Fußball-Fieber im Libanon: "Es ist der Wahnsinn"

Von Helen Staude, Beirut

Der Libanon träumt von der Fußball-WM 2014. In der letzten Qualifikationsrunde kämpft die Nationalmannschaft um die Teilnahme am Turnier in Brasilien. Die Euphorie im Land ist groß - der Erfolg kam mit einem deutschen Trainer.

Am Mittwoch wird im Libanon der Ausnahmezustand herrschen. Ausnahmsweise wird das aber nichts mit Hass und Gewalt zu tun haben in diesem von Krawallen und Gefechten gebeutelten Land. Auslöser ist die Fußball-Nationalmannschaft, die in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zum Gruppenspiel gegen Katar antritt. Und neuerdings scheint ganz Libanon eine einzige Fußballnation zu sein.

Wenige Tage vor diesem Match schwitzen Libanons Nationalspieler auf einem Kunstrasenplatz in Beirut, das Thermometer in der Hauptstadt zeigt 27 Grad. Wild gestikulierend gibt Trainer Theo Bücker Anweisungen. Der 64-Jährige stammt aus Nordrhein-Westfalen, spielte in der Bundesliga unter anderem für Borussia Dortmund und Schalke 04. Bücker lebt mit Unterbrechungen seit Mitte der achtziger Jahre im Nahen Osten, seit dem vergangenen Jahr ist er zum zweiten Mal nach 2001/2002 Trainer der libanesischen Nationalmannschaft. Und mit Bückers zweiter Amtszeit kam der Erfolg - weil der deutsche Coach seinem Team beibrachte, wie kontrollierte Offensive und stabile Defensive funktionieren.

"Es war einfach unglaublich, wie wir zu Hause gegen den Favoriten aus Iran gewonnen haben", erinnert sich Fußball-Fan Ali an den 1:0-Sieg Mitte September, bei dem der frühere Bundesliga-Profi Roda Antar (aktiv für den 1. FC Köln, SC Freiburg und Hamburger SV) das Tor des Spiels erzielte. Der 21-jährige Ali war damals mit seinen Cousins extra aus dem Süden des Landes angereist, um im Stadion in Beirut dabei sein zu können.

Libanon erstmals in der letzten Qualifikationsrunde

Er gehört zu der stetig wachsenden Gruppe im Libanon, die dem Fußballfieber verfallen ist. Eigentlich ist Basketball dort die beliebteste Sportart. Zwar wurden auch Fußball-Großereignisse wie Welt- und Europameisterschaften mit Interesse verfolgt; dann drückte man aber eher Brasilien, Spanien, England oder Deutschland die Daumen, schließlich hatte sich die heimische Nationalmannschaft nie qualifizieren können. Denn die Libanesen lieben vor allem: den Erfolg.

Seit Bücker im August 2011 das Traineramt wieder übernommen hat, ist die Begeisterung sprunghaft gestiegen. Zum ersten Mal überhaupt erreichte der Libanon die vierte und letzte Runde der WM-Qualifikation. Als das letzte Spiel in Runde drei gegen die Vereinigten Arabischen Emirate in Dubai stattfand, gab der libanesische Präsident Nadschib Mikati allen Schülern ab ein Uhr schulfrei. Büros und Banken wurden geschlossen, Leinwände in Universitäten aufgebaut, damit alle das Spiel verfolgen konnten. Obwohl der Libanon 2:4 verlor, erreichte das Bücker-Team dank eines 2:0-Sieges Südkoreas gegen Kuwait die nächste Runde. Anschließend war Beirut stundenlang von hupenden Autokorsos erfüllt, magazinweise wurden Maschinengewehrsalven in die Luft abgefeuert, das Volk feierte bis spät in die Nacht.

Bücker bemüht sich, die Euphorie zu dämpfen. "Die Weltmeisterschaft 2014 darf eigentlich nicht unser Ziel sein, nur unser Traum", sagt der 64-Jährige: "Andere Verbände sind uns Lichtjahre voraus." Doch zurückhaltende Stimmen wie die von Bücker finden derzeit kaum Gehör.

Bars und Restaurants bereiten sich auf das Spiel gegen Katar vor

"Es ist der Wahnsinn, wie uns plötzlich alle unterstützen, uns zujubeln", sagt Nationalspieler Youssef Mohamad, früher Profi beim 1. FC Köln und jetzt beim arabischen Club Al-Ahli aktiv: "Früher ist fast nie jemand zu unseren Spielen gekommen, die Menschen haben sich kaum für die Nationalmannschaft interessiert. Aber das ist jetzt anders, es sind bis zu 40.000 Zuschauer im Stadion."

Einer von ihnen ist Ali aus dem Süden, der das Auswärtsspiel gegen Katar am Mittwoch zu Hause im Fernsehen schauen wird: "Wir gucken mit der ganzen Familie und Freunden, über 20 werden wir sein." Das ganze Dorf sei in Vorfreude, die heimische Flagge wehe schon im Garten. Auch in Beirut bereiten sich die Besitzer von Bars und Restaurants auf die Partie vor, zeigen das Spiel live.

Dabei begann die Qualifikation für den Libanon gar nicht gut. Zum Auftakt der aktuellen Gruppenphase verlor das Team zu Hause gegen Katar 0:1, erreichte anschließend im Heimspiel gegen Usbekistan nur ein 1:1 und verlor schließlich 0:3 in Südkorea. Doch nach dem Sieg gegen Iran ist die Hoffnung bei Spielern und Fans wieder da.

Die Qualifikation für die WM in Brasilien ist gar nicht mal illusorisch. Libanon und Katar sind mit vier Punkten und 2:5 Toren zwar Letzter; auf den Zweiten Iran, der einen direkten Quali-Platz belegt, sind es aber nur drei Punkte. Dritter mit fünf Punkten ist Usbekistan. Dieser Platz berechtigt zur Teilnahme an den Playoffs, in denen ein weiterer WM-Teilnehmer ausgespielt wird.

Ein Sieg gegen Katar würde dem Libanon eine gute Ausgangsposition für die drei restlichen Spiele im März und Juni kommenden Jahres verschaffen. Sollte die libanesische Auswahl gewinnen, gibt es für das Team eine Extra-Siegprämie: Der Fußballverband, der Staat und private Geschäftsmänner haben zusammen 40.000 Euro lockergemacht, die im Falle eines Erfolgs unter den Spielern verteilt werden.

Bei einem Sieg könnten auch die Fans belohnt werden. Gewinnt das Team tatsächlich, dann dürfte im Libanon aus einem normalen Mittwoch ein Feiertag werden.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. Sport bringt Menschen zusammen
-Danny- 13.11.2012
Zitat von sysopDer Libanon träumt von der Fußball-WM 2014. In der letzten Qualifikationsrunde kämpft die Nationalmannschaft um die Teilnahme am Turnier in Brasilien. Die Euphorie im Land ist groß - der Erfolg kam mit einem deutschen Trainer. Libanon kämpft um die Teilnahme an der Fußball-WM 2014 in Brasilien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/libanon-kaempft-um-die-teilnahme-an-der-fussball-wm-2014-in-brasilien-a-866531.html)
Der Libanon hat wahrlch genug Probleme. Da ist es doch mal schön zu hören bzw. lesden, dass Sport (in diesem Fall Fußball) die Menschen wenigstens kurzfristig zusammenbringt.
2.
testthewest 13.11.2012
Zitat von -Danny-- Der Libanon hat wahrlch genug Probleme. Da ist es doch mal schön zu hören bzw. lesden, dass Sport (in diesem Fall Fußball) die Menschen wenigstens kurzfristig zusammenbringt.
Im Grunde ist es immer Fußball, der Menschen zusammenbringt, und zwar immer die Nationenwettbewerbe. Denn da können alle zusammen feiern, egal aus welcher Stadt, egal welche Religion. Bei Club-Fußball ist das Ganze schon exklusiver, nur Städte, oder Stadtteile kommen zusammen. Und bei anderen Sportarten habe ich diesen Effekt eigentlich nur beim Ausrichter olympischer Spiele beobachten können.
3. Fußball in Asien
wwwwalter 13.11.2012
In den Asiengruppen ist es halt möglich, dass selbst so schwache Teams wie der Libanon in die Reichweite der WM-Qualifikation kommen. Man denke nur an frühere WM-Teilnehmer zurück, wie Saudi-Arabien oder Nordkorea - Mannschaften, die selbst in Afrika nicht konkurrenzfähig wären. Letztendlich ist der Libanon aber ein Fußballzwerg und müsste sich in Europa unter Nationen wie Island, Wales oder Moldawien einreihen. Klar ist es schön für die Libanesen, aber letztendlich für den Weltfussball unbedeutend.
4. ...
Strichnid 13.11.2012
Hab ich das richtig gelesen? Libanon kann sich die Quali über einen Sieg gegen Konkurrenten Katar sichern? Das Katar, dass genug Geld hat, um sich die WM im eigenen Land zu kaufen? Na, da werden die Libanesen gaaaaanz bestimmt gewinnen.
5. Nun ja
widower+2 13.11.2012
Zitat von wwwwalterIn den Asiengruppen ist es halt möglich, dass selbst so schwache Teams wie der Libanon in die Reichweite der WM-Qualifikation kommen. Man denke nur an frühere WM-Teilnehmer zurück, wie Saudi-Arabien oder Nordkorea - Mannschaften, die selbst in Afrika nicht konkurrenzfähig wären. Letztendlich ist der Libanon aber ein Fußballzwerg und müsste sich in Europa unter Nationen wie Island, Wales oder Moldawien einreihen. Klar ist es schön für die Libanesen, aber letztendlich für den Weltfussball unbedeutend.
Nordkorea war m. E. nur einmal für die (Männer-)WM qualifiziert. Das war im Jahr 1966 und den Nordkoreanern gelang damals etwas, was der großen Fußballnation Deutschland noch nie gelungen ist. Sie schlugen Italien bei einer WM und die Italiener durften nach der Vorrunde nach Hause fahren, wo sie von einem Steinhagel empfangen wurden.
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