Löws Systemumstellung Auf Barças Spuren

Joachim Löw gilt nicht als besonders experimentierfreudig. Sogar seine Mannschaft war überrascht, als der Bundestrainer beim Testspiel in der Ukraine eine Dreierkette in der Abwehr aufstellte. Trotz dreier Gegentreffer verteidigte Löw das System, das auch der FC Barcelona ausprobiert. 

DPA

Joachim Löw hatte gewartet, sich lange an die Regeln gehalten, bis er irgendwann den Mut fasste, sich doch vor die Bande direkt an den Spielfeldrand zu schmuggeln, die mitten durch die Coaching-Zone verlief. Der Bundestrainer wollte seine Versuchsanordnung aus nächster Nähe beobachten. Was die Systeme der Fußball-Nationalmannschaft betrifft, galt Löw ja nicht als allzu experimentierfreudig, doch am Freitagabend vor dem ereignisreichen 3:3 (1:3) der Deutschen in der Ukraine hat er sich unter die Abenteurer seiner Gilde begeben und etwas Neues ausprobiert. Eine Formation, die er später als 3-5-2-System bezeichnen sollte.

Das Besondere an diesem Ansatz ist die Dreierabwehrkette, die eigentlich längst als abgeschafft galt. Und viele Beobachter waren sich nach dieser Partie, in der das Nationalteam erstmals seit dem 3:3 in Finnland vor über drei Jahren wieder einmal mehr als zwei Gegentore zuließ, einig: Das war in die Hose gegangen. Dreierketten gehören in die Geschichtsbücher.

Selbst die Spieler empfanden die Sache als ziemlich missglückt, "natürlich haben wir uns das anders vorgestellt", sagte Mario Götze, und Mats Hummels berichtete verwundert, dass die veränderte Systematik überhaupt nicht trainiert worden sei. "Wir wurden überrascht und haben das erst in der Mannschaftssitzung am Tag des Spiels erfahren", erzählte der Innenverteidiger, der als Teil der Kette besonders im Fokus stand.

Fotostrecke

15  Bilder
DFB-Einzelkritik: Träger Träsch, orientierungsloser Aogo
Hummels hatte große Schwierigkeiten mit der Umstellung. Nur Löw selbst erklärte das Experiment zum Erstaunen seiner Zuhörer für gelungen. "Ich bin sehr zufrieden" verkündete er vergnügt, wobei er immerhin ahnte, dass er mit dieser Sicht der Dinge "einer von Wenigen" sein würde.

Vielleicht resultierte Löws Wohlgefallen aus der Tatsache, dass diese deutsche Mannschaft selbst in solchen Spiele, in denen die Arbeit gegen den Ball nur mäßig funktioniert, immer in der Lage ist, mit Spielkunst und Willensstärke doch in die Partie zurück zu finden. Vielleicht war er einfach begeistert von Toni Kroos, dessen Leistung er als "ich würd' mal sagen: überragend gut" bezeichnete. Dass die Ukraine nicht nur drei Tore erzielte. (Yarmelenko, 28.; Konoplyanka, 37.; Nazarenko, 45.), sondern weitere fabelhafte Möglichkeiten ausließ, konnte er allerdings kaum übersehen haben.

Vorbild FC Barcelona

Doch offenbar ging es dem Bundestrainer mehr um den Lerneffekt als darum, dass die Sache sofort funktioniert. "Wir wollen uns weiterentwickeln, wir wollen auch unberechenbar sein", sagte er. Die Mannschaft sei reif, Alternativen zum "Hauptsystem", dem 4-2-3-1 zu erlernen. Natürlich erinnert er sich bestens an das WM-Halbfinale gegen Spanien, wo seine Mannschaft nach dem Rückstand nicht in der Lage war, das Risiko zu erhöhen. Für solche Momente könnte die Erfahrung von Kiew taugen.

Und nicht zuletzt folgt Löw mit der Dreierkette einem Trend, der an einigen Standorten, wo viel Wert auf Dominanz gelegt wird, längst Alltag ist. Der SSC Neapel und Udinese Calcio haben in der vergangenen Saison erstaunliche Erfolge mit so einer Abwehrformation zustande gebracht, und in diesem Spieljahr war die Dreierkette bereits in Liverpool, bei Inter Mailand, vor allem aber beim FC Barcelona zu sehen.

In Spanien wurde der Versuch des Champions-League-Siegers vor einigen Wochen gar als "Revolution Pep" gefeiert, in Anlehnung an Trainer Pep Guardiola. Und weil Löw - wie alle ambitionierten Fußball-Lehrer dieser Welt - genau hinsieht, was in Barcelona gemacht wird, liegt es nahe, dass er das Repertoire seiner Mannschaft um diese Variante erweitern möchte. Denn mit Dreierkette kann man gegen traditionelle Systeme wie ein 4-4-2 in der Offensive praktisch permanent Überzahl erzeugen.

So wie die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit in Kiew. Zwar hat das Team auch da Konter zugelassen, den größten Teil der Partie konnte die DFB-Elf aber in die Hälfte der Ukrainer verlagern. Kroos hatte bereits in der ersten Hälfte mit einem präzisen Schuss den deutschen Anschlusstreffer zum zwischenzeitlichen 2:1 erzielt (39.), die Treffer durch die eingewechselten Simon Rolfes (65.) und Thomas Müller (78.) hat die Mannschaft sich dann aber durchaus verdient.

Auch weil Mesut Özil und Mario Götze nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser harmonierten. Und die drei, vier Gelegenheiten der Ukrainer auf ein viertes Tor hatten auch ihre gute Seite: Debütant Ron-Robert Zieler konnte zeigen, dass er ein wirklich guter Torhüter ist.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
achazvonthymian 12.11.2011
1. Löw und Barca
Wenn Löw meint, mit braven deutschen Rumpelfußballern das System von Barca übernehmen zu können, dann müsste er die Kunst haben, aus Ackergäulen Springpferde machen zu können. Bisher jedenfalls ist das selten jemandem gelungen. Wenn Deutsche "brasilianisch" spielen wollten, ging das regelmäßig in die Hose. Der Deutsche kann ehrlich rennen, kämpfen und hat nicht die Eleganz von Latinos. Ein Herr Schweinsteiger, allein schon vom Aussehen grobschlächtig, wird niemals ein Barca-System spielen können. Man kann es auch politisch beobachten: Der Deutsche ist nun mal der brave Rettungsschirmzahler, der Latino kassiert. Und so ist es auch auf dem grünen Rasen: Löws Buben können ehrlich kämpfen mit viel Kraft, aber niemals Barca das Wasser reichen. Löw wird das spätestens dann einsehen, wenn Deutschland bei der EM gescheitert ist. Es ist nur die Frage, was eher eintritt: Löws Pleite bei der EM 2012 oder Deutschlands Pleite samt EURO insgesamt. Es bleibt jedenfalls spannend.
simonbogarde 12.11.2011
2. Dornröschenschlaf
Zitat von achazvonthymianWenn Löw meint, mit braven deutschen Rumpelfußballern das System von Barca übernehmen zu können, dann müsste er die Kunst haben, aus Ackergäulen Springpferde machen zu können. Bisher jedenfalls ist das selten jemandem gelungen. Wenn Deutsche "brasilianisch" spielen wollten, ging das regelmäßig in die Hose. Der Deutsche kann ehrlich rennen, kämpfen und hat nicht die Eleganz von Latinos. Ein Herr Schweinsteiger, allein schon vom Aussehen grobschlächtig, wird niemals ein Barca-System spielen können. Man kann es auch politisch beobachten: Der Deutsche ist nun mal der brave Rettungsschirmzahler, der Latino kassiert. Und so ist es auch auf dem grünen Rasen: Löws Buben können ehrlich kämpfen mit viel Kraft, aber niemals Barca das Wasser reichen. Löw wird das spätestens dann einsehen, wenn Deutschland bei der EM gescheitert ist. Es ist nur die Frage, was eher eintritt: Löws Pleite bei der EM 2012 oder Deutschlands Pleite samt EURO insgesamt. Es bleibt jedenfalls spannend.
Meine Güte, Sie scheinen die letzten acht Jahre des deutschen Fussballs ja komplett verschlafen zu haben... Was für ein realitätsfremder Kommentar.
bienchen-maja 12.11.2011
3. Nervig
Zitat von achazvonthymianWenn Löw meint, mit braven deutschen Rumpelfußballern das System von Barca übernehmen zu können, dann müsste er die Kunst haben, aus Ackergäulen Springpferde machen zu können. Bisher jedenfalls ist das selten jemandem gelungen. Wenn Deutsche "brasilianisch" spielen wollten, ging das regelmäßig in die Hose. Der Deutsche kann ehrlich rennen, kämpfen und hat nicht die Eleganz von Latinos. Ein Herr Schweinsteiger, allein schon vom Aussehen grobschlächtig, wird niemals ein Barca-System spielen können. Man kann es auch politisch beobachten: Der Deutsche ist nun mal der brave Rettungsschirmzahler, der Latino kassiert. Und so ist es auch auf dem grünen Rasen: Löws Buben können ehrlich kämpfen mit viel Kraft, aber niemals Barca das Wasser reichen. Löw wird das spätestens dann einsehen, wenn Deutschland bei der EM gescheitert ist. Es ist nur die Frage, was eher eintritt: Löws Pleite bei der EM 2012 oder Deutschlands Pleite samt EURO insgesamt. Es bleibt jedenfalls spannend.
So beeindruckend Barcelona häufig spielt, kann ich es doch langsam nicht mehr hören. Versucht werden muss natürlich seine eigenen Stärken auszuspielen. Wer andere nur kopieren will, wird immer die Kopie bleiben. Aber zu ihrem Statement zu Herrn Schweinsteiger. Da übersehen sie wohl einen Herrn wie Puyol, der durchaus in das Barca-System passt. Darin sogar sehr wichtig ist. Gegen den wirkt Schweinsteiger geradezu filigran... .
juehe0 12.11.2011
4. auf Barcas Spuren
Sie hätten Komiker werden sollen oder haben Sie die letzten Jahre auf dem Mond gelebt.
unifersahlscheni 12.11.2011
5. Probieren...
...geht über studieren. Ansonsten würden wir noch Heute mit Libero und Vorstopper spielen...!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.