Liebe zum VfB: Die Normalos vom Neckar

Von Gregor Preiß

Es ist wie immer - dem Titel folgt der Absturz. Die Anhänger des VfB Stuttgart haben sich längst damit abgefunden, dass ihr Herzensclub dauerhaft nur fürs gehobene Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle taugt. Letzte Chance in dieser Saison ist der DFB-Pokal - heute Abend geht es gegen Jena.

Das erste Kennenlernen: Nun ja. Februar 1985, englische Woche, der Gegner hieß Arminia Bielefeld. In der hässlichen Betonschüssel Neckarstadion verloren sich keine 15.000. In "Stadion Aktuell" las ich Namen wie Günther Schäfer und Guido Buchwald beim VfB, Franco Foda und Dirk Hupe bei den Arminen. An das Spiel kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich nehme mal an, es war so grausig wie das Drumherum. Trotzdem fand ich's großartig. Was vielleicht daran lag, dass es für einen Neunjährigen aus dem Schwarzwald sonst nicht viel Spektakuläres gab.

VfB-Gruppenbild mit Krokodil (l.): Nicht geliebt und nicht gehasst
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VfB-Gruppenbild mit Krokodil (l.): Nicht geliebt und nicht gehasst

Ein halbes Jahr später hat es dann gefunkt: VfB Stuttgart gegen Bayern München, der Südgipfel. "Die Bayern sind Granatenseckel", bruddelte mein Opa auf der Haupttribüne, und schrie vor Freude, als es Elfmeter gab. Jürgen Klinsmann (damals VfB, ja ja) lief an wie ein Weltmeister, zehn Schritte mindestens - um die Kugel Bayern-Keeper Aumann flach und schlapp in die Arme zu schieben. Kläglich. Dass der Blondschopf mit der Nummer 9 hernach theatralisch auf die Knie sank und die Hände vors Gesicht schlug, machte die Sache nicht besser. Das Spiel endete 0:0. Enttäuschung, Entsetzen und Wut auf Klinsmann, diesen Idioten, machten sich in mir breit. Ich glaube, so wird man zum Fan.

Fan von einem Verein, der etwas ganz Besonderes ist. Das Besondere ist sein gehobenes Mittelmaß. Seit ich mit dem Verein für Bewegungsspiele von 1893 mitfiebere, also seit mehr als 20 Jahren, ist der Club nie überaus erfolgreich, aber auch nie besonders erfolglos gewesen. Man weiß, was man hat. Zwei Meisterschaften stehen so viele sechste, siebte und zehnte Plätze gegenüber, wie sie wohl kein anderer Bundesligist aufweisen kann. Im Pokal hat man sich selten blamiert, aber auch nur einmal triumphiert.

Gleiches gilt für den Europapokal: Die heroischen Sternstunden habe ich meinen Enkeln später schnell erzählt. Genauso meine bisherigen Höhe- und Tiefpunkte aus der Bundesliga: Zwei Wahnsinns-Meisterschaften am letzten Spieltag, ein zwischenzeitlich aufgeholtes 0:3 in München (Endstand: 3:5) sowie eine verspielte 3:0-Führung am letzten Spieltag 1999/2000 zu Hause gegen das bereits abgestiegene Bielefeld. Ein wahres Kunststück, denn damit war auch der Uefa-Cup-Platz verspielt.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Plus und minus ergibt knapp über null, und so verhält es sich auch mit der Außenwirkung des Vereins. Bis es der VfB mal auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung schafft, muss er schon fünf von sechs Spielen in der Champions League verlieren wie in dieser Saison ("Schrottgart"). Glanz und Glamour sind den Schwaben fremd, auch die VfB-Kicker entfalten dieses potentielle Fußballer-Gen erst, nachdem sie zu den Bayern gewechselt sind (Klinsmann, Giovane Elber). Im Daimlerstadion geht es meist beschaulich zu, und so agiert seit 26 Jahren auch der Kassenwart Ulrich Ruf. Innovative Investitionsmodelle sind seine Sache nicht, Rufs Finanzpolitik gilt als schwäbisch-defensiv.

Für seinen Pragmatismus wird der VfB außerhalb Stuttgarts weder geliebt noch gehasst, der Verein ist keine Skandalnudel wie Nürnberg oder Köln, kein Proll-Club wie Dortmund und Schalke, er zählt nicht zu den Neureichs (Wolfsburg, Hertha) und ist auch keiner dieser Knuddel-Clubs wie Mainz, St. Pauli und Freiburg, denen die ganze Fußball-Nation Trauer heuchelt, wenn sie mal wieder am Absteigen sind. Schon gar nicht aber haben die Roten was von einer grauen Maus oder einer liebenswerten Looser-Truppe (Stuttgarter Kickers).

Nein, der VfB ist anders. Er ist herrlich normal. So normal wie kein anderer Verein in der Bundesliga, behaupte ich mal. Hier muss man sich keine Sorgen machen, dass der Verein auf Dauer in der Spitze mitspielen wird. Der VfB wird sich aber dauerhaft in der oberen Hälfte halten, so viel ist sicher. Jede zweite Saison Uefa-Cup, alle zehn Jahre Meister - um danach wieder schön ins Mittelfeld abzustürzen.

Wie 1985, als man als Titelverteidiger zehnter wurde. Oder 1992: Christoph Daums Wechselfehler gegen Leeds United verwehrte den Stuttgartern als erstem Bundesliga-Verein den Einzug in die Gruppenphase der Champions League und traumatisierte ihn für volle zwei Jahre. Das Elend wiederholt sich gerade wieder. Nach dem Titel 2007 wollten Meira und Co. die Champions League im Handumdrehen mitnehmen. Stattdessen wurden sie von Europas Elite derart schwindlig gespielt, dass sie auch zu Beginn der Rückrunde noch aufliefen, als trügen sie den roten Brustring auf den Augen. Das Gute daran: Es passiert ja nichts. Werden wir am Ende zehnter, spricht das nur für unsere Konstanz.

Denn Hauptsache, wir bleiben dabei im Spiel der Großen. Ich wähne mich in der Gewissheit, Fan eines Clubs zu sein, der weder pleitegehen noch absteigen kann. Manchmal plagen mich dennoch schlimme Gedanken. Etwa dann, wenn ich an Traditionsvereine in der Regional- oder Oberliga denke, deren Anhänger mit der Gewissheit leben müssen, realistischerweise nie mehr nach oben zu kommen. Für sie empfinde ich tiefes Mitleid.

Gleichzeitig stelle ich mir dann vor, was passierte, stünden auch meine Wasenkicker mal am Abgrund. Wenn ich Sachen lesen müsste wie "Der Abstand zu den Nichtabstiegsrängen beträgt schon vier Punkte." Oder: "Stuttgart nicht mehr zu retten." Unvorstellbar. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, male ich mir dann aus, wie von irgendwoher ein Retter kommt und uns dahin zurückführt, wo wir hingehören. Auf Platz fünf, zehn oder elf. Egal. In spätestens zehn Jahren werden wir wieder Meister.

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