Liechtensteiner Fußball Groß im Kleinen

Von André Widmer

2. Teil: Wie Liechtensteins Nationalspieler Privatleben, Arbeit und Fußball unter einen Hut bringen


In der Startelf der USV Eschen/Mauren stehen an diesem Samstagabend gegen Red Star auch Andreas Gerster und Raphael Rohrer. Beide sind liechtensteinische Internationale, und beide hat ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Schicksal ereilt: Sie sind wieder Amateure geworden. Gerster ist 26 Jahre alt und hat bislang 31-mal für die Landesauswahl gespielt. Ein grundsolider Mann mit großer Routine. Nach fünf Jahren beim FC Vaduz sah er 2006 den Moment für eine Veränderung gekommen. Einige Clubs, auch aus dem Ausland, zeigten Interesse, sogar beim englischen Zweitligisten Queens Park Rangers konnte Gerster ein Probetraining absolvieren. Doch irgendwie hat es dann doch nicht geklappt mit der großen weiten Fußballwelt, und nach einem halben Jahr beim TSV Hartberg in der dritten österreichischen Liga ist Gerster zurück ins Ländle, zur USV Eschen/ Mauren, gewechselt.

Dort kickt er nun seit anderthalb Jahren und ist im Reinen mit sich. "Mit dem Profifußball habe ich abgeschlossen. Anderes ist wichtiger geworden", sagt er. Als seine Frau schwanger wurde, nahm er eine Arbeitsstelle bei einer Privatbank in Liechtenstein an. Clubfußball, Nationalelf und eine ganztägige Stelle unter einen Hut zu bringen, ist für Andreas Gerster nicht einfach. "Arbeitsbeginn ist um acht Uhr, nach Betriebsschluss geht es um 19 Uhr zum Training. Das heißt, ich bin dann erst um 21.30 Uhr wieder zuhause. Und in der Vorbereitung hatten wir jeden Tag Training." Der Arbeitgeber kommt ihm so weit wie möglich entgegen, wenn es darum geht, die Termine mit der Nationalmannschaft wahrzunehmen. "Zusätzlich zu den Ferien kann ich noch vier Wochen unbezahlten Urlaub nehmen", sagt Gerster. Doch beim kurzfristig angesetzten Testspiel gegen Albanien vor dem Start in die WM-Qualifikation gegen Deutschland musste er passen, weil eine Arbeitskollegin bereits Urlaub gebucht hatte und er im Büro unentbehrlich war.

Mit solchen Problemen muss sich der ebenfalls zum Amateur degradierte Raphael Rohrer nicht herumschlagen. Er ist erst 23 Jahre alt, nimmt jetzt sein Betriebswirtschaftsstudium wieder auf und ist zurzeit auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. Auch Rohrer stand beim FC Vaduz unter Vertrag, kam aber in der vergangenen Saison nur zu 14 Kurzeinsätzen. So ist er nun zur USV Eschen/Mauren und damit wieder in den Amateurbereich gewechselt. "Ich stehe hinter diesem Schritt", beteuert Rohrer. "Das Studium ist keine Notlösung. Selbst wenn ich wieder Profi würde, würde ich es abschließen wollen." Dass sich beim FC Vaduz immer weniger Liechtensteiner im Kader befinden, gefällt auch ihm ganz und gar nicht: "Für den Fußball im Fürstentum und die Nationalmannschaft ist diese Entwicklung nicht förderlich."

Dabei hat sich Liechtensteins Nationalteam prächtig entwickelt. Einige Spieler haben den Sprung als Profis ins Ausland geschafft, zu Vereinen in der Schweiz oder, wie Mario Frick, der mit 79 Länderspielen immer noch aktive Rekordnationalspieler vom AC Siena, sogar nach Italien. Den bisherigen Höhepunkt seiner Länderspielgeschichte schrieb Liechtenstein am 9. Oktober 2004, als man dem haushohen Favoriten Portugal nach einem 0:2 noch ein 2:2 abtrotzte. In bester Erinnerung ist auch das 1:0 gegen Lettland vom März 2007.

Ob das 1:7 auf Malta im Frühjahr 2007 nur ein Fauxpas oder das erste Anzeichen einer beginnenden Schwächephase war? Sowohl Rohrer als auch Gerster verweisen reflexartig auf ein 3:0 gegen das mit Premier-League-Akteuren bestückte Island wenige Monate zuvor. "Gegen Malta hatten wir einfach Pech", glaubt Gerster. "Das war ein einmaliger Ausrutscher. Gegen vermeintlich kleinere Gegner ist es für uns schwieriger, denn gegen solche Teams erwartet man auch mal, dass wir das Spiel machen." Rohrer klingt etwas skeptischer: "Klar, gegen Malta lief fast alles schief. Dass mehrere Spieler den Rückschritt zum Amateur machen mussten, kann aber längerfristig wirklich Auswirkungen haben."

Am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Deutschland spielen die Kicker des Fürsten mal wieder vor großer Kulisse: Rund 8000 Zuschauer werden im Rheinparkstadion dabei sein. Solche Spiele sind Erlebnisse, die sie nie vergessen. Gerster schwärmt noch heute von der Stimmung in Old Trafford in Manchester, als Liechtenstein gegen England vor 67.000 Zuschauern nur mit 0:2 verlor. Unbezahlbare Momente. "Für uns Amateure und auch die jüngeren Spieler ist jedes Länderspiel ein potenzielles Sprungbrett", sagt Rohrer, "eine einmalige Chance, die sich nicht vielen Fußballern bietet. In Deutschland wäre wohl jeder Amateur froh, wenn er eine solche Gelegenheit hätte."

  • 1. Teil: Groß im Kleinen
  • 2. Teil: Wie Liechtensteins Nationalspieler Privatleben, Arbeit und Fußball unter einen Hut bringen


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