Lucien Favre in Dortmund Der beste Kompromiss

Mit Lucien Favre als Trainer geht Borussia Dortmund in die kommende Saison. Die Erwartungen an den Schweizer sind hoch, seine fachliche Kompetenz ist unbestritten. Doch Favre gilt auch als schwierig.

Lucien Favre
DPA

Lucien Favre

Von , Dortmund


Wenn er es nicht schon längst getan haben sollte, wird Lucien Favre in den kommenden Tagen stundenlang Fußballspiele von Borussia Dortmund der vergangenen Saison studieren. Dann sieht er, wie der BVB Bayer Leverkusen zerpflückte und zwei Wochen später mit derselben Mannschaft gegen den 1. FSV Mainz 05 stümperte.

Favre ist Dortmunds neuer Trainer, er folgt auf Peter Stöger. "Der BVB zählt zu den interessantesten Klubs in ganz Europa", sagte der Schweizer; er freue sich auf die Rückkehr in die Bundesliga. BVB-Sportdirektor Michael Zorc betonte die "hohe Wertschätzung für die fachlichen Qualitäten" des Trainers, der einen Vertrag bis 2020 erhält.

Favre gilt als besessen, wenn es darum geht, im Videostudium Abläufe und Schwächen beim Gegner zu finden. Seine vordringliche Aufgabe derzeit ist es jedoch, alles über seine neue, eigene Mannschaft herauszufinden.

Lucien Favre ist 60 Jahre alt. Er brachte Hertha BSC (im Schnitt 1,48 Punkte pro Pflichtspiel) und OGC Nizza (1,65 Punkte) nahe an die Champions League, mit Borussia Mönchengladbach (1,65) erreichte er sie. Nun trainiert er mit Dortmund erstmals eine Mannschaft, bei der von ihm erwartet wird, dass sie dauerhaft in der europäischen Eliteliga vertreten ist. Sich für die Königsklasse zu qualifizieren wäre für den BVB kein besonderer Erfolg, sondern das Erreichen des Minimalziels.

Favres wohl bester Spieler in Dortmund wird Marco Reus sein. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit in Mönchengladbach, von der Reus heute noch schwärmt: "Er ist ein sensationeller Trainer. Von ihm habe ich in meiner Karriere sicher am meisten gelernt."

Dass Favre und Reus nicht schon früher zueinander fanden, sagt einiges über den Schweizer aus. Bei Hertha BSC sollen sich einst nahezu alle Verantwortlichen darüber einig gewesen sein, den talentierten Reus vom damaligen Zweitligisten LR Ahlen zu verpflichten. Nur Favre habe gezögert. Ein Transfer nach Berlin kam nicht zustande.

Lucien Favre (l.) und Marco Reus im Jahr 2011
DPA

Lucien Favre (l.) und Marco Reus im Jahr 2011

Entscheidungsfreudig ist Favre gewiss nicht. Das macht es manchmal schwierig für die Sportdirektoren und Klubchefs, die mit ihm zusammenarbeiten. Favre kann anstrengend sein, weil er seine Arbeit perfekt machen will. Das kann nerven, mit der Zeit bleibt das kaum aus.

Die Fähigkeiten des Trainers, der selbst ein sehr passabler Fußballer der Kategorie "Regisseur" war, sind allerdings so anerkannt und nachgewiesen, dass Vereine die Schwächen in Kauf nehmen.

Favre gibt der Mannschaft sehr viel vor

Fußballexperte Christoph Biermann widmet dem Trainer in seinem Buch "Matchplan" ein Kapitel. Darin beschreibt er, was zunächst kurios klingt: Favres Mannschaften schießen vergleichsweise selten aufs Tor und lassen zugleich viele Schüsse des Gegners zu. Dennoch gelingt es ihnen, die - nach Wahrscheinlichkeitsrechnung ermittelten - Erwartungen an Toren defensiv wie offensiv zu übertreffen. Heißt: Favres Teams kassieren weniger Gegentore als zu erwarten ist, und sie treffen selbst besser.

Möglich wird dies durch die Situationen, die Favre durch seine Art des Fußballs herbeiführen möchte. Seine Spieler sollen im Strafraum zum Abschluss kommen, gestört durch möglichst wenig Gegner, möglichst zentral, nahe des Tores. In der Defensive soll dem Gegner so wenig Raum und Zeit wie möglich gelassen werden, zu schießen.

Favres Stil ist schwierig in die gängigen Konzepte einzuordnen. Ballbesitz ja, Gegenpressing ja, aber alles nicht in der extremen Form wie von einem Pep Guardiola oder Jürgen Klopp verlangt. Favre sucht die Schwachstellen des Gegners in seinen stundenlangen Studien, gibt seinen Spielern dann die Lösungen, wie diese auszunutzen sind.

Favres Ansprüche sind sehr hoch. Das wird ein Kriterium gewesen sein, nach dem sie ihn in Dortmund ausgesucht haben. Favre ist kein Klopp (den gibt es aus Sicht des BVB auch nur im Original), er ist kein Tuchel, kein Bosz, kein Stöger. Lucien Favre ist ein Fußballlehrer, der sich mit dem Bunten und Folkloristischen in seiner Branche inzwischen arrangiert hat. Er scheint der beste Kompromiss zu sein, den Borussia Dortmund nach zwei unruhigen Jahren finden konnte.



insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Grenat76 22.05.2018
1. Favre ist die beste Lösung - nicht der beste Kompromiss
Lucien Favre hatte seit seiner ersten Trainerstation in Echallens bei jedem seiner trainierten Teams stets überragenden Erfolg - und das mit sehr ansehnlichem Spiel. In D sind die Erfolge in Berlin und Gladbach hinlänglich bekannt. Jedoch schwärmen auch die Spieler und Verantwortlichen in Yverdon, Genf und Zürich noch heute von ihm. Das ist Fakt. Mir sind keine fünf europäischen Top-Trainer bekannt, die einen ähnlich eindrucksvollen Leistungsaufweis haben. Klar, Favre hat bislang keine europäischen Titel gewonnen. Doch das ist für mich nicht der Punkt. Für mich ist einzig entscheidend, ob ein Trainer in der Lage ist, ein Team signifikant besser zu machen. Und genau das kann Favre nur allzu gut. Die Bayern können sich warm anziehen.
fusieh 22.05.2018
2. Super Verpflichtung...
Favre passt aus meiner Sicht perfekt zum BVB. Seine Teams haben immer attraktiven und erfolgreichenFußball gespielt! Allerdings sollte bei Dortmund in Bezug auf den Kader ein großer Umbruch erfolgen, denn in den letzten Jahren folgten auf einen guten Fußballer, mindestens 3 Durchschnittsverpflichtungen... Spieler mit sehr guter Qualität, werden nicht zum BVB wechseln, daher wird es äußerst spannend, was Favre aus dem Team zaubert! Wenn Aki sein Ego in den Griff bekommt, kann Dortmund in der nächsten Saison erneut die Champions League erreichen und vor Allem das negative Image durch blamable Europapokal Auftritte wieder wegpolieren....
Mister Stone 22.05.2018
3. Beste Option
Es gibt derzeit auf dem Weltmarkt keinen Besseren, den man holen könnte. Die TOP 8 Trainer sind alle unter Vertrag und würden kaum freiwillig zum BVB wechseln. Also nicht nur eine gute Wahl, sondern vielleicht die Bestmögliche. Lasst ihn erstmal ein paar Schönwetterstars aussortieren und dann gezielt einkaufen. Dazu müssten nach den Abgängen von Dembele und Auba genug Groschen in der Kasse liegen: 2 wirklich schnelle kompromisslose Verteidiger, 1 Konterstürmer, 1 Knipser.
licht_und_schatten 22.05.2018
4.
Als ich hörte, dass Željko Buvač Liverpool nach einem Streit mit Klopp verlassen hat, habe ich innerlich darauf spekuliert, dass er den BVB übernimmt. Allerdings war mir schon fast klar, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering ist, dass Watzke u. Zorc ihrem ehemaligen Trainer so in die Suppe spucken. Wäre aber auch eine interessante Alternative gewesen. Nichtdestotrotz ist Favre auch aus meiner Sicht eine vielversprechende Lösung. Im Moment kann sich der BVB keine Experimente a la Tedesco erlauben. Die klappen nicht immer so gut wie dieses Jahr bei den Schalker. Abgesehen davon muss er sich mittel- und langfristig bewähren.
CancunMM 22.05.2018
5.
Zitat von Grenat76Lucien Favre hatte seit seiner ersten Trainerstation in Echallens bei jedem seiner trainierten Teams stets überragenden Erfolg - und das mit sehr ansehnlichem Spiel. In D sind die Erfolge in Berlin und Gladbach hinlänglich bekannt. Jedoch schwärmen auch die Spieler und Verantwortlichen in Yverdon, Genf und Zürich noch heute von ihm. Das ist Fakt. Mir sind keine fünf europäischen Top-Trainer bekannt, die einen ähnlich eindrucksvollen Leistungsaufweis haben. Klar, Favre hat bislang keine europäischen Titel gewonnen. Doch das ist für mich nicht der Punkt. Für mich ist einzig entscheidend, ob ein Trainer in der Lage ist, ein Team signifikant besser zu machen. Und genau das kann Favre nur allzu gut. Die Bayern können sich warm anziehen.
naja, in Berlin ist vor allem bekannt, dass er in der entscheidenden Phase der Saison als man auf Platz 2 stand Fehler gemacht hat. Favre ist ein Trainer für Platz 3-8. Will man mehr und das muss der Anspruch Dortmunds sein, ist er die falsche Wahl.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.