Löws EM-Casting Schiere Show statt echte Chance

Marin, Helmes, Jones: Joachim Löw hat die drei Spieler mit der geringsten Erfahrung aus dem EM-Kader gestrichen. Und das stellt den Sinn des ganzen Vorgehens gehörig in Frage - der Bundestrainer hätte doch alles vorher wissen können.

Aus Palma de Mallorca berichtet


Ja natürlich, sagt Joachim Löw, er würde es wieder genauso machen. 26 Spieler nominieren, um dann drei nach Hause zu schicken. Ihnen eine Woche Hoffnung machen und dann zerstören. Stilvoll.

Bundestrainer Löw: Überraschungen blieben aus
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Bundestrainer Löw: Überraschungen blieben aus

Um 11.15 Uhr am Mittwoch rief er Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes zu sich, erklärte ihnen die Gründe für die Streichung, dann kam die Mannschaft dazu. "Sandkörner gaben den Ausschlag", sagt der Bundestrainer. Ein paar Sandkörner fehlten, das will Löw sagen und auch, dass die Waage durchaus zugunsten der drei Heimflieger hätte ausschlagen können.

Aber hätte sie das wirklich?

Es gibt berechtigte Zweifel daran. Löw überlegt viel zu lange, als er gefragt wird, ob die Mannschaft, die nun die EM angehen soll, sich von der unterscheidet, die das Trainerteam schon vor der Präsentation auf der Zugspitze am 16. Mai im Kopf hatte. Und ob jemals eine echte Chance für Marin, Jones oder Helmes bestand, sich für den endgültigen EM-Kader zu qualifizieren.

Die Antwort darauf entscheidet auch darüber, welchen Sinn es gemacht hat, drei Spieler mehr in die Vorbereitung zu nehmen.

Die Entscheidung contra Marin, Jones und Helmes selbst ist nachvollziehbar. Marin offenbarte physische Defizite, "er hat ja in der Zweiten Liga gespielt, und die EM wird auf körperlich hohem Niveau ablaufen", sagt Löw. Der gerade 19-jährige Gladbacher werde sich aber auf diesem Gebiet sicher entwickeln, erklärt der Bundestrainer, der Marin zwischendurch immer wieder dafür lobt, dass er "dazugelernt" habe in der Mallorca-Woche. Aber das sind Sätze, die nicht nachhallen. Im Raum bleibt stehen: Marin ist körperlich noch zu schwach, um ein großes Turnier durchzustehen.

Das Problem ist: Das musste Löw auch vorher schon wissen.

Er wusste auch, dass Patrick Helmes zwar ein torgefährlicher Stürmer ist "mit Qualitäten im Strafraum und im Abschluss" - aber dass Oliver Neuville, 35, im Gegensatz zum 24-jährigen Kölner über die Erfahrung von zwei Weltmeisterschaften verfügt und in "ganz wichtigen Momenten" (wie dem 1:0 gegen Polen in der WM-Vorrunde 2006 oder dem ersten Elfmeter gegen Argentinien im Viertelfinale) überzeugte. "Die Erfahrung hat hier den Ausschlag gegeben", sagt Löw.

Es stand auch vor einer Woche schon fest, dass es auf der Position im defensiven zentralen Mittelfeld "ein Überangebot gibt", das zu groß ist, als dass noch Platz wäre für Jones. Der Schalker habe eine starke körperliche Präsenz, lobt Löw, "er hat unglaublichen Einsatz gezeigt und ist für die Zeit nach der EM sicherlich ein Kandidat".

Es ist ein Casting der Chancenlosen gewesen. Eine Show.

Übrig bleibt ein Kader, aus dem 15 Spieler schon bei der WM dabei waren. Die "für das Sommermärchen gesorgt" haben, wie es Christoph Metzelder nennt. Eine Ansammlung von Altbekannten, die 2006 weit kamen und auf deren Schultern auch die EM-Qualifikation souverän bestritten wurde. David Odonkor ist dabei, von dem der Bundestrainer sich vielleicht einen psychologischen Vorteil im Spiel gegen Polen erhofft, weil er vor zwei Jahren die Vorlage zum 1:0 gab. Und Tim Borowski darf mit, obwohl er lange an einem grippalen Infekt litt. "Wir haben eigentlich die ganze Zeit mit ihm auch für das Turnier geplant", sagt Löw.

Piotr Trochowski ist dabei, weil er immer das zeigt, was man von ihm erwartet: Ballsicherheit, Variabilität, spielerische Linie. Gegen Weißrussland kam auch noch wie von Löw gefordert der Torabschluss dazu - der HSV-Profi hat sich als lernfähig erwiesen. Und der Mittelfeldspieler ist schon seit Oktober 2006 dabei.

Der Kader, der bei der EM 2008 mindestens ins Halbfinale kommen soll, ist rational. Weil er eingespielt ist, erfahren und deshalb druckresistent. Er kann bei den Polen für Magenschmerzen sorgen, wenn sich Odonkor nur an der Seitenlinie warmmacht. Er kann in einem Elfmeterschießen den gegnerischen Torwart verunsichern, wenn Neuville als erster antritt. Dieser Kader kann die WM vergessen machen und den Titel holen.

Nur eins kann er nicht: Überraschen.



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