Rekordstürmer Messi: 85, 86, unsterblich

Von Cordt Schnibben

"Überirdischer" und ultimative Tormaschine: Mit zwei Treffern gegen Betis Sevilla hat Lionel Messi Gerd Müllers legendären Torrekord gebrochen. Der kleine Große pulverisiert Bestmarken, lässt gegnerische Abwehrreihen lächerlich aussehen. Was macht den Argentinier so stark?

Das 85. Tor ist ein Sturmlauf gegen vier Spieler von Betis Sevilla, Messi läuft quer zum Strafraum, sie wissen, dass er seinen Turbo eingeschaltet hat, dass er gleich rechts an ihnen vorbeiziehen wird, aber sie können nichts dagegen machen. Als er abzieht, mit links aus elf Metern, tunnelt er einen weiteren Abwehrspieler und verlädt den Torwart.

Das 86. Tor ist ein kleines Kunststück, von seinem Mitspieler Andres Iniesta inszeniert, den spielt er im Strafraum an, die Abwehrspieler rechnen mit einem Schuss, doch Iniesta kickt den Ball mit der Hacke zurück zu Messi, der drischt den Ball ins lange Eck.

Die Mitspieler feiern gestern Abend in Sevilla ausgelassener als sonst, auch die wenigen mitgereisten Fans auf der Tribüne spielen verrückt, Messi wirkt im Torjubel matt und erleichtert, während die Radio- und Fernsehreporter mit schriller Stimme und Akzent möglichst häufig den Namen Gerd Müller einflechten in ihre Kommentare.

Er ist gebrochen, der vierzig Jahre alte Rekord des deutschen Mittelstürmers, 85 Tore hat der 1972 erzielt, in Vereins- und Länderspielen. Die Buchhalter des Fußballs werden zwar einwenden, der Deutsche habe nur 60 Spiele gebraucht für seine 85 Tore, Messi erzielte seine beiden Tore gegen Sevilla bereits im 65 Spiel des Jahres, aber er hat noch vier Spiele, um die Zahl seiner Tore auf über 90 zu schrauben.

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Lionel Messi: Kleiner Mann ganz groß
Gerd Müller war ein reiner Strafraumspieler, ein Mittelstürmer alten Typs, oft ein genialer Abstauber. Messi ist Torjäger und Vorbereiter, Einzelgänger und Mannschaftsspieler, seine Dribblings sind wild und ansatzlos, mit dem Ball am Fuß ist er schneller als ohne Ball; stürzt er auf vier, fünf Gegenspieler zu mit viereinhalb Schritten pro Sekunde, stürzt er eine halbe Mannschaft in die Lächerlichkeit. Die Richtungswechsel in seinen Sturmläufen sind intuitiv, nichts ist einstudiert, keine Übersteiger, keine Hackentricks, einfach nur das lustvolle Anrennen eines Jungen, der weiß, dass er es gleich wieder schaffen wird, durch die dichte Kette aus massiven Körpern hindurchzuschlüpfen und den Ball ins Tor zu heben, zu schieben, zu lupfen, zu schlenzen.

Co-Produktionen im Doppeldoppelpass

Knapp die Hälfte seiner Tore für den FC Barcelona hat er so erzielt, von jedem Punkt in der gegnerischen Hälfte kann sein Sturmlauf losbrechen, gegen Real Madrid und den FC Getafe hat er mal von der Mittellinie aus sein Dribbling angezogen, durch vier, fünf, sechs grätschende, tretende, stürzende Männer hindurch.

Das ist der eine Messi. Der andere Messi ist der Mitspieler, die Gummiwand, ein Passautomat, der Bälle manchmal mit 100 Stundenkilometern auf den Fuß seiner Mitspieler jagt, genau zum richtigen Zeitpunkt, genau in den Lauf, so gespielt, dass die Bälle den Weg zurückfinden auf seinen Fuß, an staunenden, verwirrten, hilflosen Gegenspielern vorbei, die nur noch den Ball aus dem Netz holen dürfen. Ein Drittel seiner Saisontore sind solche Co-Produktionen, viele davon im Doppeldoppelpass oder im Doppeldoppeldoppelpass.

In den letzten drei Jahren wurde er jeweils zum Weltfußballer des Jahres gewählt, Messi bekam den begehrten Ballon d'Or und nicht sein großer Rivale Cristiano Ronaldo.

Messi gegen Ronaldo, das ist Muhammad Ali gegen Joe Frazier, das ist Pete Sampras gegen Andre Agassi, das ist ein Duell, das es im Mannschaftssport eigentlich nicht geben darf. Es erregt Millionen Fußballfans, füllt jeden Tag Dutzende Websites, Foren, Blogs, es tobt ein Kampf der Idioten, der Nerds, der Groupies, der Kenner. Real Madrids Alfredo Di Stéfano prägte die Fünfziger, der Brasilianer Pelé die Sechziger, Hollands Johan Cruyff die Siebziger, Maradona die Achtziger, Zinédine Zidane die Neunziger, Ronaldinho die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts. Seither duellieren sich zwei Überfußballer, die beide einer Ära ihren Namen geben könnten.

Messi spricht lieber mit dem Ball als mit Journalisten

Sie befeuern die Schlacht der Gläubigen, sie überbieten sich von Saison zu Saison mit Torrekorden und Trophäen, Messi hat mit dem FC Barcelona 19 Titel erobert, darunter fünfmal die spanische Meisterschaft und dreimal die Champions League. Ronaldo hat mit Manchester United und Real Madrid elf Titel eingefahren, darunter vier nationale Meisterschaften und einmal die Champions League.

Messi spricht lieber mit dem Ball als mit Journalisten, ist Unicef-Botschafter, Gründer der Leo-Messi-Stiftung, die benachteiligten Kindern Chancen bieten will, und er sagt über sich: "Nach einem Krankenhausbesuch ist mir die besondere Rolle als öffentlicher Mensch klargeworden."

Ronaldo inszeniert seinen Körper, seinen Reichtum, seinen Aufstieg, Messi sein Herz, seine Bescheidenheit, seinen Aufstieg. Ronaldo ist böse bis zur Ehrlichkeit, Messi gut bis zur Lächerlichkeit, der Teufel motiviert sich durch Hass, der Engel durch Zuneigung. Beide Inszenierungen bringen ähnlich viel Geld: Nike, Armani, Coca-Cola, Konami, Clear Shampoo und andere Firmen zahlen Ronaldo jährlich etwa 25 Millionen Euro, Real Madrid legt noch mal 13 Millionen drauf. Adidas, Dolce & Gabbana, Pepsi, Herbalife, EA Sports und andere zahlen Messi 20 Millionen Euro, Barcelona legt jährlich noch mal elf Millionen drauf.

Sie sind als Fußballtypen so verschieden wie als Werbeträger, aber ihr Leben verlief ähnlicher, als man annimmt. Sie sind beide der Beweis dafür, dass man Überirdische - bei entsprechendem Genmaterial - züchten kann wie seltene Blüten im botanischen Garten. Als Kinder und Jugendliche waren sie Außenseiter, zu klein der eine, mit Herzproblemen der andere, an der Schule waren sie wenig interessiert, nur auf den Ball fixiert, früh als Ausnahmetalente entdeckt, von Rosario in Argentinien nach Barcelona verpflanzt und von Madeira nach Lissabon, auf Ball-Internaten gedrillt und gefördert, von der Familie getrennt, jahrelang und oft weinend dem Debüt als Profi-Spieler entgegenschuftend. Messi bekommt sein erstes Spiel im Profi-Team von Barcelona im November 2003 mit 16 Jahren, Ronaldo bei Sporting Lissabon im Juli 2002 mit 17 Jahren, beide sorgen bei Zuschauern und Gegnern für Erstaunen.

Mehr Tore als ein klassischer Mittelstürmer!

Man musste Messi nicht viel beibringen, sagen seine Jugendtrainer, mit sieben Jahren führte er den Ball schon so eng wie heute, auch der Zug zum Tor war schon entwickelt. Der rücksichtslose Siegeswille war bei beiden gleich, Niederlagen wurden beweint, Ronaldo arbeitete verbissen daran, beidfüßig gleich gut zu sein, schulte sich im Kopfballspiel und in ersten Gesten der Arroganz.

Messi lernte in La Masia, dem Internat des FC Barcelona, seinen Straßenfußball mit Barças Kombinationsgewitter zu verbinden. Der schönste Weg zum Tor besteht aus möglichst vielen Kurven; der zweitschönste Weg sind möglichst viele Kurzpässe; verlierst du den Ball, hol ihn dir sofort zurück, verstehst du, sofort!

Im 4-3-3-System spielte er, als Linksfuß, auf der linken Seite, dann schob ihn sein Trainer Frank Rijkaard - gegen Messis Protest - auf die rechte Seite, um ihn in die bessere Position für Dribblings und Schüsse zu bringen. Sein Nachfolger Pep Guardiola beförderte Messi in die Zentrale des Offensivspektakels und machte ihn so zur ultimativen Tormaschine - darum konnte Messi in diesem Jahr den legendären Torrekord von Gerd Müller brechen.

Mehr Tore als ein klassischer Mittelstürmer! Mal spielt Messi so, wie früher eine "9" unterwegs war, mal ist er eine "7", mal eine "11", mal eine "8", mal eine "6". Aus Messi ist dank Guardiola eine "10" neuen Typs geworden, eine Sturmspitze, ein Flügelstürmer und ein Ballverteiler, wie es ihn vorher im Fußball so nicht gab. Messi schenkt dem Fußball die Schönheit der Anarchie, Ronaldo gibt ihm das Vorbild einer Menschmaschine, die kotzt, wenn seine Mannschaft 5:1 gewinnt, aber er kein Tor geschossen hat. Der eine spielt Fußball mit der Energie eines Terminators, der andere mit dem Trotz eines Forrest Gump. Ein besonderer Mensch zu sein, diese Gewissheit treibt sie immer wieder an, jedes Tor ist der Beweis, jeder Ballon d'Or der Heiligenschein.

Messi bei Real Madrid, Ronaldo bei Barcelona, wer würde der Mannschaft mehr helfen? Messi und Ronaldo, die besten Fußballer aller Zeiten? Da ist sie, die lächerlichste aller Fragen, die so ernst beantwortet werden muss wie alle lächerlichen Fußballfragen und so sorgfältig wie keine andere. Moment, sagt Pelé, die sollten erst mal meine 1000 Tore geschossen haben und dreimal Weltmeister gewesen sein. Pelé war halb Messi, halb Ronaldo, er hatte den angeborenen Instinkt, den Gegner durch Körpertäuschungen zu überwinden, und er hatte die Schusstechnik einer athletischen Tormaschine.

Zinédine Zidane konnte das Spiel seiner Mannschaft besser dirigieren als Messi, er war halb Messi und halb Xavi, Barças Ballverteiler, Zidane bewegte sich geschmeidig über den Platz, als hätte er Opernarien im Ohr. Messis Bewegungen folgen einem nervösen Beat. Allerdings müssen sich Messi und Ronaldo heutzutage durch Abwehrreihen schlagen, die vielbeiniger sind und enger stehen als zu Zeiten ihrer legendären Vorbilder.

Maradona, der über Messi sagt, er spüre seinen Geist in dessen Körper, war langsamer, berechenbarer und weniger torgefährlich als Messi (allerdings mehr auf Droge), aber er wurde mit Argentinien Weltmeister. Messi und Ronaldo sind einzigartige Vereinsspieler, als Nationalspieler umweht sie der Makel der Erfolglosen. Auch Gerd Müller, Weltmeister 1974, war als Nationalspieler erfolgreicher als sie. Der Materialist kann sagen, Siege im Nationaltrikot lassen sich schlechter vermarkten, weltweit. Der Idealist wird sagen, nach 60 Spielen im Vereinstrikot bleibt am Ende der Saison zu wenig Messi übrig und zu wenig Ronaldo, um auch noch im Nationaltrikot zu triumphieren.

Am 7. Januar kommt es wieder zum Duell der beiden Überfußballer, dann wird entschieden, wer den Ballon d'Or für dieses Jahr gewinnt.

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1. optional
hello_again 10.12.2012
Weltmeister 1972. Aha... ;-)
2.
Hansen23 10.12.2012
Zitat von sysop85, 86, unsterblich: Mit zwei Treffern gegen Betis Sevilla hat Lionel Messi Gerd Müllers legendären Torrekord gebrochen. Der kleine Große pulverisiert Bestmarken, lässt gegnerische Abwehrreihen lächerlich aussehen. Was macht den Argentinier so stark? Lionel Messi: Das ist der Mann, der Gerd Müllers Torrekord brach - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/lionel-messi-das-ist-der-mann-der-gerd-muellers-torrekord-brach-a-871894.html)
1972 herrschte ein dramatischer Mangel an Weltmeisterschaften, deshalb wurde Müller erst 1974 Weltmeister...
3. Messi ist ein herausragender Spieler
KuGen 10.12.2012
...aber ich finde solche Hosianna-Gesänge, solche Heldenverehrung, solch ein Ausrollen des Gebetteppichs nur peinlich.
4. keine
FritzW. 10.12.2012
Warum hören wir nur noch so selten was von Ihnen, Herr Schnibben? Fußball interessiert mich überhaupt nicht, der Artikel hat mich trotzdem begeistert!!
5. .
jan delta 10.12.2012
Zitat von sysop85, 86, unsterblich: Mit zwei Treffern gegen Betis Sevilla hat Lionel Messi Gerd Müllers legendären Torrekord gebrochen. Der kleine Große pulverisiert Bestmarken, lässt gegnerische Abwehrreihen lächerlich aussehen. Was macht den Argentinier so stark? Lionel Messi: Das ist der Mann, der Gerd Müllers Torrekord brach - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/lionel-messi-das-ist-der-mann-der-gerd-muellers-torrekord-brach-a-871894.html)
Messi konnte Gerd Müllers Rekord gar nicht mehr brechen,denn Gerd Müller benötigte 1972 für seine 85 Tore nur 60 Spiele.Messi hatte in diesem Jahr nach 60 Spielen "nur"76 Tore erzielt.Die gleiche Anzahl von Spielen benötigt man schon,um diese Zahlen miteinander vergleichen zu können.
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Die Stürmer-Stars im Vergleich
Messis Tore (Barcelona und Argentinien)
Gesamt (2012): 90
Primera Division: 58
Copa del Rey: 5
Span. Super-Cup: 2
Champions League: 13
Testländerspiele: 7
WM-Qualifikation: 5
Müllers Tore (Bayern und Deutschland)
Gesamt (1972): 85
Bundesliga: 42
DFB-Pokal: 7
Pokalsieger-Cup: 1
Landesmeister-Cup: 10
Ligapokal: 12
Länderspiele: 8
EM 1972: 5

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