Von Peter Ahrens
Wenn man dem Bundestrainer und seinem Kapitän Philipp Lahm so ins Gesicht schaut, müsste man denken: Es war ein dramatisches Gespräch, das die zwei zuvor geführt haben. Beide haben ihre allerernsteste Miene aufgesetzt, um am Dienstagmittag in Düsseldorf gemeinsam vor die Presse zu treten. Dann redet Löw, und er sagt: "An unserem gegenseitigen vertrauensvollen Verhältnis hat sich selbstverständlich nichts geändert."
Die Auszüge, die die "Bild"-Zeitung in der Vorwoche aus Lahms Werk "Der feine Unterschied" veröffentlicht hat, die Art und Weise, wie Lahm darin über die Trainingsdefizite seiner ehemaligen Coaches Jürgen Klinsmann und Rudi Völler schreibt - das alles hat Löw tatsächlich kaum beeindruckt. Er sagt: "In dem Buch werden keinerlei Interna aus der Nationalmannschaft nach draußen gegeben, und das würde der Philipp auch niemals tun." Eine eindeutigere Ehrenerklärung für seinen Kapitän kann es nicht geben.
Dass er es "nicht glücklich" finde, dass Lahm "als aktiver Spieler über Trainer urteilt", gibt Löw der Form halber zu Protokoll. Ebenso pflichtschuldig zeigt sich Lahm daraufhin zerknirscht, sagt, dass "die vergangenen Tage nicht angenehm" für ihn gewesen seien und dass er mit solch vehementen Reaktionen "selbst nicht gerechnet" habe. Es sei doch "in Wirklichkeit ein leises Buch". Es sei überhaupt nicht seine Art, "Trainer in die Pfanne zu hauen".
"Werde mich freuen, mit Rudi Völler zu reden"
Am heftigsten aus dem Kreis derer, die sich in die Pfanne gehauen fühlten, war in der Vorwoche der ehemalige Bundestrainer und jetzige Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler hervorgetreten. Völler hatte Lahm "null Charakter" unterstellt und dessen Buch "schäbig" genannt. Nach solch brachialen Worten ist normalerweise nicht mehr viel im persönlichen Verhältnis zwischen beiden zu retten. Wie lautet Lahms Reaktion darauf? "Ich würde mich freuen, mit Rudi Völler darüber zu sprechen. Wir hatten bisher immer ein gutes Verhältnis, und wir werden es auch weiterhin haben."
Die Aufregung um die Passagen aus dem Buch haben die Vorbereitung der Nationalmannschaft auf das EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich (Freitag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gestört. Das hat den Bundestrainer weit mehr verärgert als der Inhalt des Werkes. "Es stört uns auch, dass wir bei der Nationalmannschaft uns ständig tagelang mit anderen Themen herumschlagen müssen und immer wieder dazu befragt werden." Das über Monate schwelende Thema Michael Ballack ist mittlerweile abgewickelt, jetzt hat sein Nachfolger im Kapitänsamt für die nächste Unruhe gesorgt.
Wie wichtig die Nationalmannschaft die vermeintlichen Enthüllungen Lahms nimmt, lässt sich auch daraus entnehmen, dass der Spielerrat entgegen der Ankündigung des DFB beim angeblichen Rapport-Gespräch zwischen Bundestrainer und Kapitän überhaupt nicht anwesend war. "Den Spielerrat auch noch dazu einzuladen, hatten wir keine Zeit", so Löw. Und Lahm, befragt, wie er denn von den Kollegen aufgenommen worden sei, tut kund: "Die Reaktionen waren wie bei jedem Treffen. Da gab es keinen Unterschied." Nicht einmal einen feinen.
Deutliche Worte Richtung Weidenfeller
Lahm ist Löws Führungsspieler, einer, der seine Philosophie vom Fußball teilt. Die Vorstellung, den Kapitän aufgrund von ein paar Passagen aus einem harmlosen Fußballerbuch fallenzulassen, ist dem Bundestrainer nicht einmal im Ansatz gekommen. "Ich kenne Philipp als authentisch, ehrlich, klar", sagt Löw. Normalerweise tritt der Bundestrainer immer erst einen Tag vor dem Länderspiel vor die Presse. Für Lahm hat er eine Ausnahme gemacht. Franz Beckenbauer, einer von Löws Vorgängern, sang einmal: Gute Freunde kann niemand trennen.
Dass der Bundestrainer auch ganz anders kann, macht er ein paar Minuten später deutlich, als es um die Torwartposition geht. Löw wird auf Dortmunds Keeper Roman Weidenfeller angesprochen, der sich zuletzt bitter darüber beklagt hat, dass der DFB ihn bei der Kader-Nominierung regelmäßig übergehe und ihm jetzt sogar der junge Hannoveraner Schlussmann Ron-Robert Zieler vorgezogen würde. Löw antwortet: "Weidenfeller ist ein guter Torhüter. Aber wir halten Zieler für den besseren." Schluss, Aus, erledigt. Roman Weidenfeller kann eine DFB-Karriere ab sofort vergessen.
"Ich wünsche mir, dass das Thema um das Buch jetzt auch bald ad acta gelegt wird,", sagt Löw, und die Journalisten tun ihm den Gefallen. Nach 20 Minuten wird schon wieder nach dem Spielsystem gegen die Österreicher gefragt, nach der Formkurve von Lukas Podolski, nach dem reichen Potential der jungen Torleute in Deutschland. Was man vor Länderspielen eben so fragt.
Lahm selbst, der zunächst noch zu begründen hatte, warum er dieses Werk denn überhaupt verfasst habe - "ich wollte einen Blick auf meine Karriere werfen: Was habe ich erreicht, wo will ich noch hin?" - wird am Ende gar nicht mehr in das Frage-Antwort-Spiel der Pressekonferenz einbezogen. Auch für die Fußballjournalisten ist das Thema Lahm-Buch erledigt.
Parallel zur Pressekonferenz meldet der Internetbuchhändler Amazon: "Der feine Unterschied" hat es schon einen Tag nach dem offiziellen Erscheinen auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste geschafft. Er hat Charlotte Roches "Schoßgebete" abgelöst.
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