Wales gemacht, um einen Eindruck vom traditionsreichen englischen Pokalwettbewerb zu bekommen. Um herauszufinden, was der FA-Cup den Fans in Zeiten von Fußball-Dauerbeschallung und Champions League noch wert ist.

Mein Eindruck: immer noch viel.

Manchester City hat in dieser Saison schon wichtigere Spiele gehabt als das in Cardiff, beim Tabellendritten der zweiten Liga, und es werden vermutlich noch ein paar wichtigere Spiele folgen. Trotzdem war der Gästeblock prächtig gefüllt. Die Tore zum 2:0-Sieg durch Kevin De Bruyne und Raheem Sterling wurden von den mitgereisten Fans mit dem gleichen Elan gefeiert wie Treffer in der Liga oder der Champions League. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie die Partie als Pflichtübung ansahen.

Duell auf dem Kartoffelacker

Der FA-Cup bietet Abwechslung vom Alltag, er bringt Paarungen, die es sonst nicht zu sehen gibt. Das macht seinen Reiz aus, immer noch. Deshalb sind die Spiele in dem Wettbewerb Feiertage für Englands Fans.

Für die großen Klubs gilt das nur mit Einschränkungen. Sie sind gegen Teams aus unteren Klassen verschiedenen Widrigkeiten ausgesetzt, die ihnen aus der Premier League unbekannt sind. So war der Untergrund, auf dem sich Tottenham Hotspur zu einem 1:1 bei Newport County aus der vierten Liga mühte, nur durch die Kreidemarkierungen von einem Anbaugebiet für Kartoffeln oder Zuckerrüben zu unterschieden.

Die Profis von Manchester City mussten in Cardiff nicht nur die Anfeindungen des Publikums ertragen, und das schon ab dem Aufwärmen, sondern auch die gewaltorientierte Spielweise der Gastgeber. Die rüde Ausrichtung wurde Leroy Sané kurz vor dem Ende der ersten Hälfte zum Verhängnis.

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FA-Cup: Das tut weh

Er wurde Opfer einer Grätsche von Cardiffs Verteidiger Joe Bennett, für die das Fußball-Wörterbuch die Bezeichnung "Horror-Foul" vorsieht, und die ihn wohl zu einer mehrwöchigen Pause zwingen wird. Bennett kam von schräg hinten und traf Sanés Knöchel mit offener Sohle. Auf einem Standbild der Aktion sieht es aus, als würde sich das Bein des ehemaligen Schalkers verbiegen.

Als in der Halbzeitpause auf den Fernsehschirmen im Presseraum die Wiederholung der Szene zu sehen war, gab es ein entsetztes Raunen. Schiedsrichter Lee Mason zeigte Bennett nur die Gelbe Karte, dabei wäre ein Platzverweis die richtige Konsequenz gewesen.

"Bitte schützt die Spieler"

Weshalb nach der Partie die Risiken debattiert wurden, die Spiele von Mannschaften mit beschränkten Möglichkeiten gegen die Teams aus dem Luxussortiment mit sich bringen. Manchester Citys Trainer Pep Guardiola richtete einen Appell an die Schiedsrichter, bei potenziellen Knochenbrecher-Attacken künftig strenger durchzugreifen, nicht zum ersten Mal übrigens. "Bitte schützt die Spieler! Sie sind die Künstler. Auf sie muss man aufpassen", rief er. Und bezog sich damit ausdrücklich nicht nur auf seine Profis, sondern auf alle.

Es ist bekannt, dass Guardiola zur dramatischen Zuspitzung neigt. In seiner Zeit beim FC Bayern schwärmte er, dass er den brasilianischen Verteidiger Dante am liebsten in tausendfacher Ausfertigung hätte, obwohl er, wie sich später herausstellte, nicht einmal einen Dante gebrauchen konnte. Und die Leistung seines Teams war sowieso immer top, top, top. Grundsätzlich kann es nicht schaden, Guardiolas Aussagen mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen.

Mit seiner Mahnung nach dem Foul an Sané hatte er allerdings Recht. Bei solchen Vergehen muss der Schiedsrichter Härte zeigen, um die Unversehrtheit der Spieler zu wahren.

Cardiffs Trainer Neil Warnock sah das übrigens anders. Er vermutete, dass Guardiola einfach zu weich sei für die regionalen Gepflogenheiten. "Was erwartet er? Wahrscheinlich, dass alles hübsch und schön ist. Aber das bekommst du in England nicht", polterte er.

Ich finde diese Haltung verheerend.

Natürlich sollen es Mannschaften wie Manchester City im FA-Cup schwer haben, natürlich sollen sie leiden. Es muss nicht alles hübsch und schön sein. Körperverletzung darf allerdings nicht als Pokal-Folklore verklärt werden.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
wolleb 29.01.2018
1.
Hat Sane etwa nicht gewusst, dass in England Holzhackerfußball gespielt wird? Geld war im doch wichtiger.
spadoni 29.01.2018
2.
Was für ein Theater! Guardiola darf sich nicht beklagen, denn im Gegensatz zu zahlreichen anderen PL Clubs blieb ManCity bis jetzt weitgehends vom Verletzungspech vwerschont. Und da waren weitaus schlimmere Verletzungen dabei als die von Sané.
Gatehouse 29.01.2018
3. Auskennen im englischen Fussball
Herr Buchheister, wenn man die Stadien in GBR regelmäßig besucht, weiß man, dass auf den Tribünen kein Bier erlaubt ist (in allen Stadien). Daher bleiben die meisten Fans bis kurz vor Spielbeginn in den Bereichen außerhalb des Innenraums und nehmen erst unmittelbar vor Spielbeginn ihre Plätze ein. Auch ca. 5-10 Minuten vor dem Halbzeitpfiff leeren sich die Ränge deutlich, weil Nachschub vor dem großen Run geordert werden soll. Zu Gullep: 5 Holzackerfußballteams haben die Championsleaguevorrunde überstanden, aber nur eine deutsche Mannschaft. Schon einmal Fussball in England gesehen?
richey_edwards 29.01.2018
4. Einfach nur schade
dass sich Top-Fussballer von minderbemittelten niedertreten lassen müssen. Guardiola hat recht. Diese Art von Fussball ist 1985 und will niemand mehr sehen.
briancornway 29.01.2018
5. Gute Genesung ... (WM!)
Zitat von wollebHat Sane etwa nicht gewusst, dass in England Holzhackerfußball gespielt wird? Geld war im doch wichtiger.
Im Pokalbetrieb (in England wie in Deutschland usw.) trifft man immer mal auf Spieler, die nur aus Übermut und Ungeschick gefährliche Fouls begehen, nicht aus einer Holzhackermentalität heraus. Habe mich aber gewundert, wie lange er verletzenden Fouls entgehen konnte, meist war er wohl einfach zu schnell für den Gegner.
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