Löws Streich-Quartett Ab in den Urlaub

Für vier Nationalspieler endete am Montagnachmittag das Abenteuer Europameisterschaft frühzeitig. Drei Talente und ein Altgedienter außer Form mussten gehen. Der Bundestrainer bewies einmal mehr: Experimente sind seine Sache nicht.

Aus Tourrettes berichtet

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Die 22. Trainingseinheit war eine Premiere: zum ersten Mal nach knapp zwei Wochen Trainingslager versammelte Bundestrainer Joachim Löw am Montagmorgen seinen gesamten Kader um sich. Alle 27 Akteure standen auf dem akribisch gemähten Rasen des Trainingscamp in Tourrettes. Auch die Spieler des FC Bayern München, die erst vorgestern in Südfrankreich gelandet waren, waren mit dabei.

Mit einigen Stunden Abstand betrachtet wird klar: Es ging bei dieser ersten gemeinsamen Einheit weniger um das Einstudieren von Laufwegen, Pressing oder Eckbällen. Vielmehr diente sie der Begrüßung der einen und Verabschiedung der anderen Spieler. Denn nur kurz nach dem Training bat Joachim Löw die Spieler Cacau, Sven Bender und Julian Draxler sowie Torwart Marc-André ter Stegen jeweils einzeln zum Gespräch.

Während nur knapp eineinhalb Kilometer entfernt vom DFB-Quartier Sami Khedira in einer Pressekonferenz darüber sprach, dass die Streichung aus dem EM-Kader "für jeden Spieler extrem brutal ist", teilte Löw dem Quartett mit, dass es nicht mit nach Polen und in die Ukraine reisen darf.

Einmal mehr demonstrierte der 51-Jährige so, dass er ein klarer Verfechter von Kontinuität und langsamem, stetem Wachstum ist. Im endgültigen Aufgebot finden sich 14 Spieler wieder, die bereits das WM-Turnier 2010 gespielt und Bronze gewonnen hatten. Dieser Wunsch, Erfolg durch Nachhaltigkeit zu erzielen, ohne große Experimente oder Überraschungen, zeichnet Löw aus. Das Prinzip zieht sich nahtlos durch seine gesamte DFB-Ära. Die Zeiten, in denen überalterte Altstars wie beispielsweise Lothar Matthäus bei der EM 2000 aufgrund des öffentlichen Drucks für ein Turnier nominiert wurden, sind schon seit der WM 2006 und dem Trainerduo Jürgen Klinsmann/Löw passé.

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Insofern sind die jüngsten Streichungen nicht sonderlich überraschend. Ter Stegen, Draxler und Sven Bender sind allesamt Anfang 20, sie stehen noch am Anfang ihrer Karrieren, haben bisher kaum internationale Erfahrungen sammeln können. Wenn sie es schaffen, diesen Rückschlag wegzustecken, dürften sie zeitnah in Löws Kader zurückkehren.

Auch die Demission Cacaus passt voll und ganz zu Löw. Der Nationaltrainer hielt so lange und eisern am gebürtigen Brasilianer fest, dass die Streichung nun einer Erlösung gleichkommt. Cacau, der eine katastrophale vergangene Saison gespielt hatte und beim VfB Stuttgart nur noch Edelreservist war, wirkte in zahlreichen Übungen auf dem Trainingsplatz in Tourrettes völlig deplaziert. Bei manchen Einheiten sah es aus, als würde dort ein Vater, der früher einmal in Form war und gut Fußball gespielt hat, mit seinem Sohn und dessen Freunden kicken.

Die Nationalmannschaft hat Cacau schlichtweg überholt, Spieler wie Marco Reus haben ein wesentlich größeres Potential. Cacau hat zwar nach wie vor eine große Ruhe vor dem Tor, glänzt noch immer mit guter Übersicht. Aber ihm fehlt seit geraumer Zeit die nötige Dynamik, der schnelle Antritt und auch das Durchsetzungsvermögen für die Momente, auf die Löw und sein Team hinarbeiten.

"Ich werde in jedem Training alles geben, damit ich bei der EM dabei bin", hat der Stürmer noch vor wenigen Tagen gesagt. Zudem kokettierte er mit seinem Wert als Teamspieler, der die Mannschaft bei Laune halten kann. Aber auch dieser letzte Strohalm, der für Löw bisher keineswegs ein unbedeutender war, konnte Cacau diesmal nicht retten. Nun ist die Nationalmannschaftszeit des Stuttgarters wohl endgültig abgelaufen. Es scheint nach den Eindrücken der vergangenen Trainingswochen selbst für den Nostalgiker Löw ausgeschlossen, Cacau jemals wieder ins Nationalteam zu holen.

Menschlich wird die Abreise des Stuttgarters ein Verlust für das DFB-Team darstellen. Sportlich aber hat seine Streichung, wie auch die der drei anderen Spieler für die EM-Mannschaft keine Bedeutung. Das Quartett wäre ohnehin über den Status des Ergänzungsbeiwerks nicht hinaus gekommen, realistische Chancen auf EM-Einsätze hatte niemand von ihnen. Wahrscheinlich wird schon beim Länderspiel in Leipzig gegen Israel am kommenden Donnerstag kaum jemand über Draxler und Co. sprechen. Dann sind die vier bereits im Urlaub.

Der deutsche EM-Kader
Tor: Manuel Neuer (Bayern München), Tim Wiese (Werder Bremen), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

Abwehr: Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Bayern München), Benedikt Höwedes (FC Schalke), Mats Hummels (Borussia Dortmund), Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (FC Arsenal)

Mittelfeld: Lars Bender (Bayer Leverkusen), Mario Götze (Borussia Dortmund), Sami Khedira (Real Madrid), Toni Kroos (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Mesut Özil (Real Madrid), Marco Reus (Borussia Mönchengladbach), André Schürrle (Bayer 04 Leverkusen), Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund), Lukas Podolski (1. FC Köln)

Angriff: Mario Gomez (Bayern München), Miroslav Klose (Lazio Rom)

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Seite 1
widower+2 28.05.2012
1. Wer war denn gegen die Schweiz der Beste?
Zitat von sysopGetty ImagesFür vier Nationalspieler endete am Montagnachmittag das Abenteuer Europameisterschaft frühzeitig. Drei Talente und ein Altgedienter außer Form mussten gehen. Der Bundestrainer bewies einmal mehr: Experimente sind seine Sache nicht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,835601,00.html
Draxler! Ein unverzeihlicher Fehler, den Jungen nicht mitzunehmen. Fast so schlimm wie 1994, als unser Bundesberti den seinerzeit besten deutschen Fußballer, Mehmet Scholl, wegen einer unbedeutenden Verletzung nicht mitgenommen hat. Nee, Löw. Das war gar nichts. So gewinnt Deutschland nie wieder einen Titel. Kontinuität? Bull Shit. Wenn Messi 2006 gegen Deutschland hätte spielen dürfen, wäre die Reise im Viertelfinale beendet gewesen. Aber Messi war wenigstens im Kader.
didigermany 29.05.2012
2. Herr Buschmann
Was wollen Sie denn mit Ihrem Artikel sagen oder bezwecken. Schauen Sie sich das Team mal etwas genauer an. Das Ganze ist ein Experiment .Das Durchschnittsalter des Teams duerfte wohl im Vergleich zu anderen Teams bei der EM zu den juegnsten zaehlen. Schauen Sie sich mal als Beispiel das Seniorenteam der Englaender an. Da gilt es schon als Experiment wenn der Coach 1 oder zwei unter 25 einsaetzt. Was erwarten Sie denn vom Bundestrainer. Fuer mich gehoeren Sie in die Kategorie der Schokoladen-Ball Experten. Aehnlich einem Bela Rethy als Kommentator vom ZDF. Angefangen als Moderner Fuenfkampf Experte, dann auf dem zweiten Bildungsweg Fussball "gelernt"
knupauger 29.05.2012
3. Experimente sind nicht die Sache des Bundestrainers?
Er hat gerade einen Reus zur ersten Alternative hinter, je nach Position, Klose und Müller erhoben. Götze, Bender, Gündogan, Schmelzer, Hummels. Die Testpiele deuten eine Zukunft an, in der die Mannschaft mit einer Dreierkette und einem bis zu sieben Mann starken Mittelfeld spielen wird, in dem feste Raumzuteilungen mehr existieren. Wie viel Experiment braucht es denn noch?
ollux 29.05.2012
4. Löw
Der Bundestrainer bewies einmal mehr: Experimente sind seine Sache nicht. wie sollte er auch? Da nach langläufiger Meinung schon der EM-Pott in der Frankfurter Zentrale des DFB zu stehen scheint, kann er sich keinen Fehltritt erlauben. Neben brilliant gescheitelten Aussehens wird er schon tief in die Trickkiste greifen müssen, um langfristig nicht als Loser dazustehen.
tommahawk 29.05.2012
5. Wer gewinnt hat Recht!
Trainer Löw's Entscheidungen sind richtig, wenn er die EM gewinnt. Und sie sind falsch, wenn er sie nicht gewinnt. Fussball ist eine einfache Sache. Wer siegt hat richtig gehandelt. Viel Glück, Jogi Löw!
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