Von Daniel Theweleit, Kiew
Joachim Löw hatte gewartet, sich lange an die Regeln gehalten, bis er irgendwann den Mut fasste, sich doch vor die Bande direkt an den Spielfeldrand zu schmuggeln, die mitten durch die Coaching-Zone verlief. Der Bundestrainer wollte seine Versuchsanordnung aus nächster Nähe beobachten. Was die Systeme der Fußball-Nationalmannschaft betrifft, galt Löw ja nicht als allzu experimentierfreudig, doch am Freitagabend vor dem ereignisreichen 3:3 (1:3) der Deutschen in der Ukraine hat er sich unter die Abenteurer seiner Gilde begeben und etwas Neues ausprobiert. Eine Formation, die er später als 3-5-2-System bezeichnen sollte.
Das Besondere an diesem Ansatz ist die Dreierabwehrkette, die eigentlich längst als abgeschafft galt. Und viele Beobachter waren sich nach dieser Partie, in der das Nationalteam erstmals seit dem 3:3 in Finnland vor über drei Jahren wieder einmal mehr als zwei Gegentore zuließ, einig: Das war in die Hose gegangen. Dreierketten gehören in die Geschichtsbücher.
Selbst die Spieler empfanden die Sache als ziemlich missglückt, "natürlich haben wir uns das anders vorgestellt", sagte Mario Götze, und Mats Hummels berichtete verwundert, dass die veränderte Systematik überhaupt nicht trainiert worden sei. "Wir wurden überrascht und haben das erst in der Mannschaftssitzung am Tag des Spiels erfahren", erzählte der Innenverteidiger, der als Teil der Kette besonders im Fokus stand.
Vielleicht resultierte Löws Wohlgefallen aus der Tatsache, dass diese deutsche Mannschaft selbst in solchen Spiele, in denen die Arbeit gegen den Ball nur mäßig funktioniert, immer in der Lage ist, mit Spielkunst und Willensstärke doch in die Partie zurück zu finden. Vielleicht war er einfach begeistert von Toni Kroos, dessen Leistung er als "ich würd' mal sagen: überragend gut" bezeichnete. Dass die Ukraine nicht nur drei Tore erzielte. (Yarmelenko, 28.; Konoplyanka, 37.; Nazarenko, 45.), sondern weitere fabelhafte Möglichkeiten ausließ, konnte er allerdings kaum übersehen haben.
Vorbild FC Barcelona
Doch offenbar ging es dem Bundestrainer mehr um den Lerneffekt als darum, dass die Sache sofort funktioniert. "Wir wollen uns weiterentwickeln, wir wollen auch unberechenbar sein", sagte er. Die Mannschaft sei reif, Alternativen zum "Hauptsystem", dem 4-2-3-1 zu erlernen. Natürlich erinnert er sich bestens an das WM-Halbfinale gegen Spanien, wo seine Mannschaft nach dem Rückstand nicht in der Lage war, das Risiko zu erhöhen. Für solche Momente könnte die Erfahrung von Kiew taugen.
Und nicht zuletzt folgt Löw mit der Dreierkette einem Trend, der an einigen Standorten, wo viel Wert auf Dominanz gelegt wird, längst Alltag ist. Der SSC Neapel und Udinese Calcio haben in der vergangenen Saison erstaunliche Erfolge mit so einer Abwehrformation zustande gebracht, und in diesem Spieljahr war die Dreierkette bereits in Liverpool, bei Inter Mailand, vor allem aber beim FC Barcelona zu sehen.
In Spanien wurde der Versuch des Champions-League-Siegers vor einigen Wochen gar als "Revolution Pep" gefeiert, in Anlehnung an Trainer Pep Guardiola. Und weil Löw - wie alle ambitionierten Fußball-Lehrer dieser Welt - genau hinsieht, was in Barcelona gemacht wird, liegt es nahe, dass er das Repertoire seiner Mannschaft um diese Variante erweitern möchte. Denn mit Dreierkette kann man gegen traditionelle Systeme wie ein 4-4-2 in der Offensive praktisch permanent Überzahl erzeugen.
So wie die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit in Kiew. Zwar hat das Team auch da Konter zugelassen, den größten Teil der Partie konnte die DFB-Elf aber in die Hälfte der Ukrainer verlagern. Kroos hatte bereits in der ersten Hälfte mit einem präzisen Schuss den deutschen Anschlusstreffer zum zwischenzeitlichen 2:1 erzielt (39.), die Treffer durch die eingewechselten Simon Rolfes (65.) und Thomas Müller (78.) hat die Mannschaft sich dann aber durchaus verdient.
Auch weil Mesut Özil und Mario Götze nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser harmonierten. Und die drei, vier Gelegenheiten der Ukrainer auf ein viertes Tor hatten auch ihre gute Seite: Debütant Ron-Robert Zieler konnte zeigen, dass er ein wirklich guter Torhüter ist.
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